Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 9 (10.1917)
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 just wie Sie das Jahr über in der Eisenbahn und in großstädtischen Hotels sitzt, kann die vielgepriesene Jüdischkeit in der Außenwelt schwerlich betätigen. Mit Verlaub, das kann jeder, weil jedem von uns die Gelegenheit dazu geboten ist, auch ohne daß er reist. Und hier möchte ich mir noch eine Bemerkung zum Kapitel Neuordnung erlauben. Wir sind auf den Verkehr mit Nichtjuden angewiesen. Geschäftsleute, Akademiker, Handwerker, Politiker oder die sich — dir'schu es sch'launi hoir! - zur Beratung über städtische, bürgerliche Fragen einfinden, alle treffen sie mit Nichtjuden zusammen. Sind die anderen nun einmal Nichtjudcn und wir gottlob Juden, so ist der Unterschied zwischen beiden eine unverkennbar gegebene Tatsache. W i r merken den Unterschied noch nicht einmal so scharfsinnig wie die anderen. Nach deni Gesetz sind wir deutsche Staatsbürgcr; nach dem Gesetz gibt es nur deutsche Geschäftsleute, Akademiker, Handwerker, Stadtverordnete. Aber das Gesetz steht auf dem Papier, und der Mensch auf dem Boden der Tatsachen, die gegen das Gesetz verstoßen. Wir wollen und sollen mit den Nichtjuden arbeiten, und sie sollen und wollen es mit uns; doch sic sehen in uns, nicht selten ohne jegliche böse Absicht, keine deutschen Staatsbürger, sondern deutsche Juden. Wenn wir das nicht wahrhaben wollen, wenn wir es dadurch zu verdecken suchen, daß wir uns gebärden wie sie, daß wir unsere Eigenart verbergen, dann regt sich drüben ein Unbe- Hagen, ein Abwehrtrieb; und die Schranke, die wir wegschieben wollten, wird vom anderen doppelt stark aufgerichtet. Zeigen wir uns dagegen ohne Zier, in allem Freimut und (bescheidenem) Stolz als Nurjuden, dann sind wir ihnen als Freunde willkommen, deren ״Religiosität" sie achten, als Menschen, die sich auch im bürgerlichsten Geschäft unterm Diktat ihres ״Glaubens" fühlen. Darum setze bu ruhig dein Mätzchen auf, wenn du dein Glas Bier mit ihnen trinkst. Darum vermeide nicht, sondern suche, trachte danach, im Gespräch irgend ein kurzes, einfaches Wort iibcr deine Jüdischkeit einzuflechten. Zeige dich ihnen als gewissenhafter, deinem Gottesgesetz treuer Jude, und sofort stehst du frei und anerkannt in völliger Gleichheit neben ihnen. Jngendgruppen! Wer von uns Alten cs nicht schon so übt, lcrnt's nicht mehr. Ihr aber lernt cs im Handumdrehen, Jüdischkeit in der Außenwelt zu leben; und gliicklich und stolz und aufrecht und frei macht es euch — GWGGGGGGMGGGGGGGGGGGGMGG Gedenket der Kriegsnot unserer Midien Brüder!