Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 20 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/6492351-8722841-5938214--0097-5377657- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«57.'.> Jüdisches 1884. 1t>lIk1ß>.Ktil>ße her „)srielltische> Wocheilchrift". -' r- Inhalt: ,«"*» twrtlUV «wIkhIkIi. - Jllllich« «lUxm/llr» OMII^h. «»„ ««Hon «nmiuhi Ui)|« *,l*",<* I»I«*W4 für lni Aimlllnilll«: iNum^iikn. «,ap»I. - UiitMum. — MlilM. — Auf»»«,». — V rlnUfini. rte letzte Aahrt. <ki», «lrllich» »> Unter den Angestellte» oer Bahnlinie von Pest nach Leglad n»ar auch ein Jude, Ramena Adolf Krau«. Seine liollege« hielten sich ihm fern und er suchte ihre Gesellschaft „<fy. Auf Freundlichkeit rechnete er nicht und ihre Schmähungen erwiderte er nicht Noch nicht lange im Dienst, war er eifrig und gehorsam und envarb sich dadurch die Zuneigung de« allen Lokomotivführer« Winkelman». unter dem er al« Heizer dieulk. Al« Winkelmann sich pensioniren lieh, hatte Krau« ein vorzügliche« Führerexamen gemacht, sein Diplom erhalten and rückte an seine« Lehrmeister« Stelle. Da« erweckte ihm den Neid der Kollegen. Je mehr dieser sich zeigte, desto wehr zog sich Krau« zurück. Muhte er in dem Station«. Echlafraume mit ihnen die Rächt zubringen, wo er nicht die Wache hatte, dann wurde sein Gruß kaum erwidert, schweigend aber la» er sein Buch, indeh die Anderen johlten oder spielten. Am ingrimmigsten letzte ihn Karl Szölösp, der 2 Jahre länger als Krau« diente, in der Prüfung auch da« Recht, eine Lokomotive zu führen erworben, aber kein Diplom erhalten hatte. Dah der Jude r« weiter gebracht, al» er. da« lieh ihn nicht zu Ruhe kommen. Der Jude ist Schuld daran — er soll« buhen. Zwei Lokomotiven sollten einen Loldatcntran«port befördern. Die Hauptlokomotive wurde »an Krau«, die HilfSmaschine ron Szülösy geführt. Dieser, neid> voll, wollte nicht Ordre parircn, obschon die Oberleitung de« Zuge« Krau« ausdrücklich anvertraut worden war. Deshalb «achte Kr. auf der nächsten Station Meldung, da er unter olchm Umständen für die Sicherheit de« Zuge« nicht rinstehen konnte. Sz. beschimpfte auch den Stationsvorsteher. .Die verfluchten Juden hätten auf der ganzen Bahn da« Heft in Händen-. Die Folge war. dah Sz. nicht weiter Mimt durfte und von der Direktion i» die Stelle eine« Heizer« zurückgcsetzt wurde! Mit Krau» anzubinden war ounmehr sein Dichten und Trachten, aber den ersten Schlag dm er führte, vergalt Krau» damit, dah er ihn vor die lhür warf und diese ihm vor die Rase verschloß. Darauf zing ein ganze« Jahr ruhig hin. Um Mitternacht stand aus dein Bahnhöfe Pest der Schnellzug bereit. Ein starker, grohgewachskuer Man». Namen« Walraf. steht trüb und düfirr blickend auf der Maschine. Schon ist der Lastzug Smeldet, nach dessen Eintreffen der Schnellzug seine Nacht. hn antreten soll. Thränen dringen in da« Auge de« starken Manne«, sein ganzer Körper bebt und ivindet sich in krampfhaften Zuckungen, denn ein 14 jährige« Mädchen lieht auf dem Perron, sie weint und fleht: „O, Batcr — nimm doch Urlaub, komm nach Hause — sieh' die Mutter leidet furchtbar —sie meint, sie werde in den Schmerzensnöthen verßchen müffen! Nur Dich ruft sie. Dich möchte sie bei sich Ichrn im Sterben!" Walras eilt nochmal« zum Borsteher hin, « bringt abermal« die Bitte vor, einen anderen Führer den «chnkllzug zu übergeben. Aber der Herr antwortet ihm: -Du weiht r«. wie bei un« Alle« bi« auf'« Pünktchen von *) Au« dem Hebräischen übe.fetzt. Oben her geregelt ist. Für un« giebt», sobald der Befehl Heben ist. kernen Sonntag und keinen Feiertag. Keine ckstcht darf stark genug sein, de» regelmäßigen Gang de« Dienste« zu unterbreche». Ich kan» Dir nicht helfen!