Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 35 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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1884. *85. Jüdisches Inhalt: Zur jtatrrtaltni ni Kelthnms fit die iarirlitifdjf I»gea-. Die Aeschichtr meine« Großvater«. ikrztihlimg von Fannl Ne»da. — Jüdische LtlhoueNen au« Galizien. Bon Ralhan Samuely. XU. Red Leiser, der tzamaa. (Fortsetzung.) — Beide! Henry Ttrvudberg und da« Iudrnthum. (Fortsetzung.) — Allerlei für den Famillentisch: Gin kaiserlicher Vunsch. — llobleriz. — Marseille. — Jüdische Bilder au» Galizien. Bon vr. Heinrich Goitlteb. — Au« de« Sprachschatz de« Talmud, von Max Weinberg. — Rllthsel»Ausgabe». — Rilthsel-LSsungen. Die Geschichte «eines Grotzvaters. Lrzllhlung von Fanni Neuda. VI. IR«ch»nnk ver«»«»».I Pchet«. „Rachel mein Lind, bist Du drinnen fettig mit dem Aufräumen?" »Ja. liebe Mutter," tönte die Antwort. „Etz ist alle« in Ordnung. Auch ein Straub der Blumen, die er so gern hotte, steht schon auf dem Tische." Rach diesen Worten erschien die alte Mirjam, au» der onstobenden Küche kommend, auf der Schwelle der Stube, und übersah dieselbe; sie war zufrieden mit dem Werke ihrer Tochter; di« höchste Reinlichkeit waltete vor. Alle« war blank und hell und ein festlicher Schimmer schwebte darüber. Auch die schöngetigette Satze, die auf dem weiß gescheuerten Fenstcrbrttte in der Rachmittag»sonne lag. putzte sich, al« ob sie e« wüßte, daß heute rin lang, und heißersehnter Bast, der geliebte Sohn de« Hause«, erwartet werde. Mirjam nickte beifällig: »Auch ich bin in der Küche sertig." sagte sie. sich auf einen Sessel nirderlosirnd. »Die Luppe ist »gott«wunder" wie gut; bei dem ersten Löffel wird er'« spüren, daß die Mutter sie ihm gekocht hat." Eine Throne, halb der Freude und halb der Wehmuth, rollte über ihre gerunzelten Wangen. »Acht Jahrr," fuhr sie fort, »ja acht lange Jahre haben ihn meine alten Augen nicht gesehen! E« ist kaum zu be» «reisen, wie ich e« au«gehaltrn, wenn man bedenkt, wie viele Tage in diesen Jahren und wie unzählige Stunden in diesen dielen Tagen mich die Bangigkeit nach ihm gequält, und wie da« Mutlerherz, da« ja leine Sorge um eine Sorge hat — wie Dein Bater sagt — sich mit traurigen Einbildungen abgehärmtl War e« heiß, glaubte ich mein ferne«, liebe« Kind matt und müde zu sehen und ohne Erfrischung und Erquickung; war e« Winter, durchschauette mich doppelt jeder Frost, und jeder Windstoß, wett ich mir meinen Moi« in nnem dünnen Rvckchen, in der kalten Stube vor Kälte litternd vorstellte. Bald ängstigte ich mich, daß er krank sei, »old. daß ihn die« und da« quäle, ohne daß ich ihm helfm, ihn pflegen, ihn trösten konnte. Kein guter Biffen schmeckte «>r: denn ach — er litt ja indeffen Roth! Die Borwürfe, die Ihr mir über mein Grämen machtet, nutzten nicht«; denn r« ist einmal in unserer Natur: je mehr wir lieben, desto «ehr wir fürchten. Dock Gott sei gelobt! heute geht e« zu Ende, heute kommt er ja!" »Ader liebe Mutter" sagte die Tochter, »besorgt sie an» blickend, e« wäre doch möglich, daß er erst morgen käme. Du solltest Dich nicht mit den Gedanke» vertraut machen, damit, bei Deiner Erregung —* »Rein, nein, er