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Blätter · 1917-01-01 · 1/2 (Januar-März 1917) · p. Seite 11

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Journal
Blätter
Volume
3 (1917)
Issue
1/2 (Januar-März 1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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11 Herr Rabbiner Dr. A. Klein-Nürnberg sprach über das jüdische Kulturproblem im neuen Königreich Polen. Dank der gütigen Erlaubnis des Referenten sind wir in der Lage, in den vorliegenden „Blättern" seine zeitgemäßen Darlegungen allen unseren Freunden in Feld und Heimat zur Kenntnis zu bringen. Anfang März hielt Herr Rabbiner Ur. I. Unna-Mannheim einen tiefdurchdachten Vortrag über „Geistige Strömungen vor deni Weltkrieg". Aus dessen gedankenreichem Inhalt einiges kurz wiedergegcben sei: „Zwei Fragen drängen sich uns auf, wenn wir die furchtbaren Geschehnisse des Weltkrieges betrachten: „Was hat den Krieg verschuldet, und wie kann seine Wiederkehr verhütet werden?" Wir sind gewohnt, die Entstehung des Krieges nach rein politischen Gesichtspunkten zu betrachten. Doch was ist Politik? Doch letzten Endes nichts anderes, als der Niederschlag der geistigen Strömungen, die die Zeit beherrschen, denn sie formen die geistige Struktur des Menschen, die bestimmend ist für seine Wünsche und Ziele, die ja in der Politik ihre Verwirklichung erstreben. Sehen wir also den Weltkrieg als eine Folge der Weltpolitik an, so dürfen wir, wollen wir seiner Ursache nachgehen, die geistige Beschaffenheit der Völker vor dem Kriege nicht außer acht lassen. Da ist es denn eine zu starke Betonung des Machtgedankens, dem wir allenthalben begegnen, und als dessen lautesten Verkünder wir Darwin ansprechen können. Darwin verkündet das Recht des Starken dem Schwachen gegenüber im Kampfe ums Dasein, nur das Starke hätte ein Recht auf Existenz, das Schwache müsse untergehen. Die Vererbungstheorie, die dem Menschen die Willensfreiheit abspricht, nimmt ihm damit auch das Gefühl der Verantwortlichkeit. Und die Lehre, daß der Mensch nur Materie sei, hat geistig sittliche Werte in erschreckendem Umfange untergraben. Ist es Zufall, daß gerade in England Darwin entstand, in dem Lande, in dem der Machtgedanke wie in keinem zweiten zum Staatsprinzip erhoben wurde. Man umgab die staatlichen Machtgelüste mit dem Deckmantel des Nationalismus, und sofort waren sie schmackhaft geworden. So finden wir —, nicht nur in England — daß gerade die nationalen Parteien den Machtgedanken im Staate am lautesten betonen. Auch im Verkehr der Staaten untereinander hat diese einseitige Betonung 'des Nationalen die Gegensätze verschärft und sicherlich neben wirtschaftlichen Gründen den Ausbruch der Katastrophe verbreitet. Man gewöhnte sich, den Menschen mehr nach nationalen Gesichtspunkten, denn nach seinem wahren,

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