Mannheim
Compact Memory

Blätter · 1915-09-01 · 4 (9.1915) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
1 (1915)
Issue
4 (9.1915)
Date
1915-09-01
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6467833-6467833-9641066-9641072--0073-6468125
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 Grete Steinert-Berlin Trauer und Buße. eben in Trauer seines Volkes gedachte, dann tränenreichen Abschied von dieser Schmerzenszeit nahm, ergreift er die kommende Zeit, um in ihr aus der ihn lähmenden Trauer zur neue» kraftvollen Arbeit zu kommen- Wir erleben es an den Menschen, daß die Trauer um verlorene Güter sie bis in den Lebensnerv hinein packt, ihre Schaffenskraft gänzlich vernichtet Und hatte bisher ihr Wirken im Dienste G'ttes gestanden, so wird jetzt ihr Schmerz der Gebieter, dem sie Leben und Religion opfern- Nie ist uns das Begreifen des Schmerzes so nahe gewesen, nie hat uns die peinigende Angst vor dem Geschick so sehr durchzittert wie gerade in unserer gramvollen Zeit- Erft waren wir von der Wucht der Zeit so lähmend aufs Haupt geschlagen, das; wir uns in unseren Gedanken und Gefühlen nicht zurechtfauden- Aber das war nur zuerst, dann aber fühlten wir über dem stürmenden Meer unserer Seele den Geist G'ttes schweben- Und gleichsam als wären wir neugeschaffeu, sahen wir in G'tt die neuen Lebenspfade vorgezeichuet Er, der aus dem Chaos die geordnete Welt entstehen lieft, der immer schaffende G'lt, der an jedem Tage das Schöpfungswerk erneuert, Er bietet uns das Bild der Tat- Mit ihr trat er vor uns hin und tut in ihr uns Seinen Willen kund, den mir als Seine Geschöpfe zu dem unseligen machen sollen- Darum ruft Er uns aus der Betäubung zum Erwachen, aus der Tatenlosigkeit zum kraftvollen Wirken. Und gerade Er, der uns die Trauer ins Herz gesenkt, Er reiftt uns auch aus ihr heraus, damit wir ihn nicht verliere», damit wir uns nicht verlieren- Er will den Schmerz und die Erhebung; Er will, das; mir in Demut unsere Ohnmacht erkennen und will, das; doch des Menschen Blick frei und hoffend zum höchsten Himmel sich wage- Wie aber ist der Weg von der Trauer zum neuen Leben zu finde»? Wäre er so einfach, so selbstverständlich, es gäbe nicht so viel Entgleiste, so viel lebenslose Lebende unter den Menschen. Zur Klärung unserer bangen Frage möge uns folgender Gedanke leiten, den wir aus der Folge der Monate unseres Kalenders und der durch sie hervorgerusenen Stimmungen ableiten Dem Trauermonat Aw folgt der die innere Rückkehr vorbereitende Monat Elul- Der Weg von Trauer zu Bufte mag uns zunächst nicht als ein seelischer Ausstieg erscheinen- Denn Trauer und Bufte haben scheinbar Fesseln für den Mensche», die ihn in der freien Entfaltung seiner Kräfte hemmen Aber wie wir wissen, das; das Judentum seinen Bekennen: das Recht der Trauer ciuräumt, ja sogar das gänzliche Zusammensinkcn eines vom Schmerze Betroffenen versteht, so soll die Bufte für den Menschen nur ein Weg sein, der ihn auswärts zur Höhe bringt, der ihn in ihr den schönsten Seelenschmuck finden läßt und ihn zum Leben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.