kommt heute," unterbrach die Alte sie schnell, al« ob der au«gesprochene Zweifel schon Unheil bringen linntr. »Mein Herz sagt e« mir. er kommt." Und einen «lick auf die Uhr werfend, rief sie: »Geschwind, mein Kind, -«schwind, gied mir mein neue«. blaue« Umhängeluch und b>b un« gehen l" »Wohin, liebe Mutter?" »Dem Stallwagen entgegen!" »Dazu ist e« noch viel zu frühe, gute Mutter. Du müßtest vielleicht eine Stunde gehen, ehe er kommt, und Du hast Dich heute ohnedie« genug abgemüht. Doch — Ah — liebe Mutter —" gespannt horchten die beiden Frauen. Ein jugendlicher Manne«schritt ließ sich vernehmen. „Sollte er e« sein?" Die Mutter lehnte sich erregt, unfähig einen Schritt zu thun, an da« Möbelstück, bei dem sie eben stand. Rachel stürzte zur Thür, diese öffnete sich — ein Jubelschrri erscholl, und ein blühender, junger Mann umschlang die alte Frau, die vor Seligkeit außer sich an seiner Brust lag, während Rachel beide mit ihren Armen umfaßte. Bald darauf kamen auch der Bater und die Brüder nach Hause, und die l>rglückend« Scene de« Wiedersehen« erneuerte sich. Mit stolzer Befriedigung sah jede« der Familienglieder auf den Heimgekehtten, dessen Ruf hoher Gelehrsamkeit vor ihm hergegangen war und sich schon längst in seiner Vaterstadt verbreitet hatte. Auch seine männliche Schönheit — die schlanke, kräftige Gestalt, da» Gesicht voll edler, energischer Züge, beherrscht von der leuchtenden, hohen Stirne, die geistvollen Augen, die für sie in treuester Liebe sttahlten — erfreuten ihr Herz. Heimlich winkten und zwickerten sie sich zu, mit den Augen einander fragend: »Wa« sagst Du nun zu chm?" Rach dem Abendmahle ward da« »Mitgebracht'«" von dem Gaste au«gepackt. Dir Mutter empfing eine feine, au« echten Goldperlen gewirkte Haube, wie die Frauen sie damals trugen. Die Schwester erhielt einen Seidenstoff zum Hochzeitskleid«; denn sie war mit einem braven Manne verlobt worden. Wenn auch minder Wetthvollc«, doch auch ihrem Geschmacke Entsprechendes bekamen die Brüder. Erst zuletzt ward dem Bater sein Theil. Moi« legte, halb verstohlen, ein Säckchen mit Silberthalern in besten Hand und sagte leise, fast demüthig: »Eine Beisteuer zu Rachel« Berheirathung." Abraham blickte überrascht darauf, dann füllten sich seine Augen mit Thränen vor Rührung und Freude. Die Ber» vollständigung der Mitgift für seine Tochter war al« schwere Frage auf ihm gelegen; »un sah er sie mit einmal durch seinen lieben Sohn gelöst. Ein DankeSwort trat auf seine Lippen; doch der junge Mann, um e« abzuschneiden, überreichte ihm schnell rin vorsichtig umwickelte« Dokument, mit den Worten: »Seht, Baier, nieine Hattora". E« war die« sein Besahigung-zeugniß zum Rabbinate, von dem Prager Rabbi, seinem hochberühmten Lehrer Ezechiel Landau in den ivärmsten. lobreichsten Ausdrücken, eigenhändig geschrieben: er prie« ihn darin al« seinen Liebling-schüler der jeder Gemeinde, in der zu wirken er berufen sen, sollte, zur Ehre und zuni Segen gereichen werde. Der Bater nahm mit feierlicher Miene, voll innerer Bewegung da» Schriftstück zur Hand, wischte seine große Brille, ehe er sie aussrtztr. sorgfältig mit dem blaugedruckten Sacktuche ab und la« erst leise für sich, dann von den