Mannheim
Compact Memory

Blätter · 1915-07-01 · 3 (7.1915) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
1 (1915)
Issue
3 (7.1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/6467833-6467833-9641066-9641071--0050-6468103
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6 Dr. M. W. Rappaport-Strij, Galizien. die z. T. jüdisches Können mit modernem Wissen verbunden hatten. Dazu kam, daß die Juden dort in einem Lande lebten, das jüdische Freiheit neben der allgemeinen bürgerlichen gewährte. Kurz, alle Vorbedingungen waren gegeben. Nur eines fehlte — der gute Willen. Da erscholl der Ruf vom Westen her, da regt sich dort der Wille zu einer jüdischen gesetzestreuen Organisation in der Agudas Iisroel. Auch Galizien hätte jetzt mitgearbeitet, doch eben, wenige Tage vor der ersten großen Versammlung, die der Agudoh ein festes Gefüge geben sollte, kam der Krieg und drohte die junge Frucht schon im Keime zu vernichten. Was hätte die Vereinigung des Ostens und des Westens nicht alles leisten können! Den frommen Juden dort in Frankfurt war gewiß ein Verständnis für ihre galizischen Glaubensgenossen aufgegangen, denn auch sie kannten den Gegensatz zwischen den kulturellen Verhältnissen und den Vorschriften der Religion, den Gegensatz zwischen religiösen Wünschen und praktischen Forderungen, und hatten ihn im Sinne der Religion auszugleichen verstanden. So weit war Galizien noch nicht gekommen. Empfunden hat es den Gegensatz anch, auch versucht, ihn auszugleichen, auch es fand seine Auswege, die aber selbstverständlich allzuoft anders ausfielen als die der Juden im Westen. Unsere Galizianer ließen allzuoft sdas Fatum walten. Stillschweigend mit verschränkten Armen lebten die einen nur der Beobachtung ihrer Religion — das praktische Leben ging über sie zur Tagesordnung über. Da waren andere fähige, tüchtige junge Leute, sie wollten arbeiten und sie arbeiteten auch. Aber ihre Berufe, die sie sich wählten, waren solche, die ein Wirken für das große Ganze von vornherein ausschlossen. Sie konnten der Beobachtung ihrer religiösen Satzungen gewissenhaft leben, aber auf höhere Lebensstellung, die ihnen ein großes Wirkungsgebiet geboten hätten, verzichteten sie im Namen der Religion. Dadurch kam es, daß die großen, ertragsreichen Beschäftigungen durch die Konkurrenz der nichtfrommen jüdischen Kreise in Bahnen geleitet wurden, die dem religiösen Leben gefährlich wurden. Der Schabbos für jene war nicht mehr der Ruhetag. Alle Nerven wurden angespannt für das Erwerbsleben, und kein Platz war mehr vorhanden für die Ideale, die in der Brust des Juden leben müssen. Das aber war für die große Menge gefährlich, denn das schlechte Beispiel wirkt meistens stärker als das gute, wie es jene dem Religionsgesetze treuen Söhne Galiziens boten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.