Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 42 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 167 u brr Seite de« Rabbiner», der da« Seser Thora getragen. ,il dem breit angrkämmten Barte einhergehen sah. der hat vch nie rin glückliche« Gesicht sehen! Natürlich ist e«. daß auch seine Frau nicht zurückblieb, u>b sich mit einer großen Schaar Weiber ebensall« in die rynogoge begab. I» der Synagoge hielt der Rabbiner. m>r er da« Seser Thora in die heilige Lade setzte, eine rojjr Rede, in der er iiachjuweisrn suchte, daß die Gabe int* solche» Seser Thora inehr bedeute, al« Kindersegen, es da heißt, schloß er. »die Kinder der Frommen sind idic Wohlthaten!" — so glücklich fühlte sich Awrom Joseph, daß er sreudetniulai zu seiner Frau in die „Weiberschul" stürzte, sie bei ta H»n>d saßte und sie »ach sich sortzog bi« vor de» Radßner hi», der mit dem Seser Thora in den Armen vor der tätigen Lade stand. »Schau her. Weib" schrie er i» fast «,h»sin»iger Freude aus de» Rabbiner zeigend »Da hast lu unfern Sendik*) und diese« da" deutete er auf da« Leser Thora »da« ist unser Jüng!" Dieser sonderbaren Bezeichnung fehlte e« nicht an einem Unten Gelächter, da« die Menge erhob. Awrom Joseph Me ausgelacht werde», Awrom Joseph, dem der Rabbiner selber, da» Seier Thora in die Synagoge trug — er hätte de Leute ohrfeigen »lüge»! Ader er ließ c« vorläusig dabei, sie auszuschrrien — da« Gelächter jedoch wurde nur um so schallender und je lauter er die Leute anschrie, um so allge- «mer wurde da« Gelächter. Sollte da« nicht seinen Zorn aregc»? „Was!" schrie er in steigender Entrüstung, »wollt'« Ztzr mir enva venvehren, daß ich meinem Weib sage, daß dr Rabbileb ist unser Srndik und daß da« heilige Seser lboro unser Jung' sei!'/' Da erhob sich gar ein so stür- »mdes. brausende« und schallende« Gelächter, daß man zlaudcn müßte, die Synagoge ivolle krachend auSeinandrrgehr». tlwrom Joseph verlor de» letzten Rest von Fasiung, und schrie mit gebieterischer, vor Wuth schnaubender Stimme: .schkozim,-) sage ich, schweigt, sage ich. Schkozim!" Mehr brauchte e« nicht — Awrom Joseph war gerichtet! »Srndik mit dem Jüng'" lautete die Parole, welche die gaina in die Welt hinaustrug, von Hau« zu Hau«, von Synagoge zu Synagoge, allüberall nur dasselbe »Sendik ml dem Jüng". Zeigte er sich irgendwo auf der Straße, »ar doch nicht zu vermeiden >var, da öffnete sich irgendwo an Fensterchcn und »Sendik mit dem Jüng!" kicherte daraus cm lustiges Stimmchen. Ec drohet hinauf mit dem Stecken, ta wuchs es hinter seinen» Rücken wie au« dem Boden Yuans, ein kleine», lufriges Bürschchen und »Sendik mit im Jung!" zwitschert'« geradezu ihm in dir Ohren hinein, lkr dreht sich um und husch, war da» Bürschchen verschwunden, «der von der ziveitcn Seite zwitschert« schon wieder „Sendik mi dem Jüng!" Sendik mit dem Jüng vorne, Sendik mit dem Jüng Hinte», er hätte rasend werden mögen und daß rt e» auch beinahe schon ivar, das hat wohl der Leser aus da klemm Bekanntschaft erfahren, die mein Onkel mit ihm Macht hat. Den Kolpat jedoch, die Hornbrille, den Stecken mit dem silbernen Griff und die runde tiefe TabatSdose. alle jene 3»signien ei»r« Gemeindevorsteher«, konnte, wollte er dennoch »chi lasse» und mit diesen zeigte er sich fast jeden Tag in da Synagoge. O, diese Synagoge, die mar einmal dazu bestimmt, h« Verderben zu bringen, er sollte hier noch den letzten Mgen Tropfen kosten, der sein Leben vergiftet hat! I» der Synagoge nämlich gerieth er durch seinen Ehrich ui einen Eonflict mit sich selber, denn zu den größten iihrm derselben gehörte doch da« öftere Ausgerufcnwerden DR Thora. — Run aber müssen von dem Aufgerufenen vor vd nach dem Borlesen de« Wochenabschnittes zwei verschiedene Legmssprüche laut hergesagt werden und n»an hätte unser» •) li» heißt eigentlich .Sandik" (Syndikus), womit derjenige benannt der wahrend de« Beschneidungarte« da« Sind aus