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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 36. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 36.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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— 188 Feuilleton. ■ ^«ns'to« Beton eines Antodtdakten. Ih A. M. (Fortsetzung) Zum Beginn de« Winter« begannen die Lehrstunden wieder, mit Ilse al« Dritte im Bund«. Eie hatte nicht mit Uurecht sich der Unwiffenheit geziehen. In allen Elementarkenntntffen fehlten ihr die dürftigsten Vorstudien; aber ein reger, klarer Geist, «ine schnelle Faffnnglkraft und ihr lebendig-warme« Empfinden für alle« Brost« und Schöne, deckten nicht nur vollständig jene Mängel, sondern verliehen dem Unterrichte, trotz mancher Hemmniffe, einen beflügelten Bang. Wo die Brüder langsam und gewissenhaft durch «ine Menge Keiner Fragen und wenn auch nochwendigen doch lästigen Beiwerke» sich durchwanden, da hatte sie, jeden Ballast von sich werfend, mit schnellem Schritte, den Kernpunkt der Sache erreicht. und leicht beschwingt solche Höhe de« Bedanken« erklommen, dast die mühselig Keuchenden weit hinter ihr zurückblieben. Auch den, Lehrer wurde e« nicht leicht, den muthwilligen, aber stet« aus den Mittelpunkt der Frage »lelendrn Sprüngen seiner Schülerin )u folgen; oft mußte er staunen ob der Kühnheit ihrer Schlüsse, der Schärfe ihre« ungeschulten Urtheile«, wie er bewundernd vor der unlenkbaren Wahrheit«lieb« sich beugte, die jeden Sophi«mu«, jeden Eompromi« verschmähend. auch vor den letzten, zuweilen wenig tröstlichen llonsequenzen de« angeregten Bedanken« nicht zurückschreckte. Die seltene glückliche Mischung von kindlicher Einsalt und strenger Prüfung, im Rahmen einer edlen, nie da» Maast überschreitenden Weiblichkeit, war ein äußerst günstige« Element für die Seelensi rmung die bei einer so bevorrechteten Natur ln immer prägnanteren Zügen zu Tage trat. Der Lehrer wurde dem rriilt» Kindeogemülh gegenüber oft zum Lernende», und Alle, auch die durch die rege Bewegung neben sich zu schnellerer Bangarl hingertffcnen Knaben erwarteten täglich begierig die bestimmte Stunde, die ihrem Beist« so reichen Bildung«- stost und ihrem Innenleben einen klare», sprudelnden Quoll erschloß Tage, Wochen, Monate waren in stiller, allseitig befruchtender Arbeit verstrichen. Der Winter ging zur Neige. Die ersten schüchternen Blüthenkelche, von de» warmen Sonnenstrahlen hervorgelockt, durchbrachen die gelockerte Schneedecke, lustige« Vogelgezwitscher kündete den nahende» Frühling. Die schlummernd« Natur erwachte au« ihrem langen Schlafe, schüttelte den Reis von Väunien und Sträuche», ließ ihre Maiglöcklein ertönen und schmückt« sich mit jungem, safttgem Brün. Alle« fühlte sich weich und glücklich in den linde» Frühjahr»« lüsten, und die Liebe, die mit tausend Zungen redet, sendet ihre Herolde in Farben und Tönen zu den empfänglichen Erdenkindern. Auch bei unserem armen Lehrer forderte sie stürmisch Einlaß und sand kein verschlossene« Thor. — Den ganzen Winter hindurch war er, in seine Toga gehüllt, unablässig bemüth, um seine erhöhte Lehrkanzel einen unsichtbaren Wall zu ziehen, der ihn vor den eindringenoen Feind schützen sollte. Streng an die Lehrobjecte sich haltend, hatte er sich nie vom Wege sachlicher Erörterung abirren lassen, nie sich gestattet, den Spuren der leichtfüßigen Phantasie zu folgen. Der Helle Sonnenschein, der die Lernenden in den Barten und di« Knaben zur vollen Hingab« an den lange comprimirlen Lauf- und Klettertrieb lockte, vereitelte jedoch jeden ferneren Versuch eine» regelrecht fortgesetzten Unterichte». Die von den Knabe» verlasienen, langsam Lustwandelnden fanden vollauf Belegenheit zu ungestörten Beisammensein, und die Zeit verrann, sie wußen nicht wie schnell. Jugenderinnerungen traten vor da« innere Auge und drängten nach Mittheilung; Else erzählte von der «insain verlebte» Kindheit, «ach dem frühen Hingang« der unvergeßlichen Mutter, sie malt« lebhaft die erste« trüben Eindrücke der reichen, verhättchelten, doch liebearmen Waise, die zu dem Herzen de« vielbeschäftigten, meist abwesenden Vater« erst in späteren Jahren den Weg fand. Ihren im' herzgewinnenden Tone vorpebrmchten Fragen, mehr »och dent treuen Blick ihrer seelenvolleu Lügen Cng r«, dt« Erlebniffr de« tnngen Betehrten in i ,rem Zumenhange ihm adzuschmeicheln, und sie konnte nicht ander» al« Ehrfurcht und Bewunderung für diese starke, na h Wahrhett ringend« Natur empfinden. So erschlossen sich, im gegenseitigen Au«tnusch von Eindrücken und Empfindungen, mit den Kno«pen, auch die jungen Herzen. Eise liebte ahnung«lo«, rein wie der vom Fußt itt unberührte Schnee. Kein Blick in di« Zukunft, kein Bedanke an die möglichen Folgen, keine wie immer geartete Eornbination trübt« ihr die unbeschreiblich« Blückseligkeit de« Momente«. wo die erst« Offenbarung der zur schönsten Blüth« entfalteten Weiblichkeit m ihre Seel« zog. Sie blickte auf zu oen Bildern dieser Seele, gab sich ihm zu eigen, wie da« Kunstwerk den, Schöpfer gehört, und freute sich der tiefen Nei ung, die sie, wie sie e« ahnend vorempsand, «iiizuflößtn rrrinochte. Kein Wort über da«, wa« sie im Innerste» beweg e, ward zwischen den Beiden gewechselt; die Poesie wob einen durchsichtigen Schleier um die« Berhältniß, da» ihr dadurch im Lichte höherer Weihe erschien und ihrer Herzen«ford«iang vollkommen genügte. Wie aber verhitlt sich Magnu« zu der neuen Offenbarung ¥ Auch ihm war da« erst«, da« einzige Mal in seinem Leben da« Beheimniß der Liebe erschlaffen, aber ihm in Form einer mit Elementargewalt heretndrechende» Leidenschaft, die sein ganze«, >ugendfrische« Herz mächtig überflulhete, und e« in seinen Brundpsrilern erschütterte. Die einst so glücklichen Stunde» de« Zusammensein« wurden ihm zu unsagbarer Pein; siedendheiß übergoß e« ihn, so oft seine Hand zufällig die ihrige streift«; immer schwerer wurde e» ihm den hämmernden Pul«schlag. der ihm die Blutwellen zu Kopfe trieb, zu ruhigem Tenipo zu zwingen und in gleichmäßigem Tone zu docire». mährend nur zärtliche, weiche Lante in seiner Kehl« steckten, oder ln da« Auge zu blicken, daß die Qnal nicht sehend, die e« bereitete, bewundernd und liebevoll an seinen Lippen hing. Wie sollt« da» «»denk Der schwere Kampf lähmte seine Kraft, zerrüttete die ohnehin schwächliche Gesundheit, — ein Zehrfieber warf ihn aus'« Krankenbett. — Da wirbelt:» wirre Phantasten durch sein Hirn, versch vommene Nedrlbilder jagte» an sein starre« Auge vorüber, manchmal riß der Schleier für einen Augenblick, er glaubt« dann eine zarte, schlank« Gestalt zu sehen, die behutsam durch'« Zimmer glitt und traurig über sein Lager sich beugt«; einmal fühlte er auch, wie eine weiche, zitternde Hand aus seine Stirn sich legte und. duich die sanfte Berührung, de» stürmischen Pul« zur Ruhe brachte. Dann kam wieder die Dunkelheit und da» Ehao«. Wie lange er so dagelegen, wußte er nicht. E ne« Tage» fand er sich, nach einem langen, erquickenden S hlafe, im Besitze seine« Karen Bewußtsein«, die Wuth de« Fie. er« hatte auigetobt. die lieblichen Traumbilder waren zerronm a. Oede und düster war e« jetzt uin ihn und in ihm. In dumpfe« Hinbrüten versunken, schlichen ihm die Tage dahiEine namenlose Schwäche dehnte jede Fieber seine» Körper«, raubte ihn den Gebrauch von Sehnen und Mu-keln und trieb ihm, ohne daß er e« merkte, die Thränen in di« Augen. Doch nicht lang,. Plötzlich raffte er sich auf. Ei» Entschluß, hart, unbeugsam wie da« Fatum, hatte au« dem Nebel de« Traumleben» sich losgelöst und war mit erschreckender Deