Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 10 (11.1917)
- Date
- 1917-11-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
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15 Ist unter diesen Umständen die Auseinandersetzung mit dem Zionismus, einschließlich des Misrachismus, nicht eine logische, aber auch eine sittliche Notwendigkeit? Diese Auseinandersetzung kann und soll sachlich und vorn e h m sein — aber es ist nicht zu verwundern, wenn, in den Ländern des Ostens zumal, dabei auch manchmal die Funken stieben. Schlimm und schmerzlich ist es nur, wenn wackere Gesinnungsgenossen, angezogen durch die imposante Organisation des Zionismus, seine politische Technik und seine modernen Formen, alles Licht drüben im Lager der Gegner sehen und die Kinderkrankheilen der erst zum politischen Bewußtsein emporreifenden Orthodoxie in Polen in wenig liebevoller Weise bloßstellen. 4. Soweit die Orthodoxie in Frage kommt, ist es darum auch nicht richtig, wenn man dem Westen eine ungebührliche Ein- Mischung in die Verhältnisse des Ostens vorwirft. Abgesehen davon, daß diese sogenannte ״Einmischung" auf Grund des Aguda-Programmes von drüben feierlich gefordert und neuerdings von fast sämtlichen Rabbinen Polens öffentlich gutgeheißen worden ist, lagen die Verhältnisse in Polen so, daß nur die Wahl war, entweder die orthodoxen, politisch ganz ungeschulten Massen im Lichte der neuen Zeit widerstandslos allen fremden Einsiüssen anheimfallen zu lassen oder aber von Deutschland aus zu Hilfe zu eilen. Diese Hilfeleistung widersprach zwar den zionistischen Partei- Interessen, destomehr lag sie im Sinne des Thorawortes: ״Du sollst nicht stillstehen beim Blute deines Nächsten". über die Politik der deutschen Vertreter in Polen ausführlicher zu sprechen, ist hier nicht der Ort. Die ״Verordnung" vom 5. November, die Herrn D1-. F. in Übereinstimmung mit der zionistischen Presse so sehr mißfällt, darf nicht nach ihren äußeren Rechtsformen, sondern sie muß nach ihrem G e i st e beurteilt werden, und nach G e i st und I n h a l t ist sie so national-jüdisch, daß für ihre Aufrechterhaltung unter polnischer Herrschaft selbst die zionistische Partei im Grunde ihres Herzens dankbar sein würde. Sie ist so national wie die jüdische Religion national ist, und die R e l i g i o n s g e m e i nsch a ft, die sie konstituiert, trägt alle volkstümlichen Züge des überlieferten religiösen Judentums, in dessen Schutz auch der nationale Gedanke seit einigen Jahrtausenden doch eigentlich ganz gut geborgen war. Nur der Zionismus, der sich gegen diese seine Mutter, das alte Judentum, kehrt und an die Stelle des religiösen Volkstums den modernen entkonfessionalisierten Nationalismus setzen will, muß natürlich gegen diese Verordnung Sturm laufen, weil sie das nationale Volksleben auf dem Grunde und im Rahmen des reliiösen sich entwickeln lassen will. 5. Durch die vorstehenden Bemerkungen soll die ״Aguda" > nicht etwa grundsätzlich gegen das Prinzip der nationalen Auto-