dem «choß hält. **) Lumpengesindel. Awrom Joseph auf der Stelle todtschlagen mögen — mit den Segen«sprüchen wollte e« dmnoch nicht sott. Der Arme, er zerquälte sich da« Grhiru. büffelte sie ganze Tage ein und er hätte sie auch vor sich selber hersagen mögen, aber wenn e« einmal dazu kam, vor der ganzen großen Gemeinde, husch! da waren sie ihm auf einmal au« dem Gedächtniß verschwunden. (Fortsetzung folgt.) Allerlei für de« Familirrrlifch. Mörtitz, End« September. Hier verschied »ach kurzem Krankenlager rincr unserrr geachtetsten Mitbürger, der frühere Kaufmann Moritz Wirr »k zow«ki, in» Alter vo» 88 Jahren. In den verschiedenen Ehrenämtern, die er in unserer Stadt seit den öOer Jahren bekleidete, hat der Berstorbenc sich »»»getheilte Hochachtung und allseitig« Sympathien erworben. Da« Amt eine« Stadtverordneten versah er vom Jahre 1874 ununterbrochen, nachdem er bereit« ei» Jahrzehnt früher der Versammlung angrhört; namentlich in Schulangclcgenhciten war sei» Urtheil von wesentlicher Bedeutung. Außerdem hat er in zahlreichen Vereinen reiche Wirksamkeit entfaltet. Einen unersetzliche» Verlust erleidet die hiesige jüdische Gcmciildc. deren Mitbegründer, jahrelanger Vorsteher und unermüdlich sorgender Führer der Verstorbene war. Die trefflichen Eigenschaften de« Manne«, der Wohlwollen gegen Jedermann im Herzen hegte und übte, sicher» ihm bei Allen, die ihn gekannt, da» ehrendste Angedenke.i. Bei seiner Beerdigung zeigte sich die hohe Achtung, in der er hier stand. Ein hiesige« Blatt schreibt darüber: »In dem zahlreichen Trauergefolge bemerkte» wir außer den Spitzen von königlichen und städtischen Behörde», eine große Anzahl Freunde und Verehrer des Heimgegangenen, so»vie den weitaus größten Theil der Gemeinde-Mitglieder. Da« Andenken de« Heimgegangenen, welchem dnrch die Aufbahrung in der Synagoge, die höchste kirchliche Ehre seiten« seiiier Gemeinde, erwiesen ivordcn ist. wird in unserer Stadt in Ehren bleiben." Z>elreczt». Im Bethause der Orthodoxen waren hier am Vorabende de- BersöhnungStage« die Andächtigen in überaus großer Anzahl versammelt, lim 8 Uhr Abends geschab c«, daß ein Mann zufällig den Brenner eine« GaörohreS herabwarf. Gefahr kann in solchen Fällen nicht entstehen, denn der etwas höher aufflammende Strahl de« Gase« kann leicht zurückgcschraubt werden. Der Tempeldicner rief den im Hofe Wacht haltenden Feuerivehrmann herbei; dieserlicf in den Tempel uud blieS, inderMeinung e« sei Feuer, in seine Signalpfeife. Als die auf der Galerie postirten Feuerwehrmänner hierauf ein Gleiche« thaten, wurden auch schon Rufe laut: „ES brennt!" Im selben Augenblicke entstand ein unbeschreiblicher Lärm unter den Anwesenden. Die Männer warm bald im Reinen über die Situation und würden ruhig auf ihren Plätzen geblieben sein, wenn sic nicht um da« Loo« il,rer auf der Gallrric befindlichen Frauen und Familienmitglieder besorgt geivesen wären, wa« auch si. veranlaßte, dem Ausgange zuzudrängen. Auf der Gallerte stürzte Alles der einzigen schmalen Auögangsthür zu, vo» welcher eine steile Treppe hcrabführt. Aus dieser hatten arm Frauen Platz genom'.ien, die im Innern deS Tempels feinen Platz gefunden halt» n. Es entstand nun eine entsetzliche Verwirrung. Die Fr tuen traten einander auf die Kleider, stießen einander hina.ls und hinunter und unter heillosem Angst- und Hilfegeschr i wollte jede da« eigene Leben rette». Die armen Frauen, dsi auf den Stufen der Treppe saßen, wurden beinahe zertreten. Eine Frau stürzte kopfüber die Stiege hinab und ihr folgte bald eine zweite. Hierzu kan, noch, daß die Männer, die nun heraufstürmcn wollten, um. den Ihrigen hilfreiche Hand zu bieten, den Platz vor der Treppe ganz besetzten, so daß auch die wenigen Frauen, die in dem entsetzlichen Gedränge herabkamcn, nicht vorwärts konnten. Bon den -verunglückten rollte eine Frau die Trepp, über die Körper der anderen herab und brach sich eine»