Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 3 (7.1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Karl Ochsenmann-Frankfurt, Krieg und Religion. und die österreichische Regierung wird im eigenen Interesse, wie auch im Interesse ihrer jüdischen Bürger dem wiedereroberten Galizien das geben, was überall im Reiche herrscht: geordnete kulturelle Verhältnisse. Krieg und Religion. Von Karl Ochsenmann-Frankfurt. Der Krieg ist ein Erzieher und Umbildner. Wieviel ist in den schweren Tagen, die wir jetzt durchzumachen haben, auf politischem, auf wirtschaftlichem, nicht zumindest auf religiösem Gebiete schon umgelernt worden. In der Vorkriegszeit hatte der Gottesgedanke gar viele Ankämpfungen zu bestehen. Es waren ernsthafte Stimmen in nichtjüdischen Schulkreisen laut gewoeden, das „Alte Testament" ganz aus der neuzeitlichen Schule zu verbannen. Das „Alte Testament,, mit seinen Wundern, das da die Unterordnung alles Einzel- und Gesamtlebens unter den Willen Gottes fordert, es sollte nicht Hineinpassen in die moderne Welt, der alles war die menschliche Tat. Da kam der Krieg, der unfreiwillige Erzieher, und alle menschlichen Berechnungen wurden über den Haufen geworfen. Welcher Wandel in der Stellungnahme gegen die Bibel! Der religiöse Gedanke begann in die Tiefe der Volksseele einzudringen, und in dieser Zeit religiösen Auflebens wandte man sich wieder dem Alten Testamente zu. Die wundersame Führung Israels aus Knechtschaft zur Freiheit, seine Läuterung, die wechselnden Geschicke des auserwählten Volkes unter der Leitung gottgesandter Männer sollen im Unterrichte in Religion genutzt werden, das Erleben des Krieges nach der Seite des Sittlichreligiösen zu verwenden und zu vertiefen. Und die Psalmen vermitteln in unserer schweren Zeit tatsächlich vielen Menschengemütern weit über den jüdischen Kreis hinaus Erhebung zu Gott und bringen ihnen Erleuchtung und Trost, Kraft und opferfreudige Hingebung. Mancher ist mit „dem Faust in den Krieg hinausgezogen und mit der Bibel heimgekehrt". Aber der Krieg ist wie alles Leid nur ein bedingter Erzieher. Im Buche der Richter lesen wir, wie Israel in der Bedrängnis sich seinem Gotte zuwandte, im Frieden nach erfolgter Befreiung aber wieder fremden Göttern anheimfiel. Uns aber soll nicht bloß Not beten lehren. In welcher Lebenslage wir uns befinden, ob 1222 —