Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 37.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton. «ul dem Leben eines «utodidakten. »on A. M. (Fortsetzung) Ein Brief au« der tzeimath gab einen glaubwürdigen Vorwand für da« Entloffung«gesuch. da« er, kaum wieder dergestellt. dem Grasen unterbreitete. Jetzt erst begriff er, wie lieb er sämmiliche» Hau»genvssen geworden war, mit ivesch starken Fäden er selbst im fremde» Boden Wurzel ge» ichiaßen. Schwere» Herzeu« lieb chu der Hausherr ziehe», unter der Bedingung, daß er, nach Erledigung seiner Geschäfte daheim, zu ihnen zurückkehren ivstrde; die Knaben hingen schluchzeud au seinen, Halse und baten ihn dringend, nur ja bald zu kommen; aber Slse wußte e» bester, sie wußte, weshalb er ging und fühlte, daß dieser Abschied keine Hoffnung auf Wiedenehen zuließ. Schmerzlich bewegt reichte sie dem Scheidende» die marmorkalte Hand, und der ergreifende Au«- druck diese« wort- und thränenlosen Kummer«, der in deutlichen Zügen auf ihrem bleichen Gesichte zu >esen war. lebte in ihm fort al« letzte, unverwischbare Erinnerung eine« kurzen lrrkenglück'«, da» mit der Jugend und Poesie in ei» gemein» schastliche« Grab, für immer gebettet ward. Mit dem bedeutenden, »och unberührten Gehalt von nahezu zwei Jahren, den die Großmuth seine« Gönner», durch Hinzufügung einer ansehnliche» Summe, al« Anerkennung ungewöhnlicher Verdienste, beinahe verdoppelte, machte er sich aus den Weg. Doch wohin, ja wohin war die Frage, die jetzt erst in den Vordergrund trat. In die Heimath mochte er nicht, unter vielen anderen Gründen, vornehmlich deßhalb nicht, weil er mit dem Bilde einer Anderen im Herzen vor seine Gattin nicht treten konnte. Mit der nächsten Absicht, eine möglichst große Strecke zwischen sich und Wien zu legen, löste er eine Karte und fuhr hinau« in die weite Welt. Da» Reiseziel de« Fremden war Mo«kau; da» ergab eine B-- sprechung rusttscher Zustände und mit Erstaunen lauschte Mag« nu« den Schilderungen de« erbitterten Lulturkampse« im Jnneren de« Reiche«, die sein Reisegefährte mit kundiger Vertheilung von Licht und Schatten entwarf. Magnus erkundigte > sich eifrig nach Tendenz und Inhalt de« Nihilitmu«, der. wie > er gestand, ihm dt« letzt nur al» wesenloser Schemen erschre«! nen war, und e« erfolgte eine so begeisterte Dithyrambe a »s j die hohe kulturelle Bedeutung deffelben, ein so farbenprächtige» > Zukunftsbild, da« nur unter besten Fahne erreichbar sei, baß dem enthusiastischen Streben schier da« Herz zu klopfen be- I gann. Der Nihilismu«, der al« philosophische Negation unter allen mögliche» Formeln und Gewandungen, seit Entstehung der Welt, an die Erlösung der Geister au« dem Bann de« bedrückenden Formal>«mu« gearbeltet, sollte jetzt, in positiv» Form, mit praktischen Zielen und conrretem Losungsworte versehen. auch die Sprengung der leiblichen Feffeln bewirken. „Wie die Reformation," fuhr er fort, »durch die Untergrabung der höchsten menschlichen Autorität den Weg geebnet für die politische Freiheit, wie die Encyclopävisten die Waffen schmied-ten, deren die Sextemdriseure in begreiflichem Ueb-rgriff urplötzlich erstandener Machtsülle sich bediente», so Haien auch die negativen Ergebniste aller philosophischen Theorien, so haben die geistigen Revolutionen aller Jahrhunderte, liie Bahn frei gemacht für die Stürmer der Jetztzeit, die au» er Zerstörung faulender Etaat«otd»ungen neue Gebilde zu formen au» Schutt und Moder frische Keime treiben zu lass.n, au« dem Tode da« Leben zu entwickeln bestimmt sind. „3t lange," rief der bleiche Mann ungestüm und ein unheimliche« , Feuer loderte au« seinen tiefen Augen, „so lauge da» Unrecht, ' die Tyrannei eine bequeme Heimstätte hier aus Erden sinden, ist da« Werk der Nihilisten nicht vollendet und nie werden sie aushören durch Wort und Thal, durch die Feder und wo die nicht au-reicht," — hier brach er plötzlich ab und mit der I Hand über die Stirne fahrend, sing er in verändertem Time i wieder an: ,Wa« rede ich und zu wem? — Verzeihen Sie, Er bereiste Frankreich, England, Italien und hielt sich längere Zeit in den Hauptstädte«, überhaupt überall auf. wo eine Sehenswürdigkeit sein Interesse vorübergehend fesselte. Er lernte Land und Leute kennen, vertiefte sich in die Anschauung unsterblicher Kunstwerke, staunte die Wunder der Natur in ihren vielfältigen Erscheinungsformen an, sammelte einen reichen Schatz von Erfahrungen und Kenntnisten, aber alle« die« vermochte seine Unruhe nicht zu bannen, die ihn rastlo« umhertrieb. In den Gemäld. hallen des Louvre, dem sinnberuckenden Gewühl der Eity, unter dem stillen Schatten der Zitronenhaine Liciinn'«, zwischen den Ruinen de: ewigen Stadl, erschütternden Denkmälern vergangener Herrlichkeit, überall hin ward er von einer Erinnerung verfolgt, und »mmer wieder griff er zum Wanderstade, in dem eitlen Wahne, durch die äußere Bewegung der inneren Herr zu werden. So saß er einst wieder, »ach Ablauf mehr al« zweier Wanderiahre im Loup6, einem noch unbestimmten Ziele zusienernd. Außer ihm befand sich »och ein Herr daselbst, der still in seine Ecke gedrückt, keinerlei Lust zu verspüren schien, in ein Gespräch sich einzulaffen. Da die schweigsame Disposition de« Fremden mit seiner eigenen, derzeitigen Stimmung vollkommen in Enklang war, so rückte er, nach kurzem Gruße, i» die entgegengesetzte Ecke und fo fuhren sie wortlos, in der noch dämmrigen Morgenfrühe, eine Zeit lang dahin. Al« aber die Sonne den Wrlkenschleier durchriß und ein Strahl derselben auf die im Winkel lehnende Gestalt fiel, da war Magnus' Susmerksamklit sogleich gefesselt. Da» bleiche, von innerer Erregung zuckende Gesicht, die unheimlich dunkelit Auge», da« rabenschwarze Haar, die markanten Züge konnten gewiß keinem Alltagtmenschen angehören. S« verlangte ihn die Richtigkeit seine« physiognomischen Kennerblicke« zu erproben, und er versuchte e«, durch kleine Aufmerksamkeiten ein Gespräch anzudahnen. da« bald, nachdem auch der Fremde die Neigung bekundete, den sichtbar aus ihn lastenden Druck durch da« befreiende Wort abzuschütteln, in ein lebhafte« Tempo gerieth. mein Herr, wenn ich Sie vielleicht momentan aus Ihrer bürgerlichen Ruhe ausgescheucht habe, und vergeffen Sie die, w>nn Sie wollen, verzerrten Gebilde eine» kranken Hirnes." Magnu« klarer Geist würde zu jeder anderen Zeit sofort erkannt haben, daß er e« hier mit einem Fanatiker von der Sorte der Irregeleiteten zu thun habe, die in der H ind de« stärkeren Meister« zu willenlosen Werkzeugen sich nnßdrauchen lasten, und mit kühler Reserve und mitleidigem Achselzucken würde er sich von den »statischen Auslastungen de» . Zeloten abgewendet haben. Doch in seiner gegenwärtige» ' Stimmung, wo die Vernunft nur zu häufig zu Gunsten der regellos schweifenden Einbildungskraft abdantte, war er zu kühler Beurtheilung von Personen und Dingen nicht immer geeignet, und Nicht sein logischer Verstand, nur seine Phantasie war e», die aufgeregt von den tönenden Phrase», ihn in die Worte auöbrechen ließ: ,O hören Sie nicht auf, halten Sie aus halbem Wege nicht inne. Sie täuschen sich, wenn Sie in mir einen von der großen Herde der engbrüstigen Phil-ster zu sehen glauben. Ein redlicher Kämpe für die idealen Güter der Menschheit, ein eifriger Wahrheitssucher steht vor Ihnen, der dankbar die Hand ergreifen will, die ihn au« der Tiefe de» Zweifel« und der Verzweiflung zum reinen A,ther der Erkennlniß zu erheben vermag. Und wenn die« allein nicht genügt, so erfahren Sie auch, daß Sie einen Kranken vor sich sehe», der Hülfe heischt und jede« erlaubten Ml'tel« sich bedienen möchte, um au» innerer Bedrängniß sich zu befreien. — „Erlaubte Mittel," sagte der Andere ironisch lächelnd, „nun ja, Sie sind Neuling. — Gehen Sie nach Zürich und Sie werden dort vielleicht etwa« von unseren Plänen und Zielen vernehmen." „Werde ich dort au« dem Quell der Geheimlehre schöpfen, den Lenkern de« Bunde« näher treten f" frug Magnu« begierig. (Fortsetzung folgt.)