Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 43 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6492351-8722841-5938247--0213-5377751- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 171 — zum drittenmal nach Palästina und er erlangte vom Sultan die Erlaubnis ein Stück Land zu kaufen für die 80.000 Dollar, die ihm Herr Juda Turo lestamentarisch für Jerusalem bestimmt hatte. — 1866, als die Pest in Palästina wuthrte. reiste er wieder dahin und legte eine Wasserleitung an, wodurch der Gesundheitszustand vnbeffert wurde. 1873 reiste er zum letzten Male nach Palästina. ateS Staunen erfüllt uns, wenn wir diese Missionen, ore erfüllt, uns vergegenwärtigen. Wenn wir an dir Mühseligkeiten und Gefahre» denken, mit denen diese Reisen verbunden waren. Sie sind unternommen zu einer Zeit, wo noch keine Eisenbahnen und Dampfschiffe das Reifen erleichterten. Wegestreckrn, zu denen man heute einige Tage braucht, wurden damals erst nach mehreren Wochen zurückgelegt. Auch Gefahren drohten ihm mehrmals, von denen allen Gott ihn errettet. Als M. die erste Reise nach Palästtna unternahm schwebte sein Leben in höchster Gefahr, da England damals mit der Türkei im Kriege begriffen war. Einmal wurde er in Hebron von Räubern überfallen und nur mit Mühe gerettet Bei der Rückreise au» Petersburg über die Newa brach da» Eis und ein Führer fand seinen Tod. Zn Italien stürzte der Wagen und der Fuhrmann kam unter die Räder. Montefiore kehrte nach Genua zurück und blieb so lange dort, bi» derselbe geheilt war. (Hier sehen wir seine Menschenliebe auch im Kleinen.) Wersen wir zum Schluß einen Blick auf die näheren Familienbeziehungrn Montefiore'» und seine Verdienste um sriu rngere« Vaterland, da» ihn ja ebenfalls mit den höchsten lfhren autzeichnet. .Montefiore" ist rin kleinr» Städtchen im Kirchenstaate, wo frül»er die Vorfahren unsere- Montefiore lebten. Sein Großvater zog nach England, er hatte 17 Kinder. Tin Sohn, Iosua Montefiore, diente im Heere und war später Advokat, lfin aiiderer. Joseph Eliah, gründete ein Geschäftshaus; seine Frau gehörte der bekannten Familie Mocatta an. die sich durch Reichthum und Wohlthätigkeit stet» auSzcichncte. Unser Mose« wurde auf der Reise seine» Vater» nach Italien geboren. Zum Jüngling gereift, trat er al» Freiwilliger im Kriege gegen Napoleon in'» Heer ein nnd brachte r» zum llapitain. 1812 heirathetc er Judith geb. Cohen, diese» Ideal einer jüd. Frau, an der er mit unverlöschlicher Liebe bis an ihr Lebensende (1862) hing. Durch diese Ehe wurde er mit dem Hause Rothschild verwandt, denn der Sohn de» Begründer« de« Hause» Rothschild in England, Nathanarl, heirathete eine Schwester der Lady Judith, andererseits hatte rin Bruder Montefiore'- die Schwester von Nathanael Rothschild zur Frau. Montesiore stand mit Nathanael Rothschild in Geschäftsverbindung »nd >var an dem reichen Gewinn diese» Hauses betheiligt. E» ist bekannt, durch »velchen Umstand Rothschild den Grund w seinem Reichthum gelegt hat. Bor der Schlacht von Waterloo 1818 hatte sich Nathanael Rothschild auf dem Kriegsschauplätze begel>en. um den AuSgang der Schlacht abzuwarten. Kaum war der Sieg der Verbündeten entschieden, al» er ein Roß bestieg und eilends die Rückreise antrat. Mit Lebensgefahr und großen Opfern bestieg ers, trotz de» gewaltigsten Sturme», ein Schiff und kam glücklich an'» Land. Er kaufte alle in Folge de» Kriege» mit Napoleon ju sehr niedrigen Coursen stehenden StaatSpapierc auf, und 2t Stunden später, al» die SiegcSnachricht ankam, war er ber reichste Mann in London. An diesem Gewinn hatte Roiitefiorr auch seinen Theil. Auf Rath seiner Frau trennte sich jetzt von Rothschild, denn sie sagte, er solle sich bc- 1»ügen mit dem, wa« ihm Gott gegeben und sich nicht aufttgniden Specnlationcn hingebc». 