Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 50.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/5369809-5935096-5938115--4845-5377106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sich Christine auf Commando der Mutter i» ausgiebigster Weise dctheiligte und die mit der Flucht ihres Gatten endete, der oft genug sein Arbeitszimmer wie ein Asyl aufsachte. Eines Lage» erschien Josef in seinem Zimnier. in welchemzwci Dienstboten eben mit dem Scheuer» beschäftigt waren. „Was ist denn heute los?" srug er. an der Schwelle stehen bleibend. „Morgen ist Feiertag", antwortete man ihm. Joses ging. „Der .Herr ist ein Jud", hörte er hinter sich, als er kaum die Schwelle ül>erschritt, das Stubenmädchen der Ge hilfin erklären; „er luciß nichts von unseren Feiertagen und arbeitet gottlos an Sonnnnd Festtagen. Unsere junge Frau hat sich durch sein schöne» Gesicht, und die Alte durch sein schönes Vermögen beitrickc» lassen. Jetzt thnt diese Buge und die gnädige Frau ist gewiß nicht glücklich". IV. Solche Steine, die zwar nicht zerschmettern, doch aber tvehc thnn, fiele» oft auf Joses'» Wege, seinen Lcbenspfad uneben und schivierig machend. Zuweilen in einsamen Stunden schlich mit der Erinnerung an die Geschwister daheim, die er verlassen und verloren, der Wurm der Reue in sein Herz, und er fühlte sich recht unglücklich in den selbstgewählten Verhältnissen. — Ein Blick an» Eyristinen» schönen Augen aber' genügte, sein Gemülh zu erhellen und ihn mit neuer Geduld für die Nadelstiche seiner häusliche» Existenz zu stählen. Als Christine eine» Knäblcius gcna», war Joseph überglücklich. während seine Frau Thräncn vergoß und die Schwiegermutter die Hände rang. Einige Matronen, die sich fest in der Familie ringrnislct hatten und nie die 4laffcestunden versäumte», kamen hcrangeschlichen, zischelten mit der Alten, verdrehten scheinheilig die Auge» und gingen, um wieder zu komme». Sogar der geistliche Rathgrbrr der Frau von Horn ivar einen Augenblick im Hause zu sehe». ES bedurfte Josef » ganzer Selbstbeherrschung, zu sehen und zu schweigen: er sag an Christinens Lager, die trüben Blicke seiner Fra» auffangcnd. „Fehlt Dir lvas?" — Christine verneinte es. „Tuscheinst ober dock) zu leiden?" Sic lcejahtc. „Kau» ich Dir helfen, lietces Kind?" „Tu kannst", lispelte die Frau nnd blickte ihren litten mit flehende» Augen an. „Nun? Du weiht doch, dag nur des Wunsches von Dir bedarf, um ihn erfüllt zn sehen?" „Um so unglücklickfer würdest Du mich machen, ivenn es doch geschähe. Mein lieber Joseph", fuhr Christine init leiser Stimme fort, ihreni Gatten die Hand entgrgen'trcckcnd und ihn zu sich heranzielfend, „mein lieber Josef, versprich j mir int Vornhin«», unbedingt meinen Wunsch zu erfüllen, welch' immer einen, was ich auch fordern inag". „Was Du auch fordern magst?" Portheick dachte nach. „Wenn Du mich »vch liebst, wie Du mich je geliebt", sprach sie, „wenn ich Dir noci, so viel gelte, wie damals, als ich Dir lvillig in die Fremde folgte und eine Schranke niederriß, die uns sonst ewig geschieden hätte, so gewähre mir in dieser Stunde eine Bitte, bevor ich sic anssprkche". „Sprich sie aus, und »v«in mir die Erfüllung l-albwegs möglich, so lverdc ich es ungesäumt thun". Christine zog ihre Hand zurück und wandte ihren Kopf zur Seite. „Früher ivarst Du iveniger schwierig, ivenn es die Erfüllung eines Wunsche» von mir galt", sagte sie in gereiztem Tone; „fteilich bist Du älter und nüchterner geworden und die Frau hat die erste Bliithr abgestreift". „WeSlxilb quälst Du Dich und mich. Christine", versetzte Josef, „habe ich Dir versagt, lvas Du gefordert?