Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 15 (1884)
- Issue
- 15. Jahrgang Nᵒ 5.
- Date
- 1884-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Durch dir Ermahnungen und Zurede» während mehrerer Besuche hatte e» Herr Philipp nach einigen Tagen dahinaedracht, daß da» Mädchen in Gegeinvart der Klostervorstehen» Rosalia Kowalski und der Jndustriallchrerin erklärte, dem Bater folgen zu wollen. Die Borftehrnn wollte Regina Philipp jedoch nicht ziehen lassen und bemerkte, daß sie dasselbe nur auf eine schriftliche Betvilligung seiten» de» Doml-errn Biclccki freilassen könne. Ter Bater eilte nunmehr wieder zum Domhernt, welcher e« al» Bedingung der Freilassung bezeichnete, daß daS Mädchen in seiner Gegenwart den bezüglichen Wunsch äußere, und versprach, sich Nachmittag» zu diesem Zwecke im Kloster einfindcn zu wollen. Der Domherr stellte sich den» auch ein, da» Mädchen hatte aber einftweile» wieder seine Entschließung geändert und erklärte angesichts de» Prälaten, im Kloster bleiben zu wollen. Mittlerweile hatte Herr Philipp auch die Intervention de» Lcmberger Polizeidirrctor» angcrufen, aber ohne Erfolg. Er sprach daher beim Statthalter vor, welcher ihn auf den Rechtöiveg wie». DaS Mädchen ist inzwischen (am 21. Januar) von dein obengenannten Herrn Scmbratowitz (Bischof) getauft worden. Herr Philipp beabsichtigt nun den Rechtsweg zu betreten. Wtp. Ein Bürger mosaischer Konfession erschien dieser Tage in der MagistratS-Rechtssektion, um sich in folgender Familien-Angelegenheit einen guten Rath zu holen. .Bor mehreren Jahren verelfclichre sich seine Tochter mit einem Telegraphenbeainten mosaischer Konfession und die au» dieser Ehe hervorgegangencn Kinder wurde» natürlich i» der Religion ihrer Elter» erzogen. Rn» wurde in Erfahrung gebracht, daß der erwähnte Telegraphrnbcamte und Gatte seiner Tochter lfcimlich zum Ehristenthum ü berge treten ist, demzufolge dir Kinder dieser Ehe »ach ungarischem Gesetze illegitim geworden (? > sind." Dem klägerischen Schwirgcrpapa wurde bedeutet, daß, nachdem sein Schwiegersohn nun vom Ehristenthum nicht wieder zum Judenthum übertreten kan», e» das Einfachste iväre, wenn auch seine Tochter mit den Kindern zum Ehristenthum übertreten würden. ' (Schöne Recht» Zusiändc da«! Einfacher wäre eü doch, wenn der Mann außerhalb Ungarn» wieder zum Judenthum zurückkehrte. Red.) Permischte und neueste Nachrichten. M«gdet«rg In einer Correspondcnz de» .Hamcliz" Wladislawo». 2t. Deccmber, dadirt, wird den preußische Behörden der Bonvurs gemacht, daß sic seit Beginn der Antisemitrie die Paßvorschristen gegen russische Juden strenger in Anwendung bringen. Jetzt aber sei ein Befehl erlassen worden, alle russischen, in Preußen wohnhaften Juden auSzulveifen, sobald sie nicht preußische Untcrthanen geworden sind. -(Der Einsender verbürgt sich für die Wahrheit —• und doch glauben wir'» nicht. Kein Amtsblatt, keine Gesetzordnung l)at einen derartigen Erlaß gebracht, und auch die Schnorrer von Jenseit» der Weichsel durchziehen noch immer wohlgemuth da« Land!! Red. der J»r. Wochrnschr.) L. Zterki«, 24. Januar. (Or.-Eor.) Die „MontagS- Borlesungen" zum Besten de» StipendienfondS der „Hochschule für die Wissenschaft de» Judenthum»" haben nun auch in diesem Jahre in dem Saale der .Gesellschaft der Freunde" ihren Anfang genommen und die angekündigten Themata sind wohl iin Stande, da» lebhafteste Interesse zu erregen. — Schon am 14. d. M. hatte Herr Prof. vr. Breßlau eine» Bortrag über „die Emancipation der Juden in Frankreich" gehalten, welcher an Inhalt und Darstellung nichts zu wünschen übrig ließ.*) Am 21. sprach über eine Stunde Herr Rabbiner vr. Ungerleidcr über „das Armenwescn im talmudischen Recht". (EineScizzirungdieses interessanten Bortrag» bringen ivir in nächster Nummer. Red.) •) lieber diesen Borlrag ist bereit» i» Ar. 2 und 4!