Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 43.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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4 — 826 — Mose» Montefiore. Am 37. Oktober feiert Mose« Montefiore seinen hundertsten Geburtstag. tt* ist wie eine schöne Legende au« biblischen Patriarchenzeiten. die zu un« au« England herüberklingt. Ein Jahrhundert Menschenjahre ist an und für sich geeignet, zu imponiren, und nun gar ein Jahrhundert voll Weisheit und Güle. voll echter Hunlanitä» und edelsten« Streben«. Wahrhaftig, wenn da« Judenthum nicht- »veiter in die Waagschale zu legen hätte gegenüber den Anfeindungen seiner blinden, fanatischen Gegner, al« diesen einenMenschen. diesen großherzigen, hundertjährigen Grei« Mose« Montefiore, e« könnte zufrieden sein. Er erscheint un« wie. rin lebendig gewordene« Ideal, wie eine moderne Inkarnation jene« weisen Rathan, de» Lessiug zu dem Helden seine« erhebenden Schauspiele« gemacht hat; wenn «einer dir Erzäblung von den drei Ringen verstanden, wenn keiner den Worten de« weisen Richtergemäß gehandelt hat, Mose« Montefiore hat sie versranden, und sei» ganze« Leben war nur ihrer uneigennützigen, opfervollen Au-sührung geweiht. Er hat da« Gebot der Nächstenliebe, da» schon Jehovah dem auSenvählten Volke und dann Jesu« in den Fluren und auf den Bergen de« gelobten Lande« gelehrt und gepredigt hat. erfaßt und demselben gemäß gelebt und gehandelt, wie selten ein Mensch. Sein große«, warme« Herz schlug mit hingehender Liebe für sein Volk, aber nicht für diese« allein: wo e« Gute« zu stiften, Wohlthaten zu spenden. Elende aufzurichten. Nackte zu bekleiden. Hungrige zu speisen. Verlorene zu retten galt, da galt Mose« Montefiore rin Glaube wie der andere, da kannte.er keinen Unterschied der Abstammung und de« Stande«. Der Thaten seine« Herzen« sind unzählige, in seiner englischen Heimath und auf dem ganzen Erdboden, vor Allem aber im Lande seiner Bäter, dort, wo einst der Tempel de« Ewigen, deeinzigen Gotte«, stand. Er ist ein Bürger dieser Welt im besten Sinne; wie er für un« Alle gewirst» so lieben und so ehren wir ihn Alle, der Ehrist und Muselmann, sowie der Jude, in allen Sprachen tönt sein Lob! und so wird der Tag, wo er ei» Patriarchen-Alter erreicht, auch von un« Allen gefeiert werden al» ein Fest der Tugend und der Menschlichkeit. In seinem Vaterland« sind seit Langem schon Vorbereitungen getroffen worden, um diesen Tag würdig zu begehen. denn da« freie England weiß seine trefflichen Sühne zu ehren, mögen sie im fürstlichen Palaste oder im Ghetto geboren sein; doch wird kein Land, kein Volk zurückbleiben. Indem wir ihn ehrm, ehren wir un« selbst, ehren wir die erhabene Idee, die in ihm verkörpert ist und sich in seinem Wirken bethLtigt hat. E« ist dir« die Idee, welch« heute ein brutaler Glauben«, und Racenkampf vergeben» zu verdunkeln sucht, die Idee daß die Jnterrffen der Menschheit höher stehen al« jene einer einzelnen Nation, und daß c« eine Religion giebt, welche viel mehr göttlichen Urspning« ist, al» die verschiedenen kirchlichen Lehren. Die« ist die hohe Bedeutung de« Tage«, den wir feiern; e« klingt wie eine tröstend« Verheißung zu un» herüber, zu un« Allen, dir