Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 44.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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843 Feuilleton. Kaiser Wilhelm und die Jüdin. 9m deutsch« Geschichte und Nrieg»«rinnerung von «»»er« M«v«r. (Fortsetzung) Wer da» Bersailler Schloß gesehen, erinnert sich wohl mit besonderer Lebhaftigkeit de» sogen. Gchlachtensaale», die. se« prächtige» Raume», in dem so zahlreich« Meisterwerke der neuen Malerei jeden Besucher seffeln. I« Winter von 1870 ju 1871 waren e» die Besiegten von Jean, die in eben diesem Saale und den zahlreichen Rebrnsälen al» Sieger wandelten oder unterhalb der Schlachtdilder von heißer Anstrengung ruhten. Dort bewegter, sich die ersten medicinischen Autoritäten Deutschland», ja Europa» um da» Acußerste, wa» die Wissenschaft zu leisten vermag, den leidenden Kriegern zu Gute konimen zu lasten An der Spitze diese» anLgezeichneten Feldlazareth» stand der Oderstab»arzt l)e. Kirchner, Chefarzt vom lü. Feldlazareth, 5. Armee Corp». Außer dem ihm beigegebcnen ärztlichen Personal widmeten sich die sämmtlichen in Versailles befindlichen Generalärzte, ein Wilm», ein Strohmeper mit unervlüdlichem Eifer ihrem edlen Berufe. Ich führe meine Leser in einen Saal, der manchem deutschen Besucher de» Versailler Schlostr» gerade dadurch noch in Erinnerung sein wird, daß zwei un» nahe berührende Bilder sich darin vorfinden. Da» eine stellt Napoleon am Grad« Friedrich» II. zu Pottdam dar, da» andere führt un» auf da» Schlachtfeld von Roßbach, wo da» dort ausgerichtete Denkmal von Franzosen im Jahre 1806 wieder niedergerissen wird. In diesem Saal« fanden sich im Monat De tobtt 1870 zwei Betten mit Schwerverwundeten, oder vielmehr eine Chaiselongue und ein Belt. Aus jene ruhte ein junger Ostizier, den, die rechte Hand amputirt war. Sein« Gesichtsfarbe war zwar von den auSgtstandenen Leiden noch bleich, aber alle seine Bewegungen verriethen eine ungeschwächt« Körpertrafl und ließen aus rin baldige« Verlass.» de» Schmer. zen»lager» rechnen. Da» Bild de« jungen Militär», der da» Bett einnahm, war ein trostlosere». Sprach!»«, fast beweg»ng»lo», die unwillkürlichen Zuckungen der Gliedmaßen abgerechnet. mit verdrehten Augen, in denen sich der bereit» «ingetretene Zunand der Bewußtlosigkeit au»zudrücken schien, mochte der Leidende kaum noch die kühlenden Wirkungen der Eisblasen empfinden, die »hm ein« jung« schöne Dame in tiefem Schmerz, keren Augen vom Weinen «und »varen. alle zivei oder drei Minute« auf da» Haupt legte. Dann und wann wendete sich die Krankenpflegerin ab, um ihren Thrä« uenstrom zu verdergen, oder beschäftigte sich mit dein Amputirten ans der Chaiselongue, um im leisen Geflüster mit ihm ihre Trost- und Hoffnung«lofinsett au»zudrücken, ein« Mitthellung, di« der junge Offtzter mit schmerzerfüllter Miene und nicht ohne einig« Tropfe» an den Augenwimpern aufnahm. Da öffnet« sich die Flügelthür de» Saale«. Ein Wärter trat et» und meldet«: .Se. Majestät der König!" Die schioarz« Dame erschrickt sichtlich, ebenfo wie der junge Offizier. Sie wußte« beide, daß der König wiederholt in den letzten Tagen tm Schlosse erschiene« n»ar. um tapferen Heiden die Hand zu drücke» und Wort« de» Danke» und der Hoffnung an sie zu richten. Heute galt der Besuch den Braven, die unterhalb de» Bilde« von »Napoleon am Grab« Friedrich» U." »nd de» Gemälde» v»n dem »Schlachtfeld« von Roßbach" an ihren Wundn» litten. Die schöue Dame ordnet« schnell an ihrer Toilette, wa» «och zu ordnen war, der jnngr Offizier richtete sich z»m Sitzen auf, wobei ihm jene ihren kräftigen Beistand lich. Da trat König Wllhelm ein, begleitet von einem Adju» tasten »Nd 0r. Kirchner. Die Krankenpflegerin verbeugte sich ehrknrchGvoll.. Der Lieutenant w«riff hastig mit der Linken dt» ihm dargeboten« -Hand de« Jtfttg» «ad beddckt, fU mit »Bleiben sie nur fitzen. Malberg, lehnen Sie sich wilder zurück," sagte der König, der offenbar vor seinen Eintritt in den Saal sich hatte unterrichten laffen. welche Persönlichkeiten derselbe in sich schloß. »Malberg," fuhr er fort, »meine Seele hört nicht aus zu bluten, soviel Unheil führt mir dieser grlßlichr Krieg vor — wie sind sie zu dem Verluste der Hand gekommen, di« nun nicht inehr da« Schwert für da» Vaterland führen soll?" »Majestät beim Au»fall am 30. gerieth ich zwischen zwei feindlich« Dragoner, ein Säbelhieb auf da» Handgelenk machte mich wehrlos, «iu zweiter Hieb würde mich niedergestrrckt haben, wenn nicht der Brav« da, Unteroffizier Saalfeld" — Thrünen entrollen bei diesen Worten dem Erzähler — »ihn aufgefangen hätte, mit seiner Hirnschale, deren Verletzung ihm erst die Kopfrose, dann die Gehirnhaut-Entzündung zugezogen. Dieser Engel, seine Schwester, ist au» Schlesien herdrigeeilt, ihn und mich zu pflegen. . . ." Weiter kam der Erzähler nicht. Die erschöpfte Stimme versagte ihm den Dienst. Fräulein Sara verhüllte sich da» Gesicht, um ihr Schluchzen zu verbergen. Der König wandte sich dem Unteroffizier Saatfeld zu. dem er die Hand nicht geboten hatte, weil er wußte, daß sie von dem Schwerleidendea nicht würde ergriffen werden. Da bemerkte er da« Album, da« derselbe auf dem Bette vor sich liegen hatte, und in dem er wohl vor einer Stund« noch geblättert haben niochte. Der König nahm da» Album und schrieb mit einem Bleistift, den ihm sei» Adjutant reichte, die Worte ein: »Gedenke Deine» treuen König« Wilhelm." Er legte da« Album wieder auf da» Bett. Der Bewußtlose erwachte, er laß di« eingeschriebenen Worte, raffte sich noch einmal zu dem Ausruf zusammen: ,E» lebe mein König!" und siel dann ohnmächtig zurück. Fräulein Sara sank in die Knie, der König erhob sie, indem er ihr« Hand ergriff, und gleichzeitig di« Linke de» Lieutenant» v. Malberg fassend, tröstete er sie Beide durch den Hinwei« auf da« Vaterland, da« solche schwer« Opfer fordere, wobei ihm selber die Thränen über die Wangen liefen und er die Hände Beider so nahe aneinander brachte, al» wenn «r da» Paar segnen wollte. »Er ist bei Gott!" Da» waren die mit unterdrücktem Schmerze au«gestoßenen Wort« Sara'«, al» der König mit seinem Gefolge sich zurückgezogen. Sie sank mit gefalteten Händen in einen Seffel. Gebhard von Malberg machte eine seine Kräfte übersteigend« Anstrengung, um auszuspringen. Wollte er der Schwester oder dem Bruder zu Hilfe? Da«.Fräulein sprang aus, um seinem Bemühen zu wehren. ____ »Sara," rief der in sein Chaiselongue zurückgebeugte Leidend« au«, indem er ihre Hand festhielt, »vor wenigen Wochen erst hast Du. mutterlos« Waise, Deinen Vater verloren, jetzt Deinen Bruder, Du stehst allein in der Welt; werde ich Dir die Heimgegangenen auch nur zum Theil ersetzen können?" »tzerr v. Malberg, laffen Sir ihr« Träume." »Wie, wa«, Sara? Wa« soll die Anrede, diese Sprache?" »Herr ». Malberg, ich hoffe und wünsch« nicht« mehr. Wozu dies« Täuschungen? Ich bin ein bürgerliche« Mädchen, ein« — Jüdin, beladen mit dem Fluch«, de« ihre Ettern, den Sie selbst vielleicht auf meinen «ater, auf mein« Familie geschleudert . . . . " »Sara, Du tödtest mich — noch ein Wort weiter, und ich reiß« mir diese Verbände ab, daß ich verblute. Laß mich lieber Deine Sprach« führen; ich «ettler. ich beraubt de» Sliede», ohne daß da« einzige Handwerk, da» ich geiernt, nicht» mehr ist; ich Krüppel, ich beladen mit nie zu ttlgenver Schuld gegen Dich und Deinen Bruder, ich unwürdig Deiner Liebe, ich werde von Dir verstoße«, von dir engelgleichem Wesen, gerade jetzt, wo ich s viel de« Tröste», der Vergebung, de» Mitleid», der Lieb« bedarf . . . (Fortsetzung felgt.) I