Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1884
- Issue
- 3 (1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
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— 11 — Arund? Man fügt hinzu, daß tat Gebrauch bei anderen israelitischen Familien stattfindet; wir wissen e« nicht; hier in Pariselbst — in den reichsten Häusern, ja in den reichen besonder» — ßkschieht die« oft; wa« beweist die« ander«, al« baß diese Familien der Mode folgen, daß sie den Werch der Kundgebung nicht herau«sühlen. dem sie sich beigesellen, oder baß sie. um der Mode zu folgen, leichten Sinne« über ihre Smipeln hinwegsetzen, oder endlich, daß Gleichgiltigkeit der Hrund ihrer Handlungsweise ist. Unsere Correspondentin appellirt — und nicht mit Un* recht — a» unsere aufgeklärten Kenntnisse: Da« Pnncip der Duldsamkeit und da« Gefühl der Menschenliebe efisiiren ohne Zweifel bei un« im höchsten Grade: wir werden gern unsere Kinder zu den „WeihnachtSbäumrn" unserer christlichen Freunde führen, aber. . . >vir werden sie bei un» nicht cinbürgern. verändern wir ein Mal für einen Augenblick dir Situation: nehmen wir an, eine israelitische Dame, Lehrerin in einem christlichen Hause, wollte bei ihrem jungen Zögling die traditionellen jüdischen Ehanukalichter ejnftihren, würde -a« gebilligt werden? Ter häusliche Herd muß rcsrrvirt sein — al« Schaubühne und al« Lehrstätte — dem Üultu« derjenigen. welche ihn bewohnen; denn die Kindheit ist nur zu geneigt, den Inhalt mit der Form, da« Symbol mit der Lehre zu identi» fuirrn; unsere Achtung und unsere Liebe für die Mitbürger verschiedener Culte verträgt sich sehr wohl mit der gewissendasten Haltung der Lehre und Traditionen de« unsrigen; jede andere Handlung führt zur Abdankung und der Israelit darf, einem bcrühinten Worte zufolge, nieder sich aufgeben, »och sich übcrheben. Isidore Eahcn." Ei» Brief Heinrich Heine'». Da« .Magazin für die Litteratur de« In» und Auslandes'. veröffentlicht in der ersten Nummer seine« 53. Jahr» gange» einen interessanten Brief Heinrich Heine'« in den Begründer de« Magazin«. Joseph Lehmann, len wir nachstehend zum Abdrucke bringen. Da« Schreiben, in welchem auch die vielbesprochenen Memoiren Heine'« lirwahnung finden, ist .Au« dem Schmerzenslager zu Pari«' bann und lautet wie folgt: .Liebster Lehmann! Ihren freundlichen Brief habe ich -cilern erhalten und beeile mich umsomehr, Ihne» zu schreiben, da ich Ihnen anzcigen muß, daß dir Piäccn die Sie mir zugeschickt haben, mir durchaus nicht zu Hände» gekommen find. Da« Packet mit diesen kleinen Druckschriften, da« Sie »adrschrinlich auf die Eisenbahn hierher gegeben haben, ist d>» zu dieser Stunde nicht angckommrn. Ich bitte Sie, gefällig,', darüber an die Behörden ein Rundschreiben zu erlassen. Ich hoffe, aus diesem Wege wird mir da« Packet bald zukommen. — Wenn nicht durch Zufall, erfahre ich jetzt «ar mchi». da ich gänzlich isolirt lebe, und außer meinen dnden Sekretären, die aber zu anständig sind, um sich mit dm deutschen Klatsch zu beschäftigen, sehe ich keinen einzigen Teuische». Mein Buchlsändlcr schreibt mir nur. >va« seine eigenen Inierrssen betrifft. Au» Schonung wird mir vielleichi Manche« von dorther verschwiegen, was sehr lächerlich M. da ich bereit« frülser gegen alle Rohheiten abgehärtet »ar und jetzt gar den nieisten weltliche» Eitelkeiten abgestorben bin. Meine Frau hat die meisien Deutsche» von «innen, Hause verscheucht, manche sogar im wahren Sinne dc» Worte« hinausgeschmisse». Auch sind viele in den letzten oahrcn thril« durch den Tod fortgerafft worden, theil« ab- -rrris, oder sitzen in Irrenhäusern und Zuchthäusern, so daß »h. wir ich Ihnen sage, vom Vaterland« nicht« erfahre, wa« wir manchmal »othwendig wäre, in Fällen, wo ich einer bemmmtrn Lüge widersprechen müßte, und in dieser Beziehung würde e» mir sehr lieb sein, »venn Sie mir häufiger schrieben, «ichrrlich kann mich Nicht» verletzen und Manche« kann mich >°Sar amüsiren. Dann auch, da ich. sobald ich wieder zur Rübe komme, mich ganz in meine .Memoiren' versenken weror, kann irgend eine Mittheilung über Schicksale und Tran«formationen landSmännischer alter Freunde für mich von einigem Nutzen sein. Manchen glaube ich lebend, der längst tobt ist, und Manchen glaube ich todt, der blo« dumm geworden ist oder schlecht.