Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 7 (8.1917)
- Date
- 1917-08-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6467833-9641082-9641090--0369-6468403- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
li ״Rabbi von Bacharach" finden wir Schilderungen jüdischen Familienlebens, die sicher eigenes Erlebnis und nicht Ergebnis von Forschungen sind. Dach Erziehung und Neigung ließen Heines religiöses Empfinden nicht zur Entwicklung konimcn. Als Knabe kam er während der französischcn Periode in das Düsseldorfer Lyzeum, dessen Leitung in den Händen Schallmeycrs lag. Obwohl, dieser Jesuit war, lehrte er die Schüler der obersten Klasse doch die sreigeistigcn griechischen Systeme kennen. ״Es ist gewiß bedeutsam, und vielleicht kann es mir als circonstance attenuante lEntschuldigungsgrund) ungerechnet werden, daß ich schon im Knabenalter den besagten philosophischen Vorlesungen beiwohnen durftd." In, nian muß es Heine als Entschuldigungsgrund anrechnen, daß seine Umgebung ganz und gar nicht dazu angetan war, ihn zum selbstbewußten Juden hcranzuziehen. Es war sogar zuerst die Absicht seiner Mutter, ihu katholischen Theologen werden zu lassen. Doch sie erhoffte dann wieder mehr weltliche Ehren, und so sehen wir ihn denn im Jahre 1818 in Frankfurt a. Di'., wo er seine kaufmännische Laufbahn beginnen soll. Doch hierzu hatte er weder Neigung noch An- Ingen; daher hat auch sein neugcgründctcs Geschäft in Hamburg keinen Erfolg, und seine Angehörigen kamen zu der Ansicht, daß er nicht zum Kaufmannc tauge. Wir besitzen nur wenig Nachrichten über seine religiösen Ansichten aus jener Zeit. Es ist uns aber bekannt, daß der Anblick der Frankfurter Judengasse einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Doch die Entrüstung, die ihn gegen die Unterdrücker ergriff, war weniger seinem Stannnesbewußtsein zuzuschrcibcn, als viel mehr seinem Mitgefühl mit einem vergewaltigten Volke. 1819 finden wir ihn als jungen Studenten in Bonn wieder. Auch die Jurisprudenz machte keinen sonderliehen Eindruck auf ihn, und so besuchte er mehr philosophische und literarische Kollegien als juristische. Obwohl seine Eltern der Taufe nicht nur nicht abgeneigt waren, sondern sic ihm sogar anrieten, lag es bis dahin Heine fern, diese ״Fahnenflucht" zu begehen. Wenn er sich auch durch nichts mit dem Judentumc verbunden glaubte, so hielt er cs doch für unter seiner Würde, aus materiellen, äußeren Rücksichten seiner angestammten Religion abtrünnig zu werden. Doch es hatte sich seiner auch eine geheimnisvolle, schwärmerische Bewunderung des Christentums bemächtigt. Auf ihn, der für mystische und übersinnliche Dinge nur zu empfänglich war, machte der monumentale, gewaltige Bau des Christentums und der kindliche Glaube seiner Anhänger einen gewaltigen Eindruck. Er sieht den liebeskrankcn Jüngling nach Ccvclaar ziehen. Er opfert ein Wachsherz, damit seine Leiden geheilt werden; denn das