*■ „Aber Dein Vertrauen hast Du mir versagt, Dein früher unbedingtes Venrauen". „Wohlan denn, ich will Dir Alles bewilligen", rief Port- Heim nach einigem Besinnen. „bis auf Eins". — „Und diese Ausnahme?" srug die Frau, die sich bei der Zusage halb aufgerichtel und dann bei dem von ihrem Manne gemachten Vorbelialtc eliva» argwöhnisch stutzte, „nnd diese Ansnahmc, Josef?" „DaS Kind". Christinen» Kops fiel auf das Kissen zurück. „Geh, geh!" rief sie in leidenschaftlicher Erregung, ihn mit der Hand abwehrcnd, „geh. Du bist ein liebloser, ein lierzloser Mensch, dessen Anblick mir wel)e thnt: ich will nur meine Mutter »eben mir hal>en; sende mir meine Mutter!" Joses stürzte fort und eilte auf sein Zimmer, da» er i» lirstiger tyemüthsbewegung mit langen Schritten matz. Seine Geduld ivar zu Ende, seine Bruft arbeitete gcivaltig, die Zorncsrötlfe flammte auf seinem Gesichte. Man sah eS ihm an, daß seine Gegner diesmal kein leichte^ Spiel haben 1 würden, und dag seine Energie cnvacht war. Wir er in vollster Aufregung auf und ab ging, klopfte es an der Thiire. .Herein". Ein Geistlicher trat ein. ES war der Beichtvater der Frau von Horn. Portheim stutzte. Der Mann kam-ihm uncnvartet und doch nicht ungelegen, wen» er ihm Gelegenheit böte, sein kochende», Gemiith zn küble». Er wirs ihm einen Platz an.; „Ich bin fr frei", begann der geistliche Herr, einigermaßen in Berlegcnlfeit nnd sei» breitkrämpiges Kopsdach i» den Händen l'earl'eitcnd. ..und komme —" „Im Aufträge", unterbrach ihn Portlfeim ein wenig höflich. „Ja, im Aufträge der Kirche". „Richtiger im Aufträge Ihrer beiden Beichtkinder, die dies Haus, das ich mir zuin Kastell stiller Häuslichkeit lxinte, der Jntriguc und dem Klatsche öffneten". „Ich bin Priester der katholischen Kirche und handle in ihrem Sinne und Aufträge", versetzte der Geistliche, ..wenn ich cs versuche, eine noch reine Seele der alleinseligmachenden Religion, der Religion der Mutter, zu erhalten, bevor da» arme Kind, ihr eigenes Kind, einer Genossenschaft cinvcrlcibl wird, die — die — " „Dir so verachtet ist", ergänzte Joseph. „Ich hätte nicht die» Wort gebraucht, Herr Porthcim; jedenfalls aber dürfte Ihnen dereinst Ihr Sohn, znm Manne und selbstständig gnvorde». kaum Dank dafür sagen, daß Sie ihn znm Juden gestempelt, ihm die Stellung, die Aemter verschlossen haben,. die ihm sonst oflen stünden und zum Theile ihn auch um die Liebe seiner Mutter brachte, die sich nicht ganz in solcher Weise dem Judcnkinde zuwenden kann, al» jeneni, das mit ihr im Schoo ße derselben Kirche ruht und einst gliicher Seligkeit theilhaftig werden soll". Joses blickte trübe. „Einige Wahrheit enthalten Ihre Worte wahrlich", sagte er. Der Geistliche glaubte sich auf dem Wege de» Sieges. „Die «Mesche dieses Landes", fuhr er fort, „stellen allerdings den Juden den anderen Menschen gleich, aber die» ist ei» papicrnrs Recht. Gestehen Sic sich offen: ivenn z,vei Unteroffiziere von ganz gleicher Qualität für da» Offiziers- Patent, ivenn zwei Ausknlranten für den Richtcrdienft, ivenn zwei Candidatrn für cin«> Ehrcnpost«! in Vorschlag gebracht werden, von denen der eine Christ, der andere Jude ist — hat der Letztere Aussicht ans Erfolg? Da» (besetz f>at die Religioiisgciiosscnschaft cmanzipirt, aber noch lange nicht die Gesellschaft, das Individuum. In dieser Richtung finden Sie dir höheren Armccposten. den Richlerftuhl, die politische Laufbahn, die Administration des Staates, die Parquet» der vornehmni Kreise verbarrikadirt. nnd ein Jude mutz sehr vollwichtige Eigenschaft«! de» Characters und Geistes l-aben, mutz sich sehr abmühen und vom Glück begünstigt sein, um vorwärts zu kommen und dorthin zu gelangen, wo der Christ vermöge der Geburt. der Benvandftchaft. der Protection, offene Thüren find«". «»»>>« folgt).