Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 12.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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— so — Gegenwart vertretende» Grundbüchlein abgefaßt werde und weit und breit in Israel» Schulen. Häusern und Bibliotheken Eingang finde. Nach dem Grundsätze: »für die Schule ist da» Beste gut genug". wird jeder Seelsorger, jeder Lehrer ein derartige« Buch, wenn e» nach allen Seiten hin auf der Höhe der Zeit stehen und trefflich angelegt sein wird, mit Freuden begrüßen. E« wird auch — dafür bürgen die Namen jener Männer — zweckmäßig eingerichtet sein und nutzt verfehlen, dir er» hofite Wirkung hrrvorzubringrn, wenn-wenn da» Bu.tj nicht da» Schicksal der vielen schon vorhandenen theilen wird, da« Schicksal der Nichtbeachtung Seiten» der gebildeten Kreise Israel». — E« ist sehr bequem, alle Fehler und Sünden von sich abzuwälzen und aus einen geduldigen Sündenbock zu laden; in Wahrheit aber ist e» weder der Unfähigkeit und Schwäche de» Lehrer», noch der Unlust der Schüler, noch auch dem Mangel an geeigneten Hülfsbüchern zuzuschrciben, daß der Religionsunterricht der Gegenwart so wenig erquickende Früchte zeitigt, sondern einzig und allein den Eltern, welche die Leistungen und Fortschritte ihrer Kinder in allen anderen Gegenständen oft mit fieberhafter Aengstlichkeit controlliren, sie durch Drohungen, Ermunterungen und Berwarnungen antrribrn, aber für den Fortgang im Religion«, fache kein ermunternde» Wort haben, ja zuweilen — dafür vorhandene Sympathien im Gemüthe der Kinder noch ersticken. Dringt eine Klage au« der Religionsschulr in'» Elternhaus, so wird zwar manchmal eine gelinde Rüge ertheilt, welcher aber da« seine Kinderauge sofort den Mangel an Ernst ansieht. Hinc iilae l&crimte. E« fehlt in unseren, und gerade am meiste» in den gebildeten, Familien so zu sagen der Resonanzboden. der die heiligen Töne unsrrer Religion und erhabenen Ethik in den zartbesaiteten Gemüthrrn und Seelen der Kinder fortwirten und wiederhallcn läßt. Da« alte, bewährte Instrument ist vorhanden, auch Luft und Schalllvellen sind bezüglich ihrer Reinheit unanfechtbar; nur der Boden in zahlreichen jüdischen Familie» ist theil» geborsten, theil» unbrauchbar geworden, um den Rückschau in die jugendliche» Herzen zu vermitteln. Da ist der Herd der Krankheit, wo der Schmerz sitzt, da müsset Ihr Wundärzte Israel«, die Ihr allen Ernste» an die Heilung unserer Gebrechen denket, beginnen, zunächst die im Innern sitzende ansteckende Materie entfernen, dann da» passend« Heilmittel suchen und sorgsam den Verband anlegen, und unsere Wunden werden nicht blo» äußerlich verharschen, sondern sich völlig schließen. Nur frisch an'» Werk! Euer Vorbild wird Andere aneifrrn, die Seelsorger und Lehrer werden allüberall sich Euch gern al« Gehülfen zugcsellen! Rur rasch an'» Werk! Die Zeit drängt und ist auch jetzt sehr günstig; vielleicht wird unsere gegenwärtige trübe Lage milhelfen und unser Unglück wird un» zum Glück. — Ich habe in meinem seelsorgerischen Amte die Erfahrung gewonnen, daß zuweilen, wo die Liebe zwischen Gatte und Gattin erkaltet, ja bi» zur beantragten Ehescheidung geschwunden lvar, rin Unglücksfall im Hause als glücklicher Zufall sich eingestellt hat; eine schwere Krankheit, der Tod eine» Kinde» oder sonst ein herber Schicksalsschlag, hat die fast abgestorbene Gattenlieb« wieder zu nruer Gluth angefacht. Wie oft wird nun nicht in unfern heiligen Schriften da» Bild der Gattenliebe zwischen Gott und dem Volke J«rael angewendet? Möge da« Loo» unserer religiös vcrwahrlosten