- Ich gebe meine Werke französisch bei Michel Lävy fr&res herau«. die man mir al« Verleger empfahl. Ich hatte die Wahl zwischen ihnen und einem andern Verleger, der ein ehemaliger Bonetier. da« heißt baumwollener Nachtmützen-Fabrikant: war. und ich gab Erstercn den Vorzug, vielleicht eben weil sie vom Stamme Lcvy. Ich glaube, daß Herr Levy darum nicht minder eiu ehrlicher Mann ist und mein Vertrauen verdient, und ich — sollte ich mich auch zu meinem grüßten Schaden irren — ich darf von dein alten Voruriheile gegen die Juden mich nicht leiten lassen. Ich glaube, wenn man sic lyeld verdienen läßt, so werden sie tvenigsten« dankbar sein und weniger übervortheilen, al« ihre christlichen Kollege». Die Jude» überhaupt sind geistig zurück und nicht moralisch zurück. Eine große Eivilisation de« Herzen« blieb durch eine unterbrock)e»c Tradition von zivei Jahrtausenden. Ich glaube, sie konnten deshalb so schnell theilnehmen an der europäischen Kultur, weil sie in Betreff de« Gefühle« nicht« zu lernen hatten und nur da« Wissen sich anzueigncn brauchten. Doch da« wissen Sie Alle« besser wie ich, und e« mag Ihnen nur al« Wink dienen zum Verständiß dessen, wa« ich in meinen „Geständnissen' gesagt habe. Aber wenn ich auch Eampc den Auftrag gebe, dieselben Ihnen zu sende», so bekommen Sie c« doch erst an dem Tage, wo auch der Messias cintrifft, wenn er der alte» Tradition nach auf einem Esel kommt und nicht die Eisenlmh» benutzen will. — Ich weiß kaum, wa« ich diktirte, so schläfrig macht mich nämlich der Ürbcrgcnuß de« Opium« und ich schließe, indem ich nochmal« für Ihre Güte danke und Sie freundschaftlich grüße. Heinrich Heine." Bus Lasker'S Leben. In der Barth'schcn Wochenschrift „Die Nation" widmen die liberalen Abgeordneten aller Schattirungcn Rückcrt, Hünel, Gneist und Baumbach ihrem Eollegcn LaSker warmherzige Nekrologe. Baumbach erzählt darin u. A.: „Merckwürdig war e« mir, daß Laskcr der antisemitischen Bewegung gegenüber nicht au« der Ruhe kam, und ich muß in dieser Hinsicht nach den Eindrücken, welche ich im täglichen Verkehr mit ihm gewonnen, dc» gcgcnthciligen Behauptungen > in der Presse widersprechen. Wohl »ahn, er den lebhaftesten - Antheil an der Bewegung, wclck)c z» Gunsten« der unglücklichen! russischen Juden namentlich von London au ging, woselbst die! große Rathhausvcrsammlung am l. Februar 1882 unter dem j Vorsih de« Lordmayor stattfand, uachdein die deutsche anti» , semitische Bewegung, in'« Russische übersetzt, zu unerhörten! Greuelthateu geführt hatte. Aber für die Berliner Iudenhctzc ' hatte er eher Worte de« Mitleid« al» der Verachtung. Ich crinnrrc mich, daß Berrhold Auerbach am Abend vor seinem Geburtstag seinen Freund Lasker aufsuchtc und da« Gespräch auf die Antjskmitcnbewcguug brachte. Mit Thräncn im Auge erzählt uns der greise Dichter, ivie man in einer Berliner Restauration hinter ihm .Hepp-Hcpp" gernfen habe, und e« ist mir unvergeßlich, wie Auerbach sagte: „0!) Jahre alt bin ich geworden. und meine Arbeit hat nur dem deutschen Volk gegolten, und als Mann mit weißem Haar muß ich die» erleben!" Da ivar es Lasker. der ihn tröstete. „Was wollen Sie", sagte er zu un«, „wollen sic einem Kranken einen Vorwurf daraus mache», oaß er die Eholera hat? Auch da« Antiscniitenthuin ist eine Epidemie, welche diese Leute befallen hat!" Tic „Deutsche Zlg.' erzählt von ihm die folgende Anekdote: Im Privatleben hatte Laskrr weit mehr Humor, al« seine trockenen politischen Reden vermuthen ließen, Nach dem Aufsehen erregenden Kampfe, den er gegen den Grün-