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Blätter · 1917-04-01 · 3 (4.1917) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
3 (1917)
Issue
3 (4.1917)
Date
1917-04-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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den Stempel des Persönlichen auf. Er ist also ein Sänger, ein jüdischer Sänger, ein Phämios oder Dämodakos, ein Walther von der Vogelweidc oder Hans Sachs, ein letzter Vertreter einer verlorenen jüdischen Volkspoesie in der Sprache, in der unsere Väter sprachen, und die wir heute „Jargon" nennen. Dieser alte, ehrwürdige Mann trug verschiedene Proben seines Könnens vor, darunter auch ein Lied — das ist mir in besonderer Erinnerung — in dem er das Tallis als den Begleiter auf den wechselvollen Pfaden des Lebens, in der ernsten Nacht des Todes und der schließlichen Auferstehung preist. Eine solche Gestalt läßt uns das Seelenleben der Ostjuden leichter verstehen und macht uns auch manches in ihrem Wesen klarer. Aber auch sie haben durch den Krieg uns näher kennen gelernt und haben gesehen, daß ein feldgrauer „Tatsch" noch fromm sein kann. Wie freuen sie sich darüber, wie gastfrei sind sie dann! Am Rausch Haschonoh war ich in B . . . Ich kam dort am Vortage hin, ohne dort einen Bekannten zu haben, außer einem feldgrauen Kameraden. Kaum aber hatten sie in der Synagoge gesehen, daß ich betete, da kannte ihre Aufmerksamkeit, die geradezu rührend war, keine Grenzen. Man rief mich auf und überhäufte meinen Kameraden und mich mit Ehrungen, wie man sie vielleicht einem fremden Raw mit Recht hätte zuteil werden lassen. Stets werde ich mit Rührung daran denken. Run zum Schluß noch ein letztes Erlebnis, das mich heute noch recht nachdenklich macht. In dem zerstörten und zerschossenen B.-L. ging ich an einem schönen Tage im vergangenen Sommer spazieren, um mir die große Stadt, die jetzt nur noch der Vergangenheit angehört, anzusehcn. Da fiel mir ein Haus durch seine vollständige Unversehrtheit auf. Als ich es näher ansah, erkannte ich ein Beth Hakenneses. Schließlich fand ich auch auf der Rückseite einen unverschlossenen Eingang, durch den ich das Gebäude betreten konnte. Innen war alles ausgeräumt und verlassen. Auch der Oraun Hakaudcsch, der Wohl zwei Meter über dem Erdboden lag, und zu dem eine Doppeltreppe hinaufführte, war vollständig leer. Wie ich später erfuhr, ist dies Gotteshaus das Beth Hamedresch von Reb Schau! Wahl, den ich zu meinen Ahne» zähle. — Wer weiß, wieviele Nachkommen jetzt die Heimat ihrer Ahnen betreten, und ob nicht gar mancher unter seinen Blutsverwandten hier weilt, ohne es auch nur zu ahnen?!

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