1824 gründete er die chte Leben«- und Feuer-Versicherung in London, ferner eine Versicherung für Schiffe. Auch gründete er die erste GaSgeselljch>,ft brr Welt. Obwohl ec die erste Zeit große Verluste daNc. verlor er den Muth nicht, bi» er später, nachdem diese «rsi'heruug sich Anerkennung verschaffte, hiedurch große Reich, lhämcr erwarb. Ec errang durch seine Stellung große» Ansehen im Lande und wurde befreundet mit den Prinzen, dem Herzog von Clarence, dem späteren König Wilhelm IV und dem Herzog von Kent, Georg, dem Vater der regierenden Königin Victoria. Der Herzog von kent, der sich mit der Prinzessin von Leiningen verheirathet hatte, lebte in Deutschland. Eine« Tage» besuchte ihn Montefiore und machte ihn barauf aufmerksam, daß nach englischen Gesetzen nur der ein Recht auf den englischen Thron habe, der in England geboren sei. Er rathe ihm diese» Recht «sicht zu verscherzen und nach England zurückzukehren. Dieser folgte dem Rathe, so daß dadurch die jetzt regierende Königin Victoria ihr Recht auf den Thron echielt. In England unterhielt der Herzog und die Herzogin das FreundschaftSverhältniß mit Montefiore und die Königin erinnert sich noch mit Freuden der Zeit, da sie als junges Mädchen im Garten Montefiore'S lusNvandelte, zu dem bekanntlich Montefiore ihr einen goldenen Schlüssel hatte anfrrtigen lasten. Welche» Vertrauen er genoß und wie sehr er bestrebt war, seinem Baterlande zu dienen, beweist, daß er auf der Rückreise von Palästtna vom Capitän de» Kriegsschiffes Briefe und Depeschen zur Uebergabe an den Herzog von Clarence erhielt. Mantefrore reiste auf dem englischen Kriegsschiffe und auf vierspännigem Wagen durch Frankreich und Italien und übergab noch ehe er in sein Hau» einkehrte, die Briefe dem Herzog. Tag» Darauf empfing ihn der Herzog und fragte ihn. wa» man im Oriente über den Krieg England» denke, worauf er erwiderte: .König!. Hoheit, wenn die Fahne England» verletzt ist, dann ist der Krieg unvermeidlich". Diese Antwort gefiel dem Prinzen sehr. Al» die Königin 1837 auf den Thron gelangte, ernannte sie Montefiore zum Ritter, er wählte al» Wappen eine Ceder zwischen zwei Bergen. Er wurde 1837 zum Sheriff gewählt, nachdem Salomon« schon früher diese» hol>e Ehrenamt bekleidet hatte, aber ohne de» Eid leisten zu können. Montefiore leistete zum ersten Mal den Eid mit bedecktem Haupt, die Hand auf die Bibel legend. Das Festessen, welche» bei der Einführung der beiden Sheriffs gegeben lvurde, verherrlichte die Königin durch ihre Gegenwart und Sir Mose» sprach die l)errlichen Worte in einem Toaste: .England wird beiveisen, daß die reinste Freiheit, Vaterlandsliebe und die wärmste Anhänglichkeit an der Religion gut neben einander bestehen können". 1848 war er wieder Friedensrichter in der Grafschaft Kent. Da« sind wahrlich keine kleinen Dienste, die er seinem Vaterlande geleistet. Al» die Christen von den Drusen verfolgt wurden, stellte er sich an der Spitze^einer Sammlung; große Summen wurden ihm zur Verfügung gestellt. Ueberhaupt kennt dieser edle Mann, wo e» gilt. Leben zu retten, keinen Unterschied zwischen GlaubenSgenoffen und Andersgläubigen, können wir un» wunder». wenn schon der 99. Geburtstag diese» seltenen Manne» in so großartiger Weise gefeiert wurde. Wohl uoch nie sind überhaupt einem Juden solche Ehren zu Theil geworden. Die ganze Stadt RamSgate feierte, StaatSgcbäude. Schulen waren geschloffen, «irchenglocken läuteten, alle Häuser ivarrn geschmückt. Unzählige Deputationen überreichte» ihre Glückwünsche. die er alle stehend empfing. Die Königin, viele Große de» Lande» sandten ihre Glückwünsche, der Kronprinz erschien selbst. Ein Volk, daß einen Montefiore erzeugt, einen Mann, der glühend seine Religion und sein Volk liebt, ein solcher VolkSstamm muß kräftig und gesund in seinen Wurzeln sein. Alle Anklagen gegen unsere Religion und unser Volk, sie werden thaisächlich ividerlegt durch MoscS Montefiore. Wie eS von Abraham heißt: .Schaut hi» auf den Fels, au» dem ihr gel)tiuen seid". So ist er jetzt der Mittelpunkt der zerstreuten Juden. Er hat die Juden de» Osten» und Westen» einander näher gebracht. Biele seiner Pläne sind ui» Herz de» jüdischen Volkes eingedrungen. Seine Ideen hat die Alliance israelite universelle ausgenommen und Große» zur Besserstellung uuserrr Glaubensbrüder im Osten geleistet. Wenn einst mir Gotte» Hilfe die Hoffnungen Israel» sich erfüllen iverKen, lvean