Kinder die Eltern aufrütteln, daß jenen Beispiel und sittliche Anregung im Hause nicht fehle; möge die Noch der Zeit unsere Bannrrführer entflammen, daß sie die al» Fahne nicht blo» entrollen, fanden wieder selbst vorangehca mit dem LoosungSwott: »Gott istHunser Zeichen". Die Kouitzer SchwurgerichtS-Sntscheidung im Reustrttincr Synagogenbrand-Procrß muß al» rin durch, au» glückliche« Ereigniß für die gesammte Judenhcii aufgcfaßt werden. An sich wäre e» ja ziemlich gleichgültig, ob ein oder mehrere Juden al» Brandstifter erscheinen oder nicht, da durch da) Verbrechen Einzelner die Gefammtheit nicht belastet werden kan». Aber, so wie einmal die Sachen lagen und vor Allem in der gegenwärtige» Zeit, ist ei» gan; anderer Maßstab anjulegen. Achnlich wie bei der Blut anklagc von Ti»za-Eßlar hatten auch in dem gegenwärtigen Falle die antiscmirikchc Presse und die antisemitischen Hetz, apostrl da» Judenlhum und die gesammte Judenheit für die angeblichen Verbrechen einzelner Juden verantwortlich zu machen gesucht. wvl>ei nur an die 2'/, Ilüiidigc Rede erinnert werden soll, ivelchc der Antisemiten-Häuptling Liebermann von Sonncnbcrg gleich nach dem Bekanntwerdcn de» EöSliner Spruche» in Berlin gehalten hat. Die Hast, mit ivelcher die Sache in Cöslia verhandelt wurde, hat. wie sich jetzt zeigt, ihr Gute» gehabt. E» war übersehen worden, einen Zeugen, der Reffe de« einen und Schwager eine» anderen Angeklagten war, darüber zu belehren, daß er sein Zeugniß verweigern könne. Thatsächlich war die» vollständig unerheblich — da dieser Zeuge für die Angeklagte» gün>tig ausgesagt und deshalb die erfolgte Vereidigung den Angeklagten nicht geschadet hat. E» war auch durchau» nicht unfraglich, ob dieser Verstoß einen Rrvisionsgrund bildete, indem einig« Kommentatoren der Strafproceßordnung diese Frage verneinen. Glücklichenveisc war da» Reichsgericht, obgleich r», wie au» der jetzt veröffentlichten Entscheidung hervorgcht, die Zweifel wvdl erwogen hat, anderer Meinung. Wäre sonach der Formfehler in Eöslin nicht vorgckommcn oder lMe der höchste Gerichtshof in demselben keinen RcuisionSgrnnd gefunden, so iväre da» EöSliner Erkenntniß und die dortigen, die Angeklagten so schwer belasteten Verhandlungen, unangefochten geblieben. Jn.Kointz ist glücklicher Weise schon der objektive Tharbestand der Anklagc in sich zerfallen und haben sich die Hauptbclastungszeugen in einem sie und ihre Glaubwürdigkeit äußerst gravirenden Lichte gezeigt, so daß die Vertheidigung gar nicht benöthigl war, das wesentliche subjeclive Moment, daß es von vorne herein unglaublich sei, daß diese Angeklagten ihr eigene» Gotteshaus und die Thora rollen angczündet hätten, noch besonder» hcrvorzuhcben. Die Antisemiten, deren wahre Gesinnung sich noch nachträglich durch die Neustettiner Exzesse manifrstirt, werden natürlich nicht verfehlen, den Wahrspruch der Konitzrr Geschworenen anzufcchtcn") Allein die» ist verlorene Mühe Keine Geschworenenbank und auch kein anderer Gerichtshof würde auf Grund solcher Thatsachen. wie sie in Koniy produzirt worden waren, die Angeklagten vcrurtheilt habe». Da» ganze Belastungsmaterial hat sich als ein au» Lüge und Klatsch zusammengesetzte» herauSgcstellt. Die Angeklagten sind nicht nur juristisch, sondern auch moralisch frrigesprochen und die Annalen der au» Judenhaß angezettelten Trndenzproceffc glücklicherweise nur um einen mitzglückten Versuch bereichert worden. Gott helfe weiter! Bielefeld. 13. März. M. *) Haben doch bereit» die amisemitischen Führer im Abgeordnetenhause eine derartig« Parole auSgrgeben. (Red.)