wir für da« Licht, für die Freiheit Liebe kämpfen, gegen di« Finsterniß, gegen den Dnck, den Haß. Laßt den Much nicht sinken in Sturm und! vorwärt«, der Tag ist nicht so ferne, die Nebel sink«,, grüßt Euch, tapfere Streiter, da« erste Morgenroth! Sacher-Masoch-Leipzig, Redakteur der Revue .Auf der Hch? I 3» de» ReichStagSwahle». Die socialen Jntereffrn de« Judenthum» wahruinkt ist die Pflicht jede« speciell jüdischen Organ«. In tiia i wie die unsrige ist leider hiezu Anlaß genug vort»^' Obgleich wir nun grundsätzlich un« aller wahlpolmiz Thätigkrit in unserm Blatte enthalten haben. glaube, > doch angesicht« der wehrlosen Angriffe gegen da« Judemh, an unsere Glaubensgenossen die — für die Meisten überflüssige — Mahnung richten zu müffen, bei de» stehenden Wahlen einzig und allein die Bestrebungen Antisemitrnpartei zu bekämpfen. Wir maßen un« nicht an. unfern Glaul-en-genvssn i Wahl nur liberaler Männer zu empfehlen, denn wir win daß rin nicht geringer Theil der Juden konservativ gen, ist. Eine wahre konservative Partei ist jedoch zur, nicht vorhanden. Die Partei, die sich konservativ na hat den Antisemiti»mu« auf ihre Fahne geschnä und Antisemiten al« ihre Bannerträger erkoren. Die e>ga lichen Antiscaiitenblätter werden nicht müde, ihre echt coni-J vativ« Gesinnung zu betheuern, sie wollen al« cv»sm gelten und von konservativer Seite ist hiegrgen ntt| mal« Widerspruch erhoben worden. Damit unsere Glauben-genoffen rin Urtheil über Bestrebungen dieser Leute gewinnen, erinnern wir nur l an da« Programm dieser Partei, wir e« die .Dcinich Bolk-zcitung" un« verrathen hat: Wir haben unser 4lrbe1t»proqrai E» lautet: Organisation der gesetzlick Lelbsthülfe durch systematische gefck liehe und gesellschaftliche Jfoltruna Jude«. I« diese« Linue rufe« auch alle« denjenigen zu, welche «it un» die Nichtigkeit de» Worte» von Dtl Klagau glauben: „Die soziale Frag, zumeist Judenfrage": sttuf zur Arbeit! Hiernach ist un« deutschen Jrraeliten die Parolr den Wahltag vorgrschrirben: „Wählt deutsch-freist» national-liberal, oder gar coufervativ, aber Siewiffert Such erst,, da» stkuer Mann kein fli emit ist", da« gebietet die Pflicht der Gelbster holiuaz. Wir fügen hieran folgende von einem Freunde uniati| Blatte« un« zugegangene Mahnnug a« die jüd. 8e«ei«devorstä»^ In anttsemittschen Blättern wird rin au« Gie»r» datirter, an die Vorstände der jüdischen Gemeinden in OwI heffen gerichteter Aufruf de« Herrn H. und vr. R. »I üffentlicht, in welchem diese beiden Herren die Bonlchrl auffordem, dafür zu sorgen, daß dir Juden ihrer Grmruida I am Wahltage für die freisinnige Partei stimmen. Selbst«»«» I wird von den gedachten Zeitungen mit Hohn daraus «M merksam gemacht, wie sich da« Judembum mit drr 5*0’ I schrittSpartei identifizire. Dieser Aufruf (auf de» auch»! .Köln. Ztg." hinweist, s. unter .Magdeburg") enthält mch« ** eine Taktlosigkeit, sondern einen politischen Fehler, der gag besonder« bei den jetzigen Zeitkäufen hätte vermieden wer»« müffen. Da» Judenthum steht hoch über der» politisch» Parteien und darf nicht in den Kampf derselben hinabgejU» werden, am Allerwenigsten von den Juden selbst. Dic fr | meindevorstrher haben für da« Wohl Ihrer Gemeinde zu sog»