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Der Israelit · 1906-01-25 · 4 (25.1.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
4 (25.1.1906)
Date
1906-01-25
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum Begründet du Dr. Lehmann in Iflaini 47. Aayrgting. Ernnhfnrt ,1. W., den lmnm' |iUH/ :2c>. ferüetf; eddd. 1׳^־ ,1114. Der Israeli! erscheint jeden Donnerstag. Abo««em»NtS: Gewöhnliche Ausgabe Mk l'»0 viertcliahrlich, Heilausgabe au» >tun׳»dr»ckpapirr IW. :1 vierieljahrlich.!Auslände preise für die ge»!׳. Ausgabe: Oesterreich 2 Kr, Rußland 1 Rub., England 2 uh, Amerika •V) cta, Niederlande 1,20 H.• Abonnements de» allen Posiansiallen. Bucbba»dl»11ge». sowie direkt bei der Erpedttivn, Hestausgade nur , direkt. Iuserale: G» Pfennig« ׳iir die j«chsgest׳atl«»e Eolonel Ieile: Radau »ach lari» Inseratenannabine nur durch Haasenstein L Vogler A..G »n Frankfurt a. M. und deren FUialru. va; rnllische Zndeninm uud di» Brüffeler Konferenz. Am kommenden Montag tverden in Brussel Vertreter der jüdischen Gemrinschaflen aus allen Ländern der Diaspora zusammentreten, um wieder einmal über die Lage der ruffischen Juden, über den Knäuel von quälenden Fragen, die man mit dem Namen ״Judenproblem" zu bezeichnen pflegt, Rats z» pflegen. Eine hübsch logisch gegliederte Tagest ordnung wird den Versammelten vorliegen, die init ״Berichten und Vorschlägen aus Rußland" anhcbt ״Berichte und Vorschläge aus den Immigration, ländern" folgen läßt und in der Schaffung einer gemeinsainen Hülfsorgan ׳ s a t 1 o n gipfelt. Welchen Tenor die Berichte a-- Rußland haben werden, ist unschwer vorauszusagen: ״die Zukunft der russischen Juden liegt außer halb Rußlands — in dem Lande der Progrome und der Beamtenwillkür kann auf dem Wege einer liberalen Reformära für die Juden kein Heil erblühen, sie iverden die Parias bleiben, denen die Duma-Männer höchstselbst das Tor in's Reich ihrer Freiheit vor der Nase zuschlagen werden." Schon beginnt die ״Well" als Jnltüduktion zu den Rrüffeler Tagen diese Melodie zu spielen, »nd es ist wobl kein Zufall, daß sich daraus mit logischer Notwendigkeit die Forderung der Heimstätte für das schutzlose russisch-jüdische Volt in Palästina oder sonstwo ergibt. Es wäre der erste verhängnisvolle Fehter, dessen sich die Konferenz schuldig machen würde, wenn sie sich dazu hergäbe, diese ganze Argumentation ohne ernste kritisch Nachprüfung mitzumachen! Wir mögen konferieren und organisieren soviel wir wollen — für die nächsten fünf Jahrzehnte zumindest müssen Hunderttausende unserer Brüder in dem ruffischen Schmelziiegel ausbarren, r!nd auch di« glühendste Erlösungszuversicht in die Wirksamkeit der zionistischen Arbeit reicht für sie nicht hin, ihr und ihrer Kinder Leben so lange Zeit hindurch mit innerem Gehalte zu erfüllen. Den ruffischen Maffen aus dem zur Ueberzeugung gewordenen Parteibe« wußtsein heraus, die Hoffnung auf Emanzipation in Rußland einfach zu vernichten, tväre mehr als eine bloße Färbung der Tatsachen, wäre eine Graus a m t e i t allerersten Ranges. Dies umsomehr, als die Entwicklung der Dinge in Rußlano von dem Verhalten der russischen Jude selbst kehr -vesentlich bedingt ist. Jede Hoffnung auf Besserung muß schwinden, wenn die geistigen Blicke der russischen Judenheit hypnotisiert auf die glänzenden Sterne des zionistischen Banner» allein gerichtet sind, statt alle Aufmerksamkeit darauf zu konzentrieren, auf russischem Boden langsam, wie's nun einmal die Weise der Geschichte ist, sich Luft und Licht zum Atmen zu erringen. Stellt sich die Konferenz auf den Boden dieser unseres Erachtens unabweislicben Voraussetzungen, so werden sich ihr nicht weniger bedeutungsvolle Aus gaben eröffnen, als wenn sie, die zionistische Diag nose einfach hinnehmend, sich vorwiegend mit Koloni sationsfragen beschäftigen wollte. Welckrer Art sind nun diese Aufgaben? Soweit es sich daruln handelt, die Tausende von ruinierten Existenzen in Rußland allinähl.ch wieder aufzurichken, die zersprengten Gemeinden — die in Rußland wirklich Kommunen, nickt allein religiöse Körperschaften '׳nd — zu sammeln, scheint es der Schaffung einer » uen internationalen Hilfsorganisation taum zu be dürfen. Nachdem neben der Anglo Jewish Assa riation, der Alliance isra«׳?ite, der Oesterr. i-r. Allianz auch Deutschland seinen ״Hilfsverein" hat erstehen sehen, dürfte die Zusammenfassung aller so organisierten finanziellen Kräfte von Fall zu Fall wohl keiner Schwierigkeit begegnen, »nd man hat