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Jüdisches Familienblatt · 1884-01-01 · 3 (1884) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1884
Issue
3 (1884)
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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1884« M S. ® -»N^lf«ilrtoii«6rilÄflr cn ■PUtf >« Wichnschkift". Der «old«,,« «oben 1»' «tr^hlung «on « Haus' <^ortf.j. — IUdilchgalijilche eiii)*urttfn. Von «. Samuel». Unser «>»kder sSchluß,.. — Allerlei für den ftamllltmlfd): Der «eihnachitdanin und die Mische Familie. — ttin «ries ^lll/UU. twimid) Heine «. — «u« Laoter'o Veden. - Uuriasum. — «u« dem Spruchschap Ix« r-lm»d. Poelisch ilberseht von M V e t n > derg. — Inserate. Der golde«e Bode«. Eine tkr««dl>i»g von «. Hanse. III. <r«»ch»iil« n>ikir1«Hl.I Dir Mutter de« kleinen Jokel war eine vermögenlose, ader sehr brave, verständige und gebildete Frau. Sie war ta Tochter eine» Lehrer« und seit l 'L Jahren Wittwe. Ihr Mann. Simon Birk, mit dem sie 8 Jahre i» sehr glücklicher itde gelebt, hatte rin kleine« Waarrngrschäft betrieben und lvar «gen seiner Rechtschaffenheit und redlicher Geschäftsführung allgcniei» beliebt und geachtet Da er eine gute Schulbildung genossen und auch später durch Lesen guter Schriften auf die Bereicherung seine« Geiste« und Herzen« Bedacht genommen lütte, so ragte sein Bildu»g«sta»d weit über de» gewöhnlicher tzieschäst-leute hinaus, wa« natürlich die Achtung, welche «ne iLharaktrrbeschaffenheit schon rinflüßte. »r>ch vermehrte, irr hatte sein Geschäft mit »ur geringe» Mitteln begonnen, «der die Redlichkeit, mit »velcher er dasselbe betrieb, soivie sein und seiner Frau Fleiß und Sparsamkeit l»arten demselben dald eine» sicheren Bestand gegeben, so das» seine Verhältnisse »recht gedeihlicher Entwickelung begriffe» waren. Da« Glück ihrer Che hatte durch die Geburt eine« Sohne«, unsere« Jokel, em seine rechte Weihe erhalten. Da« Kind wuchs zu seiner lilirrn unaussprechlicher großen Freude und Beseligung gar lieblich Hera». Da» häusliche Leben der guten Menschen schien wie von stetem Svnnenschei» durchleuchtet und durch, »ärmt. Da stieg plötzlich an diesem heitere» Glückeshimmel m gar düstere» Gewölk empor und hüllte denselben in Dunkel an. Jokel'» Batrr wurde von einer schweren Krankheit befallen, »eiche ihn ei» ganze« Jahr an'« Krankenbett fesselte, di« mdlich der Tod seinem Sirchthume rin Ende machte. Während duser Krankheit gena« die Frau Birk »och eine« Knäbchrn«. h>« de» Namen Samuel erhielt. Mit dem Tode de« Familienvater« war die Sonne de« Hause» erloschen. Ein I»nge». kräftige« Leben, erfüllt von Strebsamkeit und Schaffen«- hrang, war i» seiner besten Kraft dithingrsunkrn. Mit diesem nae» Schlage waren da» Glück und der kaum einporkeimrnde Lodlsland de« Hause« vernichtrt; Schmerz, Trauer und bittere Kahrungssorge» waren an deren Stelle getreten. Dir langhaaernde. hartnäckige Krankheit hatte einen grüße» Theil der hmiachten Enverbnissr ausgezehrt, da» iGeschäft hatte ivährrnd dieser Krankheit fast ganz brach gelegen und »ach de« Ma»»e«!ode lvarrn zur Weitrrsührung desselben keine ausreicheuden Kittel mehr vorhanden, zumal auch »och Verluste von Au«, milden ringctrrten waren. Da« mit Schulden belastete Hau«, welchem sie wohnte, war Alle«, wa« sie »och besaß. Ader kinrn Schatz hatte Gott ihr gelaffen und in diesem suchte >>»« fand sie jetzt ihren Trost und einzige« Glück: e« waren ihre beiden Kinder, von denen da« älteste, uiiser Jokel, m dem Tode de« Vater« noch