Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 6 (7.1917)
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 niert zu werden. Sehr viele von ihnen wurden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen mit Versprechungen aller Art durch gewissenlose Agenten nach Deutschland gelockt. Man hatte ihnen zuhause eingeredet, daß sie in eine Tätigkeit kommen, für die sie Eignung mitdringen und für die sie daher auch Neigung haben. Man hatte ihnen versprochen, das; sie in jüdische Umgebung und zu jüdischen Arbeitern kommen. Als Weiße Sklaven kommen sie an irgend eine Stelle in der Kleinstadt, auf dem Dorfe, wo sie keine Juden und keine Abnehmer für ihre Sorgen und Wünsche haben. Der Arbeitgeber ist verärgert, weil man ihm Leute brachte, die ihm wertlos sind, und die er vorläufig unterhalten muß. Er sieht das mangelnde Können als bösen Willen an, und diese armen Menschen haben darunter körperlich und seelisch zu leiden. Das gilt am meisten bei denjenigen, die zur Landwirtschaft gebracht werden. Welch moralischer Schaden und welch seelisches Unglück durch die Verpflanzung von ungeeigneten jiidischcn Arbeitern nach Deutschland angerichtet wurde, läßt sich kaum beschreiben: In Kasernen, die nicht immer hygienischen Anforderungen entsprechen, in Gesellschaft, die moralisch und geistig meist tief unter ihnen steht, zusammen mit meist polnischen Arbeitern, die ihrer unfreundlichen Gesinnung sehr drastisch Ansdruck geben; unter der strengen Zucht voil ungebildeten Aufsehern, die jedes Nichttönnenen als absichtlichen Widerstand anschen und bestrafen, die mit Schimpfworten und Schlägen auch die Schwachen und Kranken zur Arbeit treiben: so verbringen sie dort Wochen und Monate. Dazu kommt die Entwöhnung von allem religiösen Leben: Viele wissen es nicht bei ihrer Abreise aus der Heimat, daß sie zu Chillnl Schabbos und z;!m Genüsse verbotener Speisen gezwungen werden und sind naiv genug, zu meinen, daß jeder Ort in Deutschland, wie in Polen, eine jüdische Gemeinde hat; andere wieder meinen in ihrer Verzweiflung und im Anblick der Not der Familie, sich über religiöse Verbote hinwegsetzen zu dürfen; ein Teil wieder sucht mit großen Opfern, sich wenigstens von der llbcrtrctung mancher Verbote zurückzuhalten: Aber allen gemeinsam ist die Schwierigkeit, ein religiöses Leben an ihrer Arbeitsstätte zu führen. Das Wort des Talmuds meint, daß die Gewohnheit zur zweiten Natur wird, und man sieht cs leider bei sehr Vielen, wie sie immer iveiter und weiter vom religiösen Leben abirren.