Mannheim
Compact Memory

Blätter · 1918-01-01 · 1 (1.1918) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
4 (1918)
Issue
1 (1.1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6467833-8970266-8970267--0475-6467847
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 Warschau gesandte Delegation war vom ersten Augenblicke an lediglich die Rücksicht auf das Wohl und Wehe der jüdisch-polnischen Bevölkerung selbst und zwar sowohl die Rücksicht auf ihre politisch? und wirtschaftliche Situation, wie auch auf die Erhaltung und .Kräftigung der religiösen Ideale' des polnischen Judentums. Nun war durch die Inanspruchnahme der Juden für deutsche Kultur und deutsche Interessen, die in der Hindenburg'schen Schnlverordnung mit ihrer deutschen Unterrichtsstunde für jüdische Schüler zutagegctretcn ist, das schon während der Russenzeit künstlich erzeugte Mißtrauen gegen die Inden in bedauerlichem Maß gestärkt worden. Sollte die Stellung der Juden innerhalb Polens nicht auf die Dauer kompromittiert und aufs schwerste gefährdet werden, so mußte dieser Fehler gntgemacht und dahin gewirkt werden, daß die deutsche Verwaltung ihr Desinteressement an den polnischen Juden als Juden erklärte. Das ist geschehen. Frühzeitig hat die Delegation glücklicherweise erkannt, daß die politische Tendenz der deutschen Verwaltung «ns die Schaffung eines selbständigen polnischen Staates hinausging, und daß es umso notwendiger war, selbst dort wo es eine gewisse Selbstverleugnung erforderte, im höchsten Interesse der jüdischen Bevölkerung freundliche Beziehungen zwischen dieser und der polnischen Öffentlichkeit herzustellen. Nachdem alle politischen Parteien Polens ohne jede Ausnahme mit Entschiedenheit ablehnten, aus Polen einen/ Nationalitätenstaat im Sinne Österreichs werden zu lassen und der ganze Enthusiasmus des zu neuem Leben erstehenden polnischen Volkes sich auf den Gedanken des National st aates konzentrierte, konnte die Delegation schon aus diesem Grunde den Forderungen der nationalistischen Kreise nach einer national-kulturellen Autonomie für die Juden keinen praktischen Wert beimesseü. Herr Di-. Kohn ist persönlich der Meinung, daß auch vom religiösen Standpunkte aus eine national-kulturelle Autonomie zu verwerfen sei, weil sie durch Zurückdrängnng des religiös-konfessionellen Monzentes den wahren jüdischen Nationalismus, den Nationalismus der Thora, verfälsche und die Leitung der Volksangelegenheiten den der Religion entfremdeten nationalistischen Führern in die Hand spielte. Allein, ganz abgesehen von diesem Moment, scheitere in Polen die Forderung der national-kulturellen Autonomie an dem entschlossenen Widerstand der Polen selbst. Demgegenüber nun a u ß o r p o l n i sch e Instanzen, etwa den Friedenskongreß, anznrufen, um den Polen eine national-kulturelle Autonomie der Juden aufzuzwingen, sei der größte politische Fehler, den man begehen könne, und würde selbst im Falle des theoretischen Gelingens zu ähnlichen, wenn nicht zu weit schlimmeren Ergebnissen führen, als die Tragödie der bürgerlichen Gleichberechtigung der Inden in R u m ä n i e n. Unter diesen Umständen mußte es die „Agudas hoortodoxim", an deren Spitze anerkannte Führer der polnischen Orthodoxie stehen, als ihre dringendste Aufgabe erachten, gemäß den alten Traditionen der polnischen Juden die Gefühle der Brüderlichkeit und der Treue dem neugebildeten polnischen Staatsrate ohne nationalistische Autonomie-Forderungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.