Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 7.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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andere Theil: Der jüdische Stamm, ist auch er da»geblieben, was er einst gewesen: Der geweihte Priester, der begeisterte Prophet seiner Lehre? Niemand, auch der Ultrareformer nicht, kann leugnen, daß die moderne Krankheit: Der reli» gisse I ndisferen tiSm u», der ja freilich die ganze heutige Zeitrichtung beherrscht, auch in unserer Mitte die furchtbarsten Verheerungen angerichtet. Wer da sieht, wie die Ignoranz in religiösen Dingen täglich überhand nimmt, wie der Kreis Derer, dir für die Lehren deS Judenthum- und für seine Geschichte ein Ber» ständniß haben, immer enger wird, und sich in vielen Gemeinden nur auf den Rabbiner beschränkt, der mutz sich, wenn ihm da- Heilige noch nicht zum leeren Schall geworden, fragen, wa» soll aus dem Judenthume werden, wenn eS im Herzen seiner Bekenner nach und nach erstirbt? WaS soll aus unserem Stamme werden, wenn die Lehre ihm nicht mehr die seinen ganzen. Organismus belebenden und erhaltenden Säfte zuführt? Wer soll da- Judenthum schützen, vcrthei» digen. in bedrängter Zeit? Etwa diejenigen, die davon keine Kenntnis haben, unter welchen ,c» Vielen zur drückenden Last geworden? Zur drückenden Last, nicht etwa deshalb, weil sie die vielen religiösen Vorschriften beobachten müssen: darüber sind sic längst hinaus! Gar Manche lassen sich da» Judenthum nicht einmal am Jom Kippur unbequem werden. -Es ist ein ganz anderer Druck, der sie belästigt: eS giebt heute .Gezwungene" in ganz entgegengesetztem Sinne als im Mittelalter. Die frühen» D'OUK waren innerlich fromme Juden, und empfanden sehr schmerzlich den Gewissenszwang. den man ihnen auferlegte. Unsere heutigen D'DUK sind innerlich den. Judenthum völlig entfremdet und empfinden eS als eine Art Martyrium, daß man sie wegen ihrer nicht wegzuleugnenden Abstammung und ivegen deauch mit Tauf» wafier nicht wegzulöschenden palästinensischen Typu», den Juden beizählt und danach behandelt. Sie ftagen mit Recht: „Wie kommen wir dazu, die wir doch weder mit dem Schulchan Aruch noch mit de» Synagoge etwas zu thun haben, wie kommen wir dazu, uns wegrn einer Sache beschimpft, zurückgesetzt. ilsißhandelt zu sehen, die un» doch gar nicht angeht?" Man könnte diese- Pscudomarchrium den Brrräthmi ja von Herzen gönnen, man könnte darüber eine gewisse Schadenfreude empfinden, wenn e» nicht gar so traurig wäre, das Judenthum von den eigenen Kindern verlosten und verrathen zu sehen! Dieser Berrath im eigenen Lager, dieses im steten Abnehmen begriffen« Interesse für die heilige Sache, ist die wundeste Stelle i» unserem BolkSkürper. da» ist die wirkliche Judenfrage in unserer eigenen Mitte, nicht die von unseren Gegnern erlogene. Diese innere Krise halte ich für weit bedenklicher und gefährlicher. alS die un» künsllich und gewaltsam von außen aufgezwungene. Unsere Ahnen durften der Wuth und Mordlust btt Kreuzfahrer ruhiger entgegensetzen, als wir heute der Begeiferung antisemitischer Zungen- Helden: denn damals fand da» Judenthum an Jedem, der nur den Namen Jude trug, einen enlschloffenen Bertheihiger, während heute die Schaaren seiner Vorkämpfer sich stark zu richten beginnen. Der gesunden Eiche kann kein Sturm etwa» anhaben, die vom Wurm zerfreflene wirst auch der leichteste Wind um. Auf welche Hilfstruppen können wir Juden rechnen, wenn wir sie un» nicht selber stellen? Auf welche» Wunder wollen wft warten? Mit viel mehr Recht al» einst, gilt heute da« talmudische Wort:' wmnoi B1TEK1 WO noe mo m *Kop? koi p srmno kSi flt» woi ko*: 1*6 < 2 11212) „T'pK ‘TTBS p*1CÖ KSjJK DOT ffimpK VTWBJ Unsere Ahnen, dir mit dem Einsatz ihre« Leben« für ihr« religiöse Ueberzeugung eintrrten, konnten Wunder de« Glauben«» muche» zeigen, die heutige Generation, die voll egoistischer, kleinlicher Interessen ihren Zusammenhang mit dem Judenthume immer mehr lockert, woher sollte ihr die Begeisterung, die selbstlose Hingabe komme», ohne welche nun einmal heilige Güter nicht mehr zu erhalten sind? Angesicht« dieser Erschlaffung de« jüdischen Bewußtsein« ertönt von allen Seiten die Frage: Woher soll die Hilfe kommen? ITC K2* |*KO Wie soll dem Uebel gesteuert »oeroen. daß e« nicht weiter um sich greife, und auch die gesunden Theile unsere« Stamme», dir noch treu und unerschrocken zum Judenthume stchen, ergreife und vergifte? E» sind da die verschiedensten Vorschläge, theil« in periodischen Zeitschriften, theil» in selbstständigen Brochürrn, gemacht worden; in der vordersten Reihe steht diese .Wochenschrift", welche die über un» hereingebrochene Krise in ihrem vollen Umfange ivürdigt und ihr Möglichste» thut, um sie zu heilen. Mit Recht wird in diesen Blättern dem jüdischen Erziehungswesen und dem wichtigsten Bestandtheile desselben, dem Religionsunterricht. ein besondere» Augenmerk zugewendet, nach dem Grundsätze: TC DTO* 0*pjl1 D'TTTC *00 .durch dir Belrhrung der Kinder wird dem GottcSrciche die festeste Grundläge gegeben". Aber schon hier zeigt e« sich, mit welch' fast unüberwindlichen Schwierigkeiten man heute zu kämpfen hat, um den Kindern da» so unentbehrliche, geistige Brod zu reichen. Wie viele Momente wirken da zusammen, um den Religionsunterricht illusorisch zu machen! Jeder Religionslehrer hätte da sein besondere» Klagelied anzustimmen. Ich will nicht reden' von den Gemeinden, die mit einem ihre Kräfte weit übersteigenden Aufwande sich Prachtsynagogen bauen, jedoch ihre Religionsschule verfallen lassen, »veil sie nicht einige Hundert Mark aufbringen können oder mögen, um einen fähigen Religionslehrer zu besolden. Ich will auch nicht davon reden wie die Religion al» .falcultativcr" Lehrgegenstand in den Augen der Kinder zuin Aschenbrödel unter den übrigen Disciplincn herabgcdrückt wird. Alles dieses bedeutet wenig gegenüber den Hinderniffrn, die — da» Elternhaus bereitet. Im Elternhaus sitzt da» Grundübel. Um den Religionsunterricht kümmert sich ein gar beträchtlicher Theil der Eltern so gut wie gar nicht. Wenn ein Kind in der Stadt- oder StaatSschulc in irgend einem noch so nebensächlichen Geg-nstaiide zurückbleibt, da wird sogleich für einen Hilf«lehrer gesorgt, aber e» dürfte wohl selten Vorkommen, daß man auch zum Religionsunterrichte Rachhilft»Stunden!leben läßt, oder daß man nur dir Kinder dazu anhält, sich ür die Religionsstunde genügend vorzubcreiten. Man läßt sie im Gegentheil mitunter lieber fünf Religions» als eine Klavierstunde versäumen. Doch nehmen wir die günstigeren Fälle an, reden wir von den Schülern, welche an dem Religionsunterrichte regelmäßig theilgenommrn und alle Kurse durchgemacht haben. Wie viel von dem verarbeiteten Lehrstoffe hält der Schüler? Wie viel behält er? Wa» das Halten betrifft, so steht e» damit in manchen Familien schon während der Schulzeit schlimm. Der Religionslchrer kann noch so warm und begeistert, z. B. von der Weihe des Sabbath« oder von der hot>en Bedeutung der Feste, reden: sein Schüler denkt darüber ander« und giebt es mit einem nicht mißzuverstehenden Kopjschütteln und hämischen Lächeln deutlich zu erkennen. Auch in Betreff de« Behalten» werden Einem mitunter ganz eigene Ueberraschungrn bereitet. Derselbe Schüler, der nicht gerade zu den schlechtesten gchörte, der sogar den obligaten Maphtir") in der Synagoge al» Bar- Mizwa zum Entzücken seiner Angehörigen und zur Bewunderung der Gemeinde vorgetragen, muß sich im reifern Alter den Segen über die Thora vom Kantor soufflircn lasten. Wohl ist die« nicht allgemeine Regel, aber da» ist sicher, daß da« von der Rrligion«schule wegen der kurzen Zeit ohnehin knapp genug gebotene Wissen so reducitt in« Leben hinübergelangt. daß e» dort nur kümmerliche Früchte Hervorbringen kann. So lange am HLuSlichen Herde, im Familienkreise, da« Feuer der Religion nicht emsiger unterhalten wird, so lange werden auch die besten Leistungen der Religion«schule und die größten Anstrengungen ihrer Lehrer feine bessere Resultate al« bither erzielen. <Schluß folg».) »> Schade um die viele Zelt, dl» der Knabe mit dem Abgerichtetwerden für diese« .Schaustück" zubriagt l (Red.)