Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 40-41.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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— 311 — m Zugchör hat sich al« ein gefahrlose», blo« auf Täuschung nrchnete« Ding enviesen, mit welchem die Thäter nicht« lidm«. al« einen fabelhaften Bubenstreich au«führrn. ^ncken und Verwirrung hervorgerufen und die Situation glicht zu Taschendiebjtähirn «n zroa benützen wollten. durch da« Kommando der Genie-Truppen-Abtheilung ^ogene Untersuchung de« Funde« hat zlvar die Uugrfähr- Mu der Bombe ergeben, aber da« bloße Gerücht von dem 0,'trm'irn Funde hätte bei Bekanntwerden desselben im tnupel unter den tausenden Andächtige» sehr leicht eine lomcniune Panik und Zerquetschungen verursachen können. Marasdi», IS. September. Bor der hiesigen k. Gericht«, totrl fand heute die Schlußverhandlung gegm Joseph -miiiiic« statt. Smintic« war e», der ivährend der Aagormner Unruhen de« vorjährige» Herbste« die Führerrvlle pulte, und sich dann durch Flucht laiigr Zeil den Brrfolgungcn Kcliördm entzog. Er war e«. der ein Bajvnnct auf inen Liock aufpflanzte, sich an die Spitz« einer aufgeregten, Menden Bauernmrngc strlltc und ihr komniandirte: Hajd i* Z»idovn! (Auf gegen die Juden!) Er ivar e«. der in Stonja der Menge den Beseht ertheiltr, im Hause de» Handel«- Mnnc« David Fritz zu plündern und zu zerstören. Wahrend 120 Tbrilnehmer an dem Aufstande sich vor dem Gerichte »erantivottrn hatten und größlentheil« verurtheilt wurden, tlücft« e« diesem Rädelsführer, in de» Bergen Zagorir»« int Zufluchtsstätte zu finden und die verfolgenden Geiidarmcn ii verhöhnen. Rach wiederholtem anstrengenden Patroullircn jtlung r« endlich der Gendarmerie, ihn zu verhaften und dem ilmcdle zu überliefern. Trotzdem die Zeugen sich bemühten, du vvllkommm rrinzuwaschcn, erhielt er doch sechs Jahre chwtreii Kerker. Zu» Angar». Gegenüber dein Geheule der deutschen Antim»lm: die Juden sind Schacherer — sie scheuen körperliche lni'trrngung — sie saugen da« Volk au« — sie sind nicht irvductiv — dir Juden wollen keine Ackerbauer werden — n ei ergötzlich, da« Geheul der ungarischen Antisemiten zu »rrn, die sich über da« Gegentheil 'beschweren. Bekanntlich i»d die Grtreidepreise sehr billig. Da behauptet..Fygrtlenßeg", «« hätten die Juden durch im Dunkeln wirkende Mittel «wirk«, denn sie haben nicht genug damit, daß der Handel ind die Fabrikation in ihren Hände» ist, sondern wollen auch da«!and in ihren Besitz bringen und die Bauern von ihrem Sittliche» Erbe vertreiben, lind nun zählt er die jüdischen Groß» zliiiidbesitzer und die christl. Getrridefirmrn aus — diese hätten iur dem Wiener Saatenmarkte diePreise künstlich niedergehalten. chasizie«. Die polnischen Zeitungen zeichne» sich durch dr Rischu» au». Sie wüthen gegen den jüdischen HandelS- »ami, gegen den jüdische» Schankwirth, aber ebenso gegen xn jüdische» Ackerümann und den jüdischen Gutsbesitzer, ta erzählt nun ein Blatt, daß in Bolhynicii und Podolien « jüdische« Gemeindevorsteher den Briesträgerposten um hmre» Geld verkaufen. Dafür darf dann der Briefträger ln« 10 Kopeken für den Brief sich geben lassen. Die!«st gestatte diesen Unfug, so daß die Stelle sich selbst °mrbi und von unmündigen Leuten versehen wird. Selbst «Kiew soll ein solcher Briefträger sein, der gewaltig reich *nh die Kopekenstückr geworden, sich ein elegante« Hau« 'bam und vierspännig die Briefe ausfährt!! Da« heißt «h ordentlich lügen. -kußlamd. Ydmlstg. Mit dem Bau der neuen Synagoge ist » aller Stille begonnen worden. Die Frier der Grund- Anlegung soll im Oktober stattfinde». — Der Stadthaupt» *ann hat den jüdischen Bäckern hier untersagt. Andere«, al« * srlbslgebackriic Backwerk zu verkaufen (also nicht Milch, Käse u. s. w ). Eben derselbe hat 3 junge Leute, *4* da« Konservatorium mit Erfolg besucht und al« Mslrn bei der Oper angestrllt waren, «»«gewiesen, weil Artisten nicht da« Recht haben, hier zu wohnen. jMraiftmf, In den Mädchen-Gymnasien, dir unter ** Protektorat« der Kaiserin stehen, sind all« .Schülerinnen, auch dir im Mai ihr Schulexamen machen sollten, aufgefordert worden, den amtlichen Nachweis zu führen, daß ihre Eltern hier wohnberechtigt sind. Daß auch getaufte Juden dem Erlasse de« Kultusminister« gemäß chicanirt werden, dürste wohl nur blinder Eifer der Unterbehördcn veranlassen. In Samoschtsch sollen die Lehrer der Bolksschule» beschlossen haben, die jüd. Schüler zum Schreiben am Sabbath zu zwingen, a » ge bl ich. weil der Kronrabbiner von Orlik seinen 10jährigen Sohn am Sabbath zur Aufnahmeprüfung gebracht und erklärt hat, daß er selbst am Sabbath schreibe!!! Die auf die Regirrungsversügungen sich stützenden Beschwerden beim Inspektor haben nur eine» Aufschub bewirkt! In Petersburg l-abe» die Handwerker sich eine Abgabe von je 3 Rubel aufgelegt, um 12 Leute anznstellen, welche die jüdischen Handwerker überwachen, und, sobald sie ihr Gewerbe nicht betreibe», sie dem Stadthauptinan» zur Austreibung anzrigeu sollen. I» Sitamtr will die Stadt um die Uiuivandlung des jüdischen Lehrerseminars in eine allgemcine Realschule pclitionircn. Daß jüdische Steuern das Hau» l,ergcrichtet haben, daraus achtel der Russe nicht. — Hier haben die Handwerk«- aufseher ihr Spivnciiamt begounc». Ein Kürschner war schon ausgewicscn und nur der von russischen Großkaufleuten unterstützte Nachweis, daß Kürschner im Sommer keine Arbeit habe», rettete die Familie. Ale». Der Schulerlaß de» Minister» de« Innern an de» hiesigen Gouverneur scheint an alle Gouverneure verschickt worden zu sein, obscho» er mit bestehenden Gesetzen im Widerspruch ist. „Hameliz* führt einen für Kiew gültigen SlaaiSrathSbeichluß von IS. Juni 1882 an, in dessen § 4 den Juden der Aufenthalt in Kiew »erstattet ist, um zu lernen und Schule» zu besuchen, sowie um Handwerker zu werden, und dessen § 10 den Familien, mit weichen „Schüler" wohne», da« Wohnrecht bi« zur Beendigung der Schulzeit erthcilt. Unter Kaiser Nicolau« l)at man auf die „bildungsfeindlichen Juden geschimpft — heute sind'S die „bildungseifrigen- Juden, die Haß und Wulh errege»! Die Aufnahme jüd. Studenten an Universitäten und Hochschule» »ach § 997 de« Gesetzbuches verleiht diesen Wohnrecht außerhalb de« Judenbezirke«, da diese Schulen außerhalb dieser Begränzung liege». Der Erlaß de« Kultusminister« hat ober aller Willknhr Thür und Thor geöffnet. Die Realschulabiturienten werden in der Berg- und Forstakademie nicht inskribirt, weil sie nicht behördliche Atteste beigebracht hatten, daß ihre Eltern außerhalb der Judengrenze wohnen dürfen. Dieser Vermerk ging den Betreffende» etwa 3 Tage vor dem letzten Termine zu. sodaß ein Beibringen gar nicht mehr möglich war. Also sind auch die im Besitze des Wohnrecht« Besindlichen ausgeschlossen worden. Aus dem Bezirk H?»tt«»a wird berichtet, es soll jede Stadl, in ivelcher kein Stadthau« ist, als Dorf angesehen — da» heißt, die Juden ausgetrieben iverden! Au» ^odz ist der Rabbiner und Prediger Or. Adolf Radin mit Familie nach Amerika auSgewandert, weil, wie ein Sorr. de» „Hamelizsagt, er wohl tüchtig und vieler Sprachen kundig ist, doch die ortsübliche Sprache der Heuchelei und Schmeichelei nicht vrrstcht. Am 11. September hat der Kaiser dem hiesigen Bezirt«arzte Eollegienrathe Lekar (Hermann) Mali« den Annenorden Ü Klasse zu verleihen geruht. E» ist ein hoher Bnvei« der Achtung und Anerkennung, daß ein Jude, der sein Judenthum hvchhält, solcher Auszeichnung geivürdigt wird. Seit IS Jahren waltet er seine« Amte« (da» dem de« Krrisphysiku« in Preußen entspricht) — und schreibt »och hie und da hebräische Aufsätze. Dir Bevölkerung von Wttkßane« betrug am 1. Ja». 1884 2,007,919 Einwohner, wovon 09.94 Proz. Orthodoxe, 28.79 Sroz. Mohamedanrr, 0.72 Proz. Juden, 0.SS Proz. anderen alten Angehörige.