Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 4 (9.1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Hermann Schwab-Halberstadt / Rausch Haschonoh. Das jüdische Jahr geht zu Ende; ein trauriges Jahr, aber doch ein großes; reich an Menschenleid, aber auch au Menschenliebe; ein Jahr, das sich seiner Menschen nicht zu schämen brauchte; wie ein einziger,, mächtiger Schofarruf ist es über unseren Häuptern verhallt, ein Mahner im Kampfe gegen Not und Drangsal; ein Jahr, das unsere Herzen weich gemacht und unsere Hände geöffnet, ein Jahr des Wohltuns und der Menschenliebe — Wie viele vergaffen ihr eigen Leid, vergaffe» die großen Sorgen des täglichen Lebens um des Leids und der Sorgen der anderen» die ihnen tausendfach größer dünkte», wie viele teilten das Wenige, das sie ihr eigen nannten mit anderen, die nicht einmal dies Wenige besaßen! Mit wehmütiger Genugtuung gedenken wir der Liebcstätigkeit für die Brüder in den verwüsteteten Teilen im Osten unseres Vaterlandes, gedenken der Hilfsorganisationen für die Hunderttausende, die die galizische Heimat flüchtend verlassen mufften oder als Geißel des Moskowiterreiches durch das siegreiche Vordringen der deutschen Heere entronnen waren, gedenken der Fürsorge für die aus so vielen Bezirken innerhalb Deutschlands aus strategischen Gründen verwiesenen russischen Glaubensbrüdern,, die mit uns gemeinsam für den Sieg der deutschen Waffen beten; gedenken des sorgenden Beistandes, der den jüdischen Kriegs- und Iivilgefangenen nach Maßgabe der jeweils erreichbaren Möglichkeiten zu Teil wurde; wir gedenken der Fülle von Wohltaten, die unseren Kriegern in tausendfacher Weise erwiesen wurden, der opferbereiten Speudenfreudigkeit, die das gesamte deutsche Judentum beseelte, der ungezählten Gaben der Liebe,, die unseren Soldaten von Einzelpersonen, Vereinen und Verbänden dankbar entboten wurden; gedenken der hingebungsvollen Mühewaltung, den Brüdern im Felde die Möglichkeit zu gewähren, den heiligen Pflichtenkreis des Judentums in seinen Kardinalpslichten wahrznnehmen und an den Pesachtagen sich im Geist mit den fernen Lieben und ihrer Festesfcier eins zu fühlen. Wir gedenken nicht minder des «lemilus Oie-sed, das aus den Herzen und Häusern Israels in überreicher Fülle in die Herzen und Häuser unserer nichtjüdischen Mitbürger strömte, gedenken der freiwilligen Hilfsbereitschaft, wo es galt, die Wunden dieses furchtbaren Krieges zu lindern und zu heilen. — Fürwahr — wenn eines imstande ist, den tiefen Schmerz um die Todesopfer dieses Jahres, die edlen, treuen und tapfer n Söhne unseres Volkes, das Herzeleid um soviel verlorenes Glücks um erstorbene Wünsche und begrabene Hoffnungen ertragen zu helfen» so ist's der Aufblick zu dem Genius der Menschenliebe, der wieder einmal in dem „Volke der Barmherzigkeit" seine lautesten Verkündev gefunden hat- —