Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 38.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5369809-5935096-5938100--4741-5377014- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wiener Rabbinat Dr. Südemann." (Da« Wiener Rabbinat wird auch in einer besonder» Zuschrift an den Landmarschall erklären, daß M. eine Unwahrheit behauptet habe.) Lrodh, 10. September. Nach einer heute vom Hilf«« comitö der russisch jüdische» Flüchtlinge vorgenommenen Zählung sind deren noch 2531 hier. Seit Anfang September wurden 2000 repatriirt, 500 nach Pari« und 60 nach Amerika befördert- Er ist Hoffnung vorhanden, im Laufe von drei Wochen bi« auf eine kleine Anzahl alle zu repatriiren. Wie un» au« Äielitz geschrieben wird, hat die dortige i-raelitische Gemeinde Herrn Dr. Adolf Kurrein au« Linz zum Rabbiner gewählt. Demselben wird in Bielitz-Biala mehr Spielraum geboten sei», seine segenreiche Thätigkeit in Interesse de» Judenthum« zu entfalten! Port«, 9. Stplember. Die „Franz. Corr." schreibt: Ein Strom israelitischer Auswanderer au« Rußland, »leistendem Arbeiterstande angehörig, ergießt sich in diesem Augenblicke über Pari«. 89 sind gestern eingetroffen und 200 werden morgen erwartet. Die Familie Rothschild hat für die provisorisch« Umerbringung dieser Gäste in einem »euen Stadttheile am Fuße de« Montmartre Räumlichkeiten im Gesammlbetrage von 45,000 Franc» miethen lasten, und dort haben die ersten Auswanderer auch schon Obdach gefunden. Die Familie Rothschild will diesen Israeliten ferner auf ein ganze« Jahr lang, wenn sie nicht früher ihr Brod gefunden haben, eine Unterstützung von 7 bi« 8 Franc« pro Woche und Kops gewähren. Feuilleton. Aus dem Leben eines Autodidakten. von A. M. (Fortsetzung.) „Den Lenkern de« Bunde«, — wer kennt die? Ich nicht und viel« andere, ja die »leisten von un» nicht. Au« wolkstzer, olympischer Höh.' senden sie ihre Dcccete herab, uird wir, wir sind der Leichnam in der Hand de« Oberen. Nur von Zeit zu Zeit zuckt ein Blitzstrahl vom Throne Jupiter«, der dunkle Horizont wird jäh und grell beleuchtet, dann blicken wir in abgrundtiefe Gedanken, und sind froh de« wieder eintretenden Dämmerlichte«, da« un« die Ruh« und Sicherheit unserer untergeordneten Stellung zurückgiebt. Wir sind un» der Resultate unsere« Thun« nicht klar bewußt, wir kennen kaum die Mittel und Wege, di« zum Ziele führen, aber Alle sind wir von der unwandelbaren Ueberzeugung durchdrungen, daß wir nach festen Gesetzen der Rothwepdigkeit handeln, daß wir al« kleine Triebfeder einer großen, complicirten Maschine, so und nicht ander« handeln müsten. Und die sichtbaren Träger der Idee, di« Verkörperung de« Fatuni« — wer möchte ihr in» Auge schauen? Doch vielleicht — mit der Zeit — * abermal« brach der Fremde geheimnißvoll ab. Die Neugierde de« Forscher«, wie die allzeit geschäftig« Imagination de« Enthusiasten waren gleichmäßig gestachelt; schnell entschloffen erklärte er, sein ohnehin unbestimmte« Reiseziel ändern und einen Aussiug nach Zürich machen zu wollen. Sein Gefährte ertheilte bereitwilligst Auskunft über die zu befahrende Route, gab ihm einige Adressen von Personen, an die sich Magnu» in seiner Abwesenheit, die möglicherweise sich in die Länge ziehen könne, wenden sollte, und nachdem sie genau einen Ort für da« nächste Zusammentreffen bestimmt hatten, stieg letzterer au«, um seine Schritte nach der Schweiz zu lenken. Bgld lau, Zürich vor seinen entzückte» Augen. Der Anblick der Stadt mit ihren Thürmen und Zinnen, — in der Ties« der klare Spiegel de« Eee«, zur Seite der weite Ausblick auf di« Gipfel de» Schneegebirge«, im Hintergrund« al« Begrenzung de» herrlichen Bilde«, die Kette der AlbiSberg« mit dem ragenden Uetli — versetzte seine Seele in eine reine Luftschicht, und in also gehobener Stinimung begab er sich ohne Verzug au die Vollbringung seiner Miffion. Suchte er doch die Lösung de« Lebenträthsel« — Wahrheit — Licht. Zunächst suchte er die ihm bezeichneten Häuser auf, und es bedurfte nur der 'Namensnennung seine« Reisegenosse», um ihm, trotz der stolzen Abgeschloffenheit de« kleinstädtischen Bürgercdel«, Einlaß und freundliche Aufnahme zu sichern. Schon nach Ablauf einiger Tage war er am Ziele seiner Sehnsucht, — erlangte er den Beitritt zu einem geheimen Eoiwentikel. Eine« Abend« trat er init hochgespasinter Erwartung in einen niedrigen, spärlich erhellten Raum, wo Menschen aus allen Richtungen der Windrose, von dunkler und Heller Gesichtsfarbe, in den verschiedensten Trachten durcheinander gewürfelt waren. Die überwiegende Mehrzahl bildeten die Söhne de« 'Norden«: Kinder der Steppe, Bewohner de« fernen Ural'«, Entsprungene au« den Bergwerken Sibirien«, auch an den eleganten Städtern der nordischen Metropole fehlte e« nicht, srisirte», parsümirten, behandschuheten Modejournalen, die neben den ungeleckten Bären der eisstarrenden Region sich komisch genug auSnahmen. Auch Frauen waren zugegen, zumeist junge Mädchen von mitunter berückender Schönheit, im knappen Studentenkostüm, mit kurz geschnittenem, flatterndem Haar, Einige herausfordernden Blicke«, die Meisten ernst und gemessen ihrer weltgeschichtlichen Sendung, nicht aber ihrer precären, die Weiblichkeit arg schädigenden Lage, sich bewußt. Ein Mann bestieg die Tribüne und ergriff unter lautlosem, nur hie und da von beifälligem Iemurmel unterbrochenem Schweigen, da« Wort; dann wieder Einer; dann eine junge, sichtbar dem besten Stande angehörende Frau, zuletzt ein alter, im Dienste de« Ezarenthnm« ergrauter Offizier^ der, ob seiner Ueberzeung, die Lorbeeren von mehr al« einer Feldschlacht in die Schanze geschlagen hatte. Sie alle besprachen in vielfachen Variationen daffelbe Thema, die philosophischpolitische Existenzberechtigung der Socialdemokratie und ihre verschiedenen Entwicklung-Phasen bi« zu ihrer jetzigen, practischeu Formulirung. Wer aber, wie unsere Neophyte io spe, glauben mochte, au« den Schnörkeln g.>rund«t:r Perioden, au» dem bunten Durcheinander pathetischer Redensarten, ein anschauliche« Bild der gewaUigen Bewegung zu gewinnen, der hatte eine arge Enttäuschung zu beklagen. Da war von einem Programm, einem Grundgedanken, einem leitenden Princip, nicht im Entferntesten die Red«; nicht« al« in« Endlose abgeänderte und doch tödtlich monotone Deklamationen gegen Cäsarenthum und Absoluti»mur. schablonenmäßige Proclamirung der Volkssouveränctät und der heiligen Menschenrecht«, die ganz« bekannt« und verschliffene Terminologie der Maulhelden de» voinitö (tu sulut public. — Dem armen Stubengelehrten begann «» im Kopfe zu wirbeln, nervöse Angst schnürte ihm die Kehle zusammen. Nicht die maaßlosen Ausfälle de« brutalen Haffe« waren e« allein, die ihm Furcht und Abscheu einflößten. Ob auch sein harmonisch angelegte« Wesen insiinctiv vor jeder Ausschreitung zurückbebt«, so mußte er sich doch gestehen, daß der ein Wehe im Herzen trägt zur lanten Klage und Anklage, daß der Geschlagene, Unterdrückte zu eindrücklichem Protest und, wo der nicht ausreicht, zur Gegenwehr berechtigt ist. Er wußte wohl, daß Revolutionen gleich Erderschütterungen und anderen elementaren Gewalten, nnr während ihre« Wüthen« verderblich zu wirken verniögen; je brausender aber da» Getöse, gesto schneller geht ei vorüber, neben mancher Verwüstung, auch eine gereinigte AthmoSphäre zurücklaffend, die förderlich wird der Keimlegung späterer, wodlthuender Entwicklungen. Nicht also die Revolution, selbst dann nicht, weun da« Wort zur blutigen That wird, ist e«, die im Große» und Ganzen so nachhaltigen Schaden anrichtet, al» die Heuchelei und Lüge der jesuitischen Doktrinäre, al» die Zweideutigkeit und Unklarheit der Halbwisser, die der politischen Nautik nicht minder entrathend, wie die große Menge, doch vermessen genug sind, da« Steuer zu ergreifen und da» Etaatöschiff durch die Brandung, auf sturmgepeitschter Woge, lenken zu wollen. (Schluß folgt.)