- In stummer Berziveisrlung starrte der Lokomotivführer aus den Vorsteher hin, so dah dieser tief bervegt nach 'urzem Sinnen rief: „Eine einzige Aussicht giebt'« »och, Dir zu helfen, wenn ein zuverlässiger und anerkannt tüchtiger Führer mit dem Lastzüge ankommt, den ich den Schnellzug anvertraurn darf, und er übernimmt'» aus unftrer Beider Bitte, sein-» Rul)etag hinzugeben und sofort mit dem Schnellzuge ivirder abzu» fahren — dann ,nagst Du hkimgehen! Doch bezweifle ich'« sehr, ob sich ein solcher Stellvertreter finden wird, denn die Sach« hat zudem »och den Haken, buft die Bremse »un sehr schwer geht.- Hierauf rief er dem Assistenten zu: „Wer fährt den Lastzug?- .Krau« ist der Führer-war dir Antwort. Da seufzte Walraf schwer auf und Thränen entströmrcn seinen Augen. Denn dachte er, nun ist Alle« verloren, der Jude wird mir diesen grohen Dienst nicht leisten mögen, dazu grollt er mir zu sehr, habe ich ihm doch auch manchinal gar übel mitspielen helfen. Der Vorsteher dagegen rief, al« er den Namen Krau« hörte: „So — Krau«? Da« ist ein braver, tüchtiger Mann, der allezeit treu seinen Dienst lhut. Ihm darf ich den Schnellzug ruhig übergeben und so wird Dir, Walraf. schnell geholfen sein-. Langsam fuhr der Lastzug ein. Kaum hielt er, so erschien Krau« vor dem Vorsteher, der ihm ungesäumt sein Begehren und die Bitte seine« College» Walraf aussprach. Gedanken mancherlei Art. für und wider streitend durchzuckten Krau«, doch schnell entschlossen wie« er die Hah- und Rachegcdanken von sich und sprach: „Ich will«!- Der Vorsteher lchüttelte ihm die Hand. Al« aber Walraf sic ihm reichen und danken tvollte, wandte er sich ab und ging zur Maschine. Der Vorsteher rief ihm noch nach: «rau«, paß wohl auf, die Bremse ist in Unordnung. Beim dritten Klingeln sprang Krau« auf die Lokomotive, ließ die Signalpfeife ertönen und der Zug verließ die Station. „Gieb Feuer,- befaßt Krau«, nachdem er auf den Thermometer gesehen, und verließ seinen Platz um dem Heizer Raum zu geben, daß er Holz und Kohlen unter den Kessel schütte. Da >ah er'. >ver mit ihm fuhr. Mit nicht eben freudigem Er» staunen erkannte er seinen Todfeind — Szölösy. Der Schnellzug, der nur Wagc:>. erster und zweiter Klasse führte, lief pfeilschnell dahin. Die Reisenden plauderten noch in sicherer Heiterkeit und im Packwagen, welcher hinter der Maschine war, saß der Zugführer an seinem Tische und ordnete seine Papiere. Der Zugführer stand in seinem überdachten Orte vor den beiden Fenitcrn und blickte prüfend und aus Alle« genau achtend hinaus. Mit der rechten Hand hielt er den Rcgulatorgriff, mit der Linken dieHandhabrde« Hebel«. Hinterihmstand derHcizer, dessen Augen mit verzehrende)» Grimme auf den Führer gerichtet waren, und zerklopfte mit einem großen Hannncr di- Steinkohlen. „Halte die Bremse fest,- befahl der Führer und ließ die Signalpfeife mächtig tönen. Eine kleine Station mit einer Minute Aufenthalt und wieder ging« hinaus in nächtige« Dunkel. Um die Fahrt zu beschleunigen, gab der Führer