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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1884-01-01 · 15. Jahrgang Nᵒ 2. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
15 (1884)
Issue
15. Jahrgang Nᵒ 2.
Date
1884-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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— 10 — Die Judeuth««. H Die unabweisliche Folge diese« Uebelstande« 'st. daß bei Krankheitsfällen in Familien, wo eben eine solche Pflege angezeigt oder gar von ärztlicher Leite dringend empfohlen ist wir genöthigt sind, un» die Demiithigung auszuerletzen. bei de» Ordensschwestern die christliche Barmherzigkeit in Anspruch zu nehmen. — Der Wahrheit die Ehre! Ueberall. wo wir diese Damen in unseren Familien am Krankenbette wirken sehen, da beobachten wir stets mit Hochachtung ihre unbedingt« Pflichttreue und muffe» ihre zarte Aufmerksamkeit gegen den zu Pflegenden dankbar anerkennen. Allein wir möchten mit dem Propheten fragen: ”«71 TsSiS p» .Gicbt'S kein Balsam in Gilead?" Sollten unsere Frau-n und Mädchen nicht dasselbe zu leisten vermögen? Sicherlich wohl könnten auch sie dieselben Dienste leisten und ebenso segensreich wirken, wie ihre nichtjüdischen Mitschwesicrn, wenn — sie nur wollten. Fast könnte e« den Anschein haben, al« herrschte bei unseren Mädchen und Frauen ein unbewußter Widerwille, eine natürliche Abneigung gegen diesen Beruf. Allein diese Annahme beruht auf einer Fiction, welche bereits durch Thatsachen widerlegt ist. Durch mehrfache wohlgelungene Versuche hat Schreiber diese« die positive Uebrrzeugung gewonnen, daß ti nur einer kräftige» Anregung bedarf, um die« anscheinende Widerstreben zu brechen und den auch in den jüdischen Frauen schlummernden Trieb zur Weckthätigkeit am Krankenbette zu wecken. Schon ist es uns in vier Fällen gelungen, junge Mädchen für diesen Lebensbcruf zu gewinnen und sie in geeigneten Instituten theoretisch und praktisch für diese» Beruf ausbilden zu taffen, von denen Zwei bereit» da« Rcifczeugniß erlangt hal>en und sich, nach den, Unheil der ihre Aufmerksamkeit beaufsichtigenden Arrzte. al» sehr tüchtig erweisen; ebenso erfreulich lauten die Berichte über die zwei noch in der Lehre Begriffene», indem die Leiter der betreffenden Institute sich geradezu lobend über den Diensteifer und die Pflichttreue dieser Zöglinge ausspreche». 1! Forschen wir nach der phhsischen Ursache diese« Fernwleibcn« jüdischer Mädchen von dem Berufe zur Krankenpflege, so findet diese Erscheinung ihre Erklärung in dem bei ihnen, a ü « U t i l i t ä t« g r ü n d r n, vorl-errschenden Drang!Äur Berheirathung; mit anderen Worten, sie sind bestrebt, nich einem Manne anzuschließen, der, ivrnn auch nothdürftig, mir ihre Lebensbedürfnisse sorgt, und namentlich um im vorgerückten Lebensalter in dem Gatten eine Stütze zu finden. [ Bor dem Drange nach Schutzbedürstigkeit muß die ver- «ünftige Ucberlegung oft znrücktrrten; r« wird daher dieser Lchritt oft gethon, ohne genaue Prüfung der bei der einzuwehenden Verbindung obivaltenden Verhältnisse oder auch Mißverhältnisse. Freilich ist häufig bittere Enttäuschung die polge solcher Uebereilung, aber — ihr Schicksal ist besiegelt, s Run ist aber der Pflichtenkrei« der Ehefrau ein so «eitrr und vielseitiger, daß derselbe die ganze physische und «oralische Kraft der Frau für Hans und Familie in An- Iprud) nimmt und darum ist der Ehestind mit dem Berufe Mer Krankenpflege säst unvereinbar. I Anders verhält es sich bei de» unversorgten christlichen Mraucn und Mädchen. Da sind es die großartigen reich-! Mttirten Frauenstifte, in welchen dieselben bereitwillig Auflahme und je nach ihrer physischen oder geistigen Befähigung »igemrssene Beschäftigung finden. Ganz vorzüglich sind c« Ee OrdenShäuser der .Barmherzigen Schwestern" der .Dia» Mnissiniien" oder wie die Congregationrn sonst heißen, wo De unversorgten Frauenspersonen eine Zufluchtsstätte finden, Mbei aber die Krankenpflege ihnen zun, Lebensberuf angc- »iksen wird. > Bride, im Iudenthume sich fühlbar machenden Miß- Mlndc, nämlich der Mangel an Zufluchtsstätten für »»versorgteFrauen und Mädchen und die sich kundgebende »dneigung der Frauen gegen die berufsmäßige Krankenpflege stehen also im