Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 6 (8.1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 wird nicht vielmehr alles umsaßt von einem einzigen Organismus? Und wenn das für die gesamte Geschichte der Völker gilt, in welch' höherem Maße muß es für bie, besondere Entwickelung unseres Volkes, unseres Judentums Gültigkeit haben, die wir mit tausend und abertausend Wurzeln in der fernsten Vergangenheit haften, die wir in unserer Geschichte selbst immer wieder Verbindungsfäden knüpfen, in ihr vorgekämpft und vorgelebt finden, was uns heute an Kampf und Leben beschieden. Unser Volk ist mit seiner Geschichte verwachsen, auch wenn es heute aufgeteilt mitten int Schicksalrringen der Völker steht. Gerade der Krieg hat mit eiserner Pflugschar so vieles aufgedeckt an jüdischer Kultur, jüdischer Geschichte, und das Interesse und wirkliche Verständnis, das dadurch erweckt wurde, hat ja glücklicherweise nicht nur in der Presse seinen Niederschlag gefunden, sondern auch viel von der so notwendigen Hilfsarbeit tni Osten gefördert. Aber auch im Westen, dorthin, wo unsere Gedanken jetzt so oft in banger Sorge wandern, wo so viele der Brüder, der Freunde—sonst unsere Kampfgenossen auf geistigem Gebiet — in blutigem Ringen stehen, auch ans dem Boden des nordfranzösischen Kriegsschauplatzes sind Spuren, die aufgedeckt zn werden verdienen, weil auch sie teilhaben an der Geschichte unseres Volkes. Die Juden Nordfrankreichs. Die Spuren — so einschneidend sie sind — liegen S Jahrhunderte zurück, und daran liegt es, wenn wir nur die Namen der einzelnen Großen kennen und nur so selten das Gesamtbild, das dieses Bruchstück jüdischer Geschichte umfaßt. Freilich die sogenannte äußere Geschichte, die Reihenfolge der einzelnen historischen Ereignisse im Leben der nordfranzösischen Juden bietet nichts wesentlich anderes als die Geschichte des jüdischeil Mittelalters überhaupt. Die Einwanderung von Juden im ehemaligen Gallien haben wir zur Zeit der römischen Eroberung festzusetzen, aber die Gründung von Gemeinden in den uns interessierenden Gebieten gehört wohl erst der Merowingerzeit an, also der Periode des Frankreichs, in der sich die Geschichte der nordfranzösischen Juden mit der ihrer rechtsrheinischen Glaubensgenossen vereint׳ zunächst eine durchaus günstige Stellung, wie ehemals im römischen impsriui» die volle bürgerliche Gleichberechtigung. War es ja die Zeit, in der da« Lhristentum selbst erst mühsam Wurzeln fassen mußte unter den heidnischen Wucherungen des Nordens und durchaus keinen Anlaß hatte, an jüdischen Pflanzungen Anstoß zu nehmen. Mit der zunehmenden Kraft der Kirche auf gallisch-keltischem Boden blieb natürlich der Bekehrungseifer der Geistlichkeit nicht aus und die antijüdischen Maßnahmen auf den nordfranzösischen Konzilen dieser Zeit