nicht gehört, daß die Erfahrungen bei der letzten großen .vilfsaktioii die Bildung eines ständigen internationalen Verbandes rechtfertigten. Wenn die Konferenz dagegen in die Beratung über den Stand der Dinge auf geistigem Gebiete ein treten sollte, dann würde sie nielleicht zu wertvolleren Ergebnissen kommen, die den Ausgangspunkt erneuter Untersuchungen auf veränderter Grundlage bilden könnten. Ein guter Kenner der russischen Verhältnisse, Dr. S. B e r n f e l d . Hot in den letzten Tagen in einem hübsch geschriebenen Essai darauf hinge wirsen, daß zwischen der großen jüdischen Masse iw Osten und der wohlhabenden Klasse eine unübrr brückbare Kluft vorhanden zu sein scheine. Die Massen, so ineiüt er, haben absolut kein Vertrauen zu den wohlhabenden und intelligenten Volksgenossen, denen sie immer Egoismus und Kaltherzigkeit zum Vorwurf machen, während diese letzteren wiederum über die überdandqenommene Verwilderung der Massen klagen. Das Traurigste dabei ist aber, daß beide Parteien Recht haben. Es muß die Wahrheit gesagt werden. Unter den russischen Juden nimmt tatsächlich die Verwilderung der Massen in besorg׳ niserregender Weise zu. in erster Reihe infolge der gesetzlichen Beschränkungen, denen sie seit Jahr Hunderten unterworfen sind. Sick selbst überlassen, in die größte Armut versunken, der Beamtenwillkür schutzlos preisqegeben. jeder Möglichkeit beraubt, der Heranwachsenden Jugend eine bessere Erziehung zu geben, von den wohlhabenden und gebildeten Voltsgenossen kaum noch beachtet — unter solchen Verhält niffen sind jene Elemente entstanden, deren geistige Nahrung einzig und allein aus schlechtverstandenen sozialistischen Schlagwörtern besteht, die iknrn in jüdisch deutschen Flugblättern geboten werden. Es ist dies eine führerlose Masse, die darum »ms, leichter von ,edem gewissenlosen Agitator »in» Phrasenheld verführt werden kann. Für den Fort bestand des Judentums liegt darin di« größte G« fahr, weil dies die Assimilation von unten bedeutet. An diesein!üdischen Proletariat ist »ichis mrhc jü difck. als die jüdisch-deutsche Mundart, in der ihm die sozialistische Heillehre verkündet wird, und oa» jüdische Elend, an dem es allerdings an. wenigsten Schuld hat. Soweit Bernfeld. Wenn diese Schilderung der Wabrbeit entspricht — und es ist leider nicht daran z» zivejfeln —. s, scllrc das innere Elend der russischen Juden hest vor allein den Mittelpunkt der Tagesordnung bilden, nach der die Arbeit der Konferenz sich gestaltet. Freilich wird dort eine Gruppe von russischen ״Nota'oeln" vermutlich unvertreten sein, die bei der geistigen Erfassung jener Lebensfragen des russischen Judentums unentbehrlich sind: die russischen R a b b i n e n. Sie, die ja in ihrer großen Mehr- .,ahl niit der höchsten intellektuellen Durchbildung die klarste Einsicht in die Bedürfnisse der Volts ׳»asten verbinden, die vermöge ihrer Stellung als Berater und Freunde des sorgenbelasteten Faniilien vaters. des verzweifelnden Mütterchens auch dir Psnch» der vom neuen Geist erfaßten Jugend sehr wokl kennen gelernt haben, s i e müßten vor allein gehört werden, wenn es gilt, dem jüdischen Volke in Rußland moralische und materielle Hülfe zu dringen. In der Aussprach« mit diesen wahren Vertretern der russischen Juden würde sich vielleicht auch ein Anhaltspunkt für die Beurteilung der Frage ergeben, wo denn inmitten eines in jahrhundertelanger geistiger Disziplin erzogenen Volke» d i e ״führerlose M a s s e" h e r t o m m t. die den Agitatoren und Phrasenhelden ohne inneren Widerstand preisgegeden ist'' Uns scheint, daß eben die Schwächung und Untergrabung der r a d b i n i s ch e n Autorität. w!e sie von zahlreichen Führern der russisch jüdischen Publizistik seit Jahren systematisch betrieben wird, den Schlüssel zur Beantwortung jener Frage bildet. An einem mit echter ThorokenntniS erfüllten, an den Lippen seiner geistigen Führer Hangenden Geschlcchte ist die Verführung mit ihrer alle Leidenschaft aufwühlenden Gewalt von jeder wirkungskos abgeprallt, unv eine Volksschicht, die ver Dutzendweisheit der Demagogen zum Opfer fällt, muß vorher schon den letzrrn Rest von innerer Abklärung eingebüßt haben, wie sie Thorawissen und Thorageist verleihen. Ob dir Brüsseler Konferenz solchen Gedankenrethen aachgehen wird — wir wissen eS nicht, wir bezweifeln es. Um so ernster sollten wir uns ihnen zuwenden. Der Augenblick ist gekommen, in dem dringender akS je

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