nicht ganz fünf Jahre und ^jüngste erst fünf Monate zählte. Ihnen gehörte nunmehr ihr Lieben, ihr Denken und Empfinden. Sie verwendete J®**1 auch die größte Sorgfalt auf eine vernünftige Erziehung hkrsrlben. Sir hatte auch die Freude, in dem Herzen Jokel'« fruchtbaren Boden zu finden, welcher der Au-saat de«! Guten sich willig öffnete. Je mehr sie aber jede Freude und jeden Schmerz mitempfand, mitdurchlcbie, desto weher that e« ihr auch, al« Jokel heute au« der Schule kam und ihr weineiid seine Erlebniffe mittheiltc. Sie hatte sich mit ihm im Voraus auf de» heutigen Tag gefreut, hatte während seiner Anivesenhrit in der Schule heute Nachmittag in Gedanken bei ihm geweilt und sei» vermeintliches Frohfein mit ihm getheilt, und nun mußte sie erfahren, daß diese« Frohsein durch boshaften Muthwillen wr itrlt und ihrem Kinde statt dessen Schmerz und Wehmuth bereitet worden war. E« wurde ihr heute wieder recht schmerzlich zum Bewußtsein gebracht, ivelchen Schuh und welche Stütze eine Frau an ihrem Manne, rin Kind an seinem Vater verliert. Sie weinte bittere Thränrn, und al« die Neckereien Zakab'« sich wiederholten und Jokel dirscrhalb oft weinend nach Hause kam. konnte sie nicht umhin, der Frau Blumenfeld bei einem gelegentlichen Zusammentreffen Vorstellungen wegen de« Betragen« ihre« Sohne« zu machen. Aber da kam sie schlecht an! E« giebt Naturen, welche e« nicht begreifen können, daß die Herze» anderer Mensche» eben so warm schlagen, wie die ihrigen, und daß andere Menschen eben so lies empfinden, wie sie. Solche» Nature» ist e« nicht möglich, nnd sie halten e« auch nicht für nöthig, sich in Gedanken i» die Lage Anderer zu versetzen. Frau Blumenfeld war eine solche Natur. Wie sollte sie daher Verständniß habe» für den Schmerz einer feinfühligen armen Muttcr und Wittwe. Sic wie« darum Frau Birk l>arsch ab und wollte mit solchen Kindereien nicht behelligt sei». Wa« sollte die arme Frau Birk mache». Beim Lehrer konnte sie de» »öthigen Beistand nicht suchen. Dieser durfte beim besten Willen nicht mit der nöthigen Strenge Vorgehen. Die israelitische Schule war eine blose Rcligionsschule und seine Stellung nur eine zeit» »vrilige, keine frfte. Er hatte daher Rücksichten zu nehmen, da Percz Blumenfrld Vorsteher der Gemeinde ivar. Die christlichen Lehrer aber wollte sie mit dieser Sache nicht behellige». Sie schwieg de«halb und verbot bei ihrer Nach, hausekunst ihrrin Jokel allen Umgang mit Jakob. Da« glaubte sie seiner Erziehung schuldig zu sein und hielt darum strenge daraus, so daß die Knaben von nun an gesellschaftlich geschieden bliebe». E« war die« Anfang« nicht ohne Schwierigkeiten durchzusühre» Da aber mehrere Elter», durch diese Vorgänge veranlaßt und i» Rücksicht auf die Wittwe Birk, ihre» Kinder» dasselbe Verbot ertheillen so schied sich die israelitische Schuljugend Brixeiilfausrn'« in zwei GeseUschaftSgruppen, die sich gegenseitig mieden und au» dem Wege gingen, und diese« nicht etwa für den Augenblick, sondern e« gestaltete sich zu einem bleibenden Verhältnisse bi« weit über die Schuljahre hinau«. Wa« diesem Verhält» niffr eine für kindliche« Zusammenleben so ungewöhnliche Dauer gab, war der Umstand, daß sich durch die fehlerhaite Erziehung Jakob'«, der rin sonst ganz gut bcanlagter Knabe war, in ihm iinmcr mehr ei» trotzige«, hochmüthige« und herrschsüchtige« Wesen entwickelte, welche« den Umgang mit ihm erschwerte und unangenehm machte. (Forts, folgt.)

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