Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 4 (25.1.1906)
- Date
- 1906-01-25
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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w J) Religiöre ßrundfiitnmungen. Ei« Beitrag zur Pfncholoqie »er Moderne. Was uns an gewöhnlichen Tagen, wenn feine» Heftes frohe Zauberweisen unser Inneres ׳,um Klingen bringen, über den Weg läuft, wäre wohl der Mühe we׳t, festgehalten, in Len Kreis unserer Lebensguter eingereiht zu werde». Jeder Tag bringt uns eine neue Erfahrung und was uns gestern begegnet ist. wir können sicher sein, daß es heute uns in dieser Holge und dieser Zusammensetzung nicht wieder begegnen wird. Aber dies Neue genügt nicht, es erregt Unseren Sinn nicht in seiner ganzen Ausdehnung und Aufnahmefähigkeit und unser Erkenntnistrieb, unser Streben!:ach Neuem, Unbe- 'kanntem findet keine Befriedigung in ^em. was der gewöhnliche Tag uns bringt, hinaus über seine Grenzen lugt er nach einer tieferen Vervollständigung seines ungeheuren Verlangens. Wo aber findet dieses Streben sein Ziel? In den gewöhnlichen Ereignissen eines zufälligen belanglosen Einzellebens? Zn dem. was der Alltag erzeugt, der Alltag uns mißmutig in den Schoß imrft? Das ist zu eintönig, zu farblos, als daß ein seingestimmter Sinn daran sein Genüge fände. Zn ihrem ununterbrochenen und in dieser Kontinuität so ermüdendem Ablauf vermag die Woche nicht uns das ni geben, wonach wir uns sehnen, und je mehr Monate und Jahre unserem Hiersein beschieden sind, desto gründlicher lehrt uns die Ersahrung, daß nur ein unaufhörlicher Wechsel, ein buntes Harbcnspic! die gähnende Lehre verdecken, in die unser Leben endet und worin sein Inhalt sich erschöpft. Diese geistige Platzangst, dieser unverscheuch bare horor vacui. die Hurcht vor dein Nichts, er zeugt dann das 'Verlangen, aus einer gegeben:» Wirklichkeit hinauszukommen in eine andere Negion. wo sich's vielleicht besser und angenehmer leben läßt. Hür viele sind aber die Umzugskosten so unerschwinglich. daß sie sich lieber in der heimatlichen Enge noch einmal auf irgend eine Art einzurichten suchen, um nur nicht die Möglichkeit einer herben Enttäuschung auf einem sremden Boden zu riskieren. Das sind die Heigen, die Kurzsichtigen, die Energielosen. Einen erstaunlichen Grad heroischen Wagemuts offenbaren andere, denen die blaue Herne ein goldenes Märchenland zu ümhüllen scheint und die zufrieden sind, lvenn sie nur fortkommen, weit weg in eine Gegend, wo die Beschränkung des häuslichen Daches aushört und ein ungeniertes Leben niit freien Geistern und einer ungezähmten Natur möglich ist. Das sind die Idealisten, die abstrakten Denker, die nicht ruhen und rasten, bis sie alle konkrete Welterscheinungen in unsichtbare Atome zerschlagen und aus einer Natur kostbarer Wirtlichkeiten ein Gesvinst von Träumen und Tonlvellen gemacht haben. Es sind unruhige Mensch n. denen es vor den Schwielen bangt, wenn ihre zarren Hände genötigt wären, in aussichtslosem Ningkamps mit einer uneraründftchen. unbegreiflichen Stofswelt den geringen Vorrat an Muskeln und Nerven spannung, den der Mersch zur Verfügung hat, wahr zuncbuien. Was nun in einer solchen, oft mit großer Phantast!! ausgestatteten Traumwelt gesehen und erlebt wird, das ist allerdings so neu, so unver braucht frisch, so poetisch erdacht und älberiich fein, daß die ursptüngliche, natürlictx Heimat im Per gleich mit dieser neugewonnenen als Ausbund barbarischer Unkultur empfunden und verlacht wird und man sich beinahe schämt, aus solch Prosa»:» Niederungen in solch abgezogene, himmlisch reine Sphären verseht worden zu sein. Die Schöpfung einer neuen Welt gehl darum stets Hand in Hand mit einer Verachtung der l-eimiichcn, wie sie bei Pro vinzialeii zu bemerten ist, die nach langen Jahren eines gesunden, kräftigen Landlebens in die aut reibenden Nassinements großstädtischer Leben-Aust »inziehen. Keiner schimpft über das »ervenzerstörende Schellengeläut einer von der Weide heim kehrenden Viehherde so erregt, keiner spricht mit solch tiefer Indignation von den Wohlgerüchen einer S'all atmosphäre, wie der gewesene Landmann, der die Vorteile einer verfeinerten Urbanität nur mit Drein gäbe seines inneren Selbst erkaufen zu können glaubt. So läßt auch eine aus Gedanken konstruierte Ideal tvelt jede Beziehung zur wirklichen mit ihren Al"ogs kämpfen und - Sorgen beiseite und schiebt eine mäßige Schranke zwischen alles, was er will. Bon Aus׳ gleichunq, einer inneren Uedereinstimmuna zwilchen Ideal