>, Bl. unter Hamburg berichtet worben. M8rzt»r§. Am 8. d. Mt», fand unter dem Vorsitz eine» MaglstratS-Eommissariu» eine Abstimmung der hiesigen ordentlichen Gemeindemitgliedcr (ca. 280) über die Abtrennung der Gemeinde vom DistrictSrabbinate de» ortothoxen Rabbiner» B amberg er und Bildung eine» eigenen Stadtrabbinat» statt. Bon 165 erschienenen Mitgliedern haben 108 für die Trennung gestimmt. Ob die DistrictSgemeinden ohne Würzburg in der Lage sind, allein den DistrictS-Rabbiner zu besolden ist sehr die Frage, sollten diese hierüber befragt werden, würden sie natürlich iin eigenen financiellen Interesse dagegen stimmen. W. #f(ona, 22. Januar. In empfindlicher Weise wurde in dem heutigen Termin dcS Schöffengericht» ein hiesiger Arzt bestraft, der einem jüdischen Handlungsreisenden, der ihn wegen Zahlung einer Schuld mahnte, einen Brief schrieb, in dem u. A. folgender Passu» vorkam: .Ich sah neulich bei einem Bekannten eine Hundehctzpeitsche, die dazu bestimmt ist, zudringliche Juden zu züchtige». Sie wissen ja nun, wa» passirt, wenn Sie wiederkomme»". Der Gerichtshof vcrurtheilt den Angeklagten zu 300 M. Geldstrafe, da. wie in dem Erkenntnis! auSgeführt wurde, eine geringe Geldstrafe bei dem Bildungsgrade des Angeklagten nicht angcbracht fei. Arody Die iür. Alliance in Wien hat der Elementarschule und dem Waisenhausc hier je 200 Gulden zugcwcndet. Die Ehassidim haben dieser Tage gcwüthet, weil der RabbinatSverweser Herr Sosnitzcr einer Dampfmühle gestattet l-at, Ma,zzotmehl zu mahlen. Sic gingen so weit, Herrn S. die Fenster einzuschlagen. Im Decembcr hat die orthodoxe Partei (Machasike hada») eine Generalversammlung gehalten, welcher mitgetheilt wurde, daß der Bcrcin 113 Filialen mit mehr als 40,000 Mitgliedern zähle. Der Kassenbericht war glorios: .Es werden jährlich wenigsten» 40,000 Gulden gebraucht".!! Der Hofbanquier Ignatz Deutsch ist Ehrenpräsident. (Jwri.) Petersburg, 29. Januar. Nach einer Meldung an» Eharkow, hat die Rcgicrungs-Abtheilung für städtische Angelegenheiten eine Beifügung der dortigen Stadtverordneten- Bersammlung. wonach die Anzahl der i» die »e» errichtete Handwerksschulc auszunchinendc» israelitischen Schüler auf 2 Proccnt beschränkt sein soll, kassirt. -eterslurg. Da» K>ewer Bezirksgericht hat folgende Iudenbefchränkungen beschloffen: Die ausgedienten jüdischen Soldaten müffen nach den Dörfern und kleinen Städten zurück kehren, in welchen sie vor der Aushebung gewohnt haben. Die verheiratheten Jüdinnen haben dort zu wohnen, wo ihre Männer da» Wohnrecht haben; die Frau verliert mit der Berheirathung da» Wohnrecht in dem Orte, wo sie bisher gewohnt hat. Der Mann erwirbt nicht da« Recht, in der Heimath seiner Frau sich niederzulassen. In Neu- Säger (Bezirk Kowno) hat die Gemeinde einen Trauergottesdienst für den christlichen Arzt vr. Hcntsch veranstaltet und zum Halte» der Gedächtnißrede den Mithauer Rabbiner kommen lassen. (Diese Dankbarkeit erquickt das Herz.) Bei der diesinaligen Rekrutenstellung sieht es am manchen Orte sehr dürre au». Die Hetzen und die provisorischen Gesetze haben den Eifer der jüd. Gestellungspflichtigen nicht belebt und die Kaffen sind leer, sodaß die seit einigen Jahren üblich gewordenen EntschädigunaSgelder nicht gezahlt werden. Attier. Die Taschentücher mit der Abbildung de» sage.'imstrahltcn „Jomkippur vor Metz" sind bis hierher gedrungen und der .Petit Colon" wittert BaterlandSverrath darin, daß eingeborene Juden derartig! „deutsche Maare" haben und verbreiten. Der Borwurf der Antisemiten, daß die Juden deutsche Spione seien, stützt sich wohl darauf, daß Blätter, wie „11». iSr." es rühmend melden, daß ein jüdischer Kaufmann deutsche HandlungSrcisendc in der Tollwuth de» Patriotismus, nur weil sie Deutsche sind, vor die Thür gesetzt haben. Daß deutsch-jüdische Zeitschriften hierorts gehalten werden, glauben wir nicht, denn außer einigen eingewandcrten Elsäßrrn verstehen die hiesigen Juden kein Deutsch.