Eausalneru«. derrn Abstellung jedoch durch guten Willen und ernsttiche« Zusammenwirken bewährter Kräfte mit Leichtigkeit zu bewirken sein dürste. Für die materielle Unterstützung Seiten« unserer Glaubensgenossen bürgt un« der historisch anerkannte und täglich sich neu bewährend« eminente WohlthätigkeitSsinn der Judenheit. Möchte doch unser Vorschlag Beifall finden, daß in jeder Provinz de« deutschen Reiche« eine Anzahl von einflußreichen edlen Männern zu einem provisorischen Somit» zusammentreten. welchesich die Aufgabe stelle, alleinstehenden anständigen Frauen und unversorgten Mädchen in einem zu schaffenden Stift-Hause eine Zufluchtsstätte zu gewähren und ihnen Gelegenheit zu paffender Beschäftigung zu bieten. *) Die Insassen eine« solchen Stift« würden mit allen bürgerlichen Lebensbedürfnissen gleichmäßig versorgt werden und sich den Befehlen de« Vorstände« auch insofern unter» zuordnen haben, daß sie überallhin, wo sie Behuf-Au«. Übung der Krankenpflege verlangt vom Vorstände l>eordert werden. Folge zu leisten haben. Bei der Ausnahme müßten dieselben verpflichtet werden, während einer bestimmten statutenmäßig festzusetzenden Zeitdauer im Institut zu verbleiben. Da« statutenmäßig feststehende Honorar für solche Dienstleistungen wird vom Vorstände cincassirt und davon zu Gunsten der betreffenden Diaconissin in einem Sparduche angelegt, da« restliche jedoch dem Stifts-Verwaltung«, fand« zugeschlagen. Al« Cen tralstel lr dürste sich am Besten der .Deutsch» Israelitische Gemeindebund" eignen, mit welchen die einzelnen Eomitö'S in stetein Rapport verbleiben müßten. Bei den bekannten loyalen Principie». welche dem .Deutsch-Israelitischen Gemeindebund" zu Grunde liegen und bei dem regen Eifer, welchen die Leiter desselben in der Ausbesserung der der Judenheit noch anllastende» Mängel an den Tag legen, unterliegt eS wohl keinem Zweifel, daß der verehrte Vorstand de« .Deutsch-Israelitischen Äemeindrbundes" auch dieser Aufgabe seine Aufmerksamkeit widmen und der Ol>erleitn»g de« Unternehmen« sich unterziehen wird.**) Wir verkennen nicht dir Schwierigkeiten, welche bei der Realisirung diese« Vorschlags zu überwinden sei» werden, nicht minder, welche widerstreitende» Anschauungen bei Organisirung eine« solchen Institut« sich geltend machen und au«» zugleiche» sein werden: nichtsdestoweniger haben wir die Zuversicht. daß. nachdem diese brennende Frage auf die Tagesordnung gesetzt, von Sachverständige» und dafür sich begeisternden Männern beleuchtet sein, und in der Presse ein Gedankenaustausch darüber stattgefunde» haben wird, sie auch ihrer Lösung entgegcugehen wird. Jnsoiveit wir da« Terrain in weiten «reisen recognoScirt haben, trafen wir überall die wärmsten Sympathien für diese Schöpfung an; r« gilt also nur, den energischen Wille» anzuregen, der auch die erforderliche Kraft und die nothwendigcn Mittel zur Ausführung zu Tage zu fördern nicht verfehlen wird. _ Der Schwerpunkt be> der Lösung dieser Frage liegt natürlich in der Beschaffung der Geldmittel. Brüder in Israel! Wir fragen nun, sollte r« der großen (Gemeinschaft aller Juden Deutschland« nicht geradezu eine Kleinigkeit sein, für diesen erhabenen Zweck eine halbe Million Mark zu» sammrnzustkuern? Hat die Judrnl)eit nicht zu alle» Zeiten wo r« sich uin Kiddusch haschen, handelte, die hochherzigste ") Jeder der Ausnadmesuchende» müßie die unerläßliche Berpslichiung auserlegt werden, den ibeoretiichen Üursu» über U rankenpftege, in den betannien, diesem Jivcete gewidmeten Instituten zu absolviren und alsdann während der Tauer einer von Fachmännern zu bemessen de» ,'jeit in einem namhaften Hoopilale den praktischen Dienst zu erlerne». **, Lbwohl wir un» eine eingehende Besprechung der im obigen angeregten Idee Vorbehalten — auch Andere zu Aeußcrunge» »»rüber austordern — bemerte» wir hier, daß aus dem vor bald zwei Jahren in Berlin abgehaltencn Nlemetndriage aus unsere Anregung die indischen Ürankenpslegewesen« widerspruchslos in» programm de» Aemeindebuude» ausgenommen wurde. Lie bilde» Punkt seiner bohen Ausgaben, die ans der letzieu «eite der kürzlich ersthieneneu .Miltheilungen-(Heft It, übersichtlich zusammen- Mell, sind. (Kedaction).

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