und Leben. Denken und Sein Phantasie und Wirklichkeit ist da keine Spur, alles greifbare und sichtbare wird als unvolltommcner Abglanz einer Weltvollendung, die kein Mensch in sich fühlt und fühlen darf tweil sonst an der 'Vollendung ein Makel wäre), in diesen Traum und Schaum mit hinein gezogen und einer Heldentat, die aus dieser frag mcntarischsten aller Welten, aus Anerkennung und innere Selbstdelohnung hofft, wird mit ungnädige»! Stirnrunzeln bedeutet: Das ist nichts, das sind Scherben: was der Mensch seinem wirklichen Leven an Ewigkcitsschätzen abzuringcn glaubt, besten Heimat ist nicht hier, dessen Wurzeln schlagen dort. Nicht einmal ethischen W׳ri besitzt eine solch traumhaft konstruierte Idealwelt. Zwar sollte man meinen, ein hochgespanntes Arbeiten nach oben und vorwärts und aufwärts wäre die »atürliche Holge solch rasender Jdeenkreise und je höher das Ziel, je schwieriger die Aufgabe, desto intensiber die Bemüh ung zur Erreichung dieses Zieles, desto energischer der Aufwand an Kraft zur Lösung dieser Aufgabe. Im Gegenteil. Die Aufgabe ist z u schwer. Dos Ziel ist z u hoch und zu weltentrückt. Solche Welten lassen sich erdichten, aber nicht erreichen. Was sie den lebendigen Menschen bieten, das sind Stunden höchsten ästhetischen Genusses, im übrigen Tantalus quälen, ein brennender Durst nach Versinnlichunq des nur ästhetisch Wahrgenommenen. ein gewaltsamer!Versuch. Millionen Meilen mi, einem Satz zu über!springen, und zum Schluß die ernüchterte Einsicht in die Nutzlosigkeit solch übersinnlichen Wunsche-. Da machen es doch untere Schulmeister bester. In den scharfbestimmten Grenzui des Erreichbaren stellen sie ihre Ausgaben und sieuen sich de» Erfolges ftner kindlichen Lösung. Darüber hinaus wagt lein Jugenderziebec zu schieilen. rdwbe, daß im '.Heirt'c des Geist׳-, wo die Großen ihre Uebungen machen, keine pädagogische Kontrolle cingesiihrl ist und aut dem Gebiete philosophischen Ealciils kein gestrenger Dberschulraj das vorwitzige Beginnen unsere: größtcn Denker mit den Worten abzuschneiden loggen darf: Sie haben Ihr Pensum überiNrilten. Tiefes ziellose Hinaiisivollcn aus der heunat lictzen Befthläntung hat sehr verschiedene '.'kamen, ric sein Wesen mil »ngleictier Prägnanz wiedergeben. Erstase, dichterische 'Verzückung. künstlerische Perception. individiielle Neligion. Allgesübl ich könnte, wenn es darauf ankäme, einen ganzen Waggon lieblich dusicnder Wortzusammensetzungeii vorführen, die sich alle bemühen, etwas nur in stillen Meikemomenitli lief im Herzen Empfundenes zu deutlicher Ausspraaie z» bringen. Dabei wird nun Alltägliches mit scsilich Gehobenem und feiertäglich u11ge,vvl,1>1,>^׳in. die nackte Prosa mit der aottllchsten Poesie oft fehl tuntllich ineinanoer gewoben und aus diesem Gemisch von ivilktichem Großen mi! ab stoßender B.in.'lil.'l tvrfiKti^ ein braiicbbales Gr schenk für- Leben, eine Wegzehrung ftir die Wander ung durch die paar Jahre zu gewinnen. Dabei sind es doch nur seelische Negungen die einen mehr oder weniger glücklichen Wortansdruck gefunden haben, die nicht von außen gelenkt und ftir einen fruchtbaren sswect verwerlct werden tonnen, die ganz von selbst aus eine:» tief erregten Innern nach außen dränaen. nieinals aber in einer fremden Seele voraus gefetzt werden oder gar in sie von außen bineingevflanz: werden könncn. Diese Herrlichkeit, diese religiö'e Erstase ist rein periönlich. Wer sie in sich empfindet, hat sie und dem kann sie nicht geraubt werden. Tor heit wäre es, die Empfindung solcher Heiligkeit-- fednsucht, ein Verständnis für die Kostbarkeiten einer solchen Neligion bei Außenstehenden vermuten oder gar als bedingende Voraussetzung ihrer Menschen bobeit fordern zu wollen. Persönlich ist sie aber erst neuerdings geworden, seitdem man sich auf das Recht des Individualismus besann und für seelische Regungen auswärtige Direktiven anfing zu verschmähen. Das war früher anders. Da war die Religion eine Macht, die nicht von innen zur Aeußerung drängte, sondern als eia siegreiches Element von außen durch alle Pforte׳: des menschlichen Wesens sich Eingang erzwan Dieser eigenmächtige Uebersall ward vielfach als gc waltsame Einengung angeborener Hreiheitsrechie empfunden, aber der Lrkan war eben noch nicht aus gebrochen, der die Welt in ihren Grundvrsten er schütterte und mit einer Umwandlung aller Mack! Stellungen sondergleichen auch die Rekiaion vo::1 Throne ihrer Alleinherrschaft herabzukrückcn drohte.!Tie Menschen, d!e damals geboren wurden, erzeugten .»j