Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 36.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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— 274 den Christen •) zu offenbaren. La ist genug de« Streite« unter «hnen selbst» denn die Neueren wollen den Talmud verwerfen und werden dafür von den Orthodoxen heftig angegriffen und beschuldigt. Ueber die Auslegung maßgebender Schrlflstellen herrscht aroßer Zwiespalt, und wahrend die Altgläubigen daran festhalten. daß die Lhora (k Bücher Moscheh) von Moscheh selbst geschrieben seien unter göttlicher Lingebung. wollen die Neuerer darin nur eine Sammlung von Legenden und Stammrssagen, sowie priesierlichcr V rordnniigen »veil auseinander liegender Zeiten erkenn:n.') Die Alten wollen nicht einräumen. daß ihre Religio» im Lause der Zeiten niehrsache gründliche Uniwandlungen erfahren habe, und suchen die unverejnbaren Bruchstücke mit einander zu vereinen, wogegen die Neugläubigrn Alle« hinauSwcrfrn wolle», was sich mit dem Berstande nicht vei-rinrn läßt.') Daß sic solche Gegensätze, welche selbstverständlich mit orirntalischrr Heftigkeit sich bekämpft habe», nicht de» Christen blvslrgrn wollte», kann man ihnen nicht vcrdenken, denn dir öffentlichen Blätter würden nicht ermangelt hal>en. die Versammlung von alle» Seiten zu beleuchte», und oft nicht in einer Weise, die der „Heiligkeit" ihrer Verhandlungen würdig gewesen wäre De»,ungeachtet ist manche« in die Ocffenllichkeit gedrungen, und dieses zeigt, wir auch die Rabbiner gleich ihren christlichen Kollege» beflisse» sind, Stützen zu finden für ihr baufälliges Glaubensgebäude.•) Am wichtigsten erscheint ihnen mit Recht der vermeintliches?) Monotheismus ihrer Vorfahren alter Zeit, den» darauf beruht ihr Glaubensstolz. welcher sie bisher geschützt hat wider den Abfall ihrer Glaubensgenossen. Da» dazu angennndete Mittel ist aber nicht zu loben, denn sie weichen ab von dem Wortlaute ihrer „heiligen Schrift", um sich an die christliche Auffafiuag zu lehnen. Diese ist nämlich, wie sie wifie» könnte», eine irrihümliche, indes» sie. verleitet durch die älteste griechische Uebersevung, ihre heimathlichen GotteSnanirn mißbrauchen ließen, um die verschiedenen Götter der alte» Israeliten dadurch unter einen Hut zu bringen. Die Juden sind glucktichrliveiso durch die babylonisch«' Gefangenschaft zum Monotheismus gelangt, indem sie ihre alten Götter fämmtlich bei Seite setzend, de» babylonischen FrühlingSgott Adonai'» alleinherrschend machte». Um so schlimmer fuhren die Christen, als sie die abgefetzten grausige» Gütler >» die Reliaion Jesu aufnahmen und aufleben ließen, zum anhaltenden Schaden ihrer Bildung und Gesittung. Wenn *) Eigcnthümlich, daß in diesem Leitartikel de» „Menschenihums" der engbrriigc „consessionelle" Standpunkt gewürdigt wird — wie bekannt ist sonst da» „Menschenthum" erhaben über derartige von .Funker und Pfaffen" herausbeschworene Schranken. •) Spezifisch theologisch« Fragen hat die Radbinerversammlung gar nicht beschäftigt; ein kompetente« Unlust hierüber sprechen wir nach dem ganzen Charakter de» Elaboratedem „Mknschenthum" ab. ’) Da« „Menschenthum" fisch« im Trüben, saselt und ist aus seine Weise objektiv, indem r« gar keinen Namen der „ungläubigen" Rabbiner nennt, die „Alle« binau-wersen wollen, was sich mit dem Berstande nicht vereinigen läßt". Dann solgt die weitere Lüg«, „das, sich solche Gegensätze selbswerständlich mir orientalischer Heftigkeit bekämpft haben." Ganz apodiktisch stellt da- „Menschenthum" da« hin, obgeich wir e« doch mit einem „Geheimkongreff" zu lhun haben sollen. Sonst ein unerbittlicher Feind aller consessionelle» Schranken, aller nationalen Scheidungen, sonst nur den Menschen im Menschen achtend, jetzt trennt e« „orientalische Festigkeit" von „arischen" oder „teutonischen" Wuthau«, brüchen. In einem späteren Leiter wird da« „Menschenthum" gewiß die orientalisch« Hefttgkeit" mit der arischen in Paralelle setzen. Gelungen! In dem bereit« erwähnten Freidenker-Almanach finden wir in dem Referat über die 10. Bundesversammlung der freireligiösen Gememden Deutschland« bei der Besprechung der Thesen: «Was ist Gott?" u. f. io. folgenden Satz: „Selbstverständlich (also auch da!) platzten bei der Bcantwortung dieser Frage die Geister heftig (also auch) auseinander." ') Hier werde» die Rabbiner mit „ihren christlichen College»" zusammengewürfelt; weiter unten heißt e«: „ebenso wie sie (die Juden) Gleichstellung von den Christen verlangen, sollten sie auch di« Christen sich gleichstrllen in ihren Gedanken und Gefühlen." ') Da« „Menschenthum" denkt wohl an den phönizisch-shrischen FrühlingSgott Adoni«? Auf die ganz oberflächlich« Ansicht vsn de« verdrängen der alten Götter durch Adoni« gehen wir an dieser Stelle nicht weiter ein. Juden und Christen sich darüber verständigen könnten, da« ah taatUtifdj« Heidenthum der Vergangenheit zuübergeben. wüch, beide sich bald vereinen können zur Pflege befferer Gefühß Schwer verständlich ist e«. wie dir Rabbiner den chriß. lichen Irrthum anerkennen konnten, daß in dem mosaisch, Gebote ver Nächstenliebe die allgemeine Meoschenlieft gemeint worden sei") Den Christen ist e» zu verzeih^ wenn sie von dem bezügliche» Verse 3. Mos. 19,18 nur fc zweite Hälfte kennen au« den Lvangeiien. Ader dir Rabbi« wissen, daß in der ersten Hälfte de« Verses den, 29«, „Nächsten" schon seine reichste Bedeutung al« „Kinder dem» Volke«" gegeben worden sei. I» den meisten <!!) Fall, hat e« sogar (?) eine viel größere B^chränkung aus An. wandte, Freunde, Genossen, aber über die Grenzen dg eigenen Volke« ging die Deutung niemals hinaus.") De, iveiblichcn Geschlrchte gegenüber ivaren die Kinder Israel allezeit;>var sehr kosmopolitisch, ausgenommen Lira, bei, von Juda an. ivelcher alle seine Nachkommen zu kanaaninsch, Mischlingen machte, bis zu 2-hlomoh (Salomo) und da späteren Königen, gestatteten sie sich jede Freiheit in da Wahl ihrer ausländischen Frauen. Dagegen war im eigen, Bereiche die Nächstenliebe selbst im beschränktesten (!) Maap sehr gering (?) >oie die blutige» Bürgerkriege und dir Klag, der Propheten genugsam beweisen, "j L» liegt darin friu««- tvegs ein Botwurf kür die Jetztlcbciidcn, den» die Borsahm, der Christen iverden schioerlich bester gewesen sein, sonbn, es soll nur dem irrrleitcnden AuSschuiücken der heidnisch, Vorfahren alter Zeit entgegengekrete» iverden. welches j« viele Jahrhunderte hindurch Juden und Christen verführt Hai. (Schluß folgt). Offener Brief a» Herr» Prof. I. Gttdemeifter i» Bo«». Bon Dr. I. Goldschmidt. Bezirks-Rabbiner in Weilburg «Fortsetzung.» Sie sagen ferner: „Da» Buch nt überall auf die früher» Quellen rc. .. vor allem basirt es auf dein Talmud, besten Gefetzcsvorschriftcn darin so aufgenomme» sind, daß Inhalt de» Talma» u»d de« Schulcha» - Aruch sich vollständig decken." In da Hauptsache ist da« richtig, ivrnn auch corrigirt iverden mui daß der Schulchan-Aruch vor allem nicht aus dem Talmu». sondern aus dem „Tur" basitt. dem er Schritt vor Schritt solgt >-) E< ist dem „Menichcnihum" unbrquem, daß schon im A. I Nachdruck aus die allgemeine Menschenliebe gelegt wird; da« „Meint«»' thum" kann nicht verlangen, daß die Bibel die kosmopoliljschen <»■ schauungen de« „MenschrnlhnmS" predigen soll. Aber da» .Mkirste»' Ihum" kennt da« A. I. gar nicht, sonst wären ihm Stellen « B. M. «.20. 8. B. «. 1M,33, 4 « «. 16,16, 5. «. 10,17 1» «■ nicht entgangen. Lin freidenkerischer Irrthum reih» sich an den ander» Die christliehe Auffasiung ist gerade cnlgegrngefttz«: nach ihr ist dst »« gemeine Menschenliebe erst mit Christus aus die Welt gekommen. ") Dieser Satz ist rlassisch. E« handelt sich hier um de,' oiä> drftrittenen Begriff Da» „Menschenthum" sagt „seine reichst« 9« drutung" hat da« Wort al« „Kinder Deine« Boikes." In den meist«» Fällen hat e« sogar eine viel größere Beschränkung aus Brrwant». Freunde, Genosien" Merkwürdig! „Verwandte, Freunde und Genoss«»' dürsten wohl ungefähr den Begriff „Kinder Deine« BoikeS" decke». Schioerlich hat der Verfasser de« geistreichen Elaborate« an dst ** testamenlliihen „Judengen offen" oder, in den antisrmitischen 3<»l" übertragen, an die rrliaiü» vorunhestäfreien Christen gedacht. "> steht e« denn mit dem Nebensatz „aber über di« Grenzen" u. s. Siehe dazu 3. B M. ll,2, wo der .Acgqpler' auch „Rea" gen«»« wird Und heiß» e« denn nicht im 3 B. M. c. 19. v. 34 vom Fremd«» edensall«: „Und Du sollst ihn lieben wie Dich ftlbst." ") Man vergleich« die „reichst« Bedruluag" mit dem beschränk««» Maße". Wahrlich, eine naiv« Auffassung von der »iellansendjihngm Entwickelung eine« Bolke»! Dem „Menschenlhum" scheint e« unbrf»* *» zu sein, daß im Entwickelung-gange jede« einzelne» Bolft» da« wärl«schrei»en zu den HIchstrn sittlichen Ideen der Menschheit mit de» Rückgang zu allen verrotteten Anschauungen ost wechselt^ Deutlich tri» P". der Aus« und Niedergang menschlickter Gesi.trmg vor Augen, wen» ■* dir Zeit de« 30 jährigen Kriege« mit der Jetztzeit vergleiche». Au» d» Gräuelthaien de« 30 jährigen Kriege« tännen wir doch nicht schluft* daß alle Christ«» überhaupt rohr Menschen find.