Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 14.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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— 106 — fturigrtt Fanatiker gegen die Juden auf, wie Peter von Elugny. 2« ist eine weltbekannte Thatsache. daß an der Heerstraße der mittelalterigen Kirche sich unzählige Brandstätten von unmenschlich grausamen Judenverfolgungen finden. Diese Brandstätten find eben so viele Beweise, daß da« Christenthum durch sehr böse Einflüsse verdunkelt und verfälscht worden ist. Da« urkundliche Christenthum ist die Einweihung in den Bund der wclterobernden Liebe, ist der ahneneid für den heiligen Krieg wider die Werke de» eufel«. Da« staat-kirchlich« Christenthum bietet allen so oder so Getauften ein Privilegium an die Gewalt und an die Güter dieser Welt. Diese« Privilegium wirkt schlimmer und verderblicher al« jede« andere Privilegium und erkältet die Liebe, r« macht die Herzen hochmüthiq und verdammungssüchtig vor Allem sanctionirt e« die Judenverachtung und den Judenhaß. Aber in dem Christenthum lebt und waltet eine unzerstörbare Gottcskrast. ivelchr alle Fälschungen schließlich ausdeckt und vernichtet. Der weltgeschichtliche Beweis dafür ist die Kirchenreformation. Nachdem Lu«t>er durch alle Finsternisse des Mittelalters hindurchgrdrungen. den wahre» Christ»« geschaut hat. bietet er den beide» Weltmächten, der geistlichen wie der weltliche», Trotz und erfreut und begeistert die tief verirrte Menschheit mit der todesniuthige» Perkündigung des wahren Christus. Lutl-er ist e«. der sich nicht blvS lossagt von der Sophistik jener beiden synagogensrindlichen Bischöfe und den fluchwürdigen Wirkungen dieses heillose» Anfanges, sondern er kommt auch den Juden entgegen mit der freien und freundlichen Anerbietung vo» Liebe und Gerechtigkeit ui» übristi willen. Im Jahre 1623 schrieb Luther einen Iractat unter drin Titel: „daß Jesu» Christus ein geborener Jude sei". In dieser Schrift rügt er da« hochmüthige Verfahre» der staatlichen und der päpstlichen Heidrnkirche mit den Jude». „Zit l-aben mit de» Juden gehandelt, al« wäre» e« Hunde und nicht Mcikschen. Wir treibe» sie mit Getvalt und gehen mit Lügrntcidigr» um. und geben ihnen Schuld, sie müssen Christeublut habe», mau hält sie für Hunde, verbietet ihnen, unter uns zu arbeite», hantiren und a»dere menschliche Gemeinschaft haben, damit man sie zu wuchern treibt." — In der Erklärung de« l 4. Psalm» schreibt Luther: „Verdammlich ist die Wuth einiger Christen, »vrnn »>a» sie ander» Christen nennen darf, ivelche wähnen, Gott zu gehorchen, wenn sie die Juden mit äußerstem Haß »erfolgen, alle» Böse gegen sie rrsinnrn und ihre» Elende« mit Hvchmuth und Verachtung spotten." Damit hat Luther sein christliche« Verdamm»ng«urtheil über da» judtiifrindliche Staatskirchenthum vor der ganze» Welt abgegeben. Aber wie abgrundamätzig tief diese« unheilvolle Institut gcwurzelt ist. das zeigt dir verhängnisvolle Wendung, welcher Luther selbst nach 20 Jahren unterliegt. Auf Grund der paulinischrn Lehre hatte Luther eine neue Ordnung für Staat und Kirche angrkündigt. Aber für diese« große Reformwerk l>at er keine» einzigen Mitarbeiter gefunden. Im Jahre 1542 beklagt et seine Einsamkeit und Verlassenheit in der Urberlast der großen Kampfe». dir auf seinen Schultern liegt. In dieser Lage begegnet Lutter da« Menschliche, daß er i» der Iudensrage, wie in anderen Fragen de« Gesammtleben«, zurückgreift in die prinzipiell vo» ihm überwundene mittrlaltrigr Weltanschauung. Zwanzig Jahre nach seiner christlichen Schutzschrist für die Juden schrieb Luther zivei Traktate, in ivelchrn der mittelaltrige Fa- »atismu« gegen die Jude» vollständig wieder auswacht. Luther giebt hier de» Rath, „die Synagoge» zu verbrennen, ihre Gebetbücher wegzunrhmen, den Rabbinern da» Lehren »u verbieten »nd schließlich sie au« dem Lande aurzutreiben". Dieser Rath Luther» ist nicht, wie der Herr Staatsanwalt Schlingmann sagt, ein Stilfehler, der durch die Gewohnheit jener längst vergangenen Zeit leicht zu entschuldigen sei. sondern eine schwere Versündigung Luther«, welche wir, die wir un« nach seinen Namen nennen, oder zu seiner Lehre bekennen, wieder gut zu machen haben. Wie der Kaiser Theodosiu» gerechter ist, al« der Bischof Ambrosiu«, so auch die protestantische Kirche in Bezug auf ihre Pflicht jener Sünde Luther» gegenüber bi« heute noch im Rückstand, während da« deutsche Reich durch da« Gesetz vom 3. Juli 1869 da« mittelaltrige Unrecht gegen die Juden gesühnt hat. Unsere protestantische Theologen- und Pastorenschaft ist eineStheilS zu sehr in doktrinäre Parteistagen, oder in eine kleinliche Vielwerkerei vertieft, um den Muth zu haben, einer großartigen Lebensfrage in« Angesicht zu schauen, anderntheilS so ivenlg geneigt. Luther« Sünde zu bereuen und zu sühnen, daß sie diese Sünde im Wesentlichen vielmehr fortwährend wiederholt und erneuert. Da« Lutherfest bot den protestantischen Kirchenmännern eine schöne Gelegenheit das große Versäumniß nachzuholen. In meinem Volksbuch zum Lutherfeft hal>e ich geschrieben: „Die letzte Stellung Luther» zu den Juden ist der dunkelste Schatten in dem Werke Luthers, und unsere Aufgabe muß e» sein, den späteren Luther durch den früheren zu berichtigen. nicht ab«w mit den Antisemiten i» seine« Schatten» Fußstapfen zu treten. Des deutschen AutisemitiSmu« schlimmste« Zeichen ist der Uinstand, daß in seine» ersten Reihe» ein evangrlisckter Hofpredigrr steht." Die beiden Richtersprüche in Ungarn und Pommern haben bewiesen, daß Stöcker »nd sei» Anhang un gerechte rweise oder wie Luther sagt: .mit Lugriiteldigen" die Juden beschuldige», wahrhaft frevelnde Gottlosigkeiten begangen zu haben. Stöcker mag sage» was er will, mag sich drehe» wie er will, diese offen vorliegende Thatsache l>r>vrist. daß sein Antisemiti»mu« geist»«vrrwandt ist mit dem Dämon der mittelaltrigru Judenverfolgung, welche mit boshafter Freude de» Juden allemal die unmeiischlichsten Greuel zutraute und vorwars. Aber wie kann der Mau» einen solche» Anhang gewinnen'? Dieser Umstand macht seine Sache nicht besser, sonder» nur schlechter. Dieser Mann ist nämlich oberflächlich und theologisch ungebildet. Dieser Mangel sollte ihn bescheiden mache», macht ihn aber zu einem desto dreisteren Rirchendemagoge». Nun ist in de» kirchlichen Kreisen der Gegenwart außerordentlich ivenig christliche Erkenntniß; christliche Redensarte», Gebräuche und Ccremonien ersetze» in sehr Vielen den heiligen Geist. Der christliche Sozialismus, diese Schöpfung Stöcker», ist eine neue Krank» heitserscheinuug. ei» durch politische» Parteiwrsr» verweltlichter falonmäßigrr Pietismus, der schwächliche Grmütlfer gefangen nimmt, kräftige Nature» dagegen in de» Unglauben stürzt. Eine solche kranke Religion, wenn sie weitere» Einfluß grtvinnt. wird unsere Zuftändc nur »och mehr verwirren und verbittern. Was uns allein gründlich helfen kann, ist die wahre, mannhafte, freigeboreiir Religion, welche die Seele unsere» Volke» ergreift und himmelan emporhrbt. Insbesondere aber soll die Judenhetze, diese« mittelaltrige Brandmal unsere» Jahrhundert«, nicht immer wiederkehren und mit einem infernalen Feuer die Geister entflamme», dann muß diese« antisemitische, plfarisäische. Verdammung«- süchtige Staatskirchenthum endlich mit Thränc» aufrichtiger Buße zu Grabe getragen werde».*) Rostock, 13. März >884. M. Baumgartrn, Professor und Doktor der Theologie Berliner Briefe. Die „Berliner Briefe" sind nicht eiugeschlafen und der Autor auch nicht; er hält nach wie vor die Augen und •) Denjenigen, welcher sich Uber dielen titegensiand gründlicher zu unterrichten wünsch«, bin ich s» frei, aus meine Ideologische LUieraiur zu verweisen: Theologischer Kommentar zum Peniaieuch 184« I, XXIII. «posletgeschichle / Vtufl. IHM. II, 4A4-4ÖU. KiSeter'« gesüischw« Lhrtstenchum. Rede gehalten lü. Ocloder 1HH1 in Berlin. 1H81 Bnchr'tche Buchhandlung, Berlin lH8>. BolkSduch zum Lulhersesi« 191-1»». iftoflMf 1888.