Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 6 (7.1917)
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Monaten in den Erdgelasscn der Festungen und in den sibirischen Gefängnissen für dieses Wort geblutet! Für die Juden sollte die erhoffte Umwälzung den Abschluß eines Systems bedeuten, das mit Tscherta, Ausschluß, drakonischen Gesetzen und Progromhetzen bc- Mußt und ganz zielsicher ans Vernichtung und Ausrottung hinarbeitete. Nun ist das Wort, bislang ein Phantom, dem Einzelne, Schwärmer und Weltverbesserer, Leben, und Gesundheit geopfert, in Rußland lebendige Wirklichkeit, und schon gelang es dort bis zum gewissen Grade, der blutigen Saat erste goldene Ernte unter Dach zu bringen. Hat die kurze, gewaltsame Erftillung die langjährige, tränenreiche Erwartung gerechtfertigt, ist mit dem Zaren auch die z a r i s ch e K e Walt gebrochen und kann dainit unter die furchtbare jüdische Tragödie in Rußland endlich der letzte Schlußpunkt gesetzt werden? Zur Zeit fällt es schwer, so weit ein klares Bild der Lage zu gewinnen, um diese Schicksalsfrage befridigend beantworten zu können. Unwillkürlich tauchen die Gespenster der Erinnerungen an 1907 auf. Die nach dem japanischen Krieg vielverhcißend cinsetzendc Revolution war von kurzer Dauer, groß aber war die Rechnung, die ausschließlich die Juden zu bezahlen hatten, die Gegenrevolution gipfelte in den O k t o b e r p o g r o m e n und die ganze Frcihcitsbewegung ertrank in einem Strome jüdischen Blutes. Wenn aber nicht alle Zeichen trügen, so werden sich die Dinge von damals nicht wiederholen; denn einmal ist diese Revolution nicht allein von Revolutionären gemacht, sie ist von Faktoren beeinflußt, die sich bereits stärker erwiesen haben als die Flinten der Gendarmen und Söldlinge des Zaren, znm zweiten aber war das alte System bereits bis aus Dach und Grund so morsch, daß es, einmal zusammengestürzt, sich nicht mehr wieder aus dem Schutte erheben dürfte. Die Frage nach der Gestaltung der jüdischen Lage unter der neuen Macht bleibt nach all dem dennoch offen, solange noch nicht alle Krisen im Lande überwunden sind und noch keine Volksvert r e t u n g wirksam ist, die Grundlagen des Befrciungswerkes zu schaffen und anszubanen. So wäre es denn verfrüht, heute schon über die Entwicklung der Politischen, wirtschaftlichen und vor allem der religiösen Vcrhältnisse im jüdischen Rußland auf den neuen Grundlagen abschliessend zu sprechen. So viel steht fest: Die Kämpfe, die in Europa aus die Emanzipation für die Juden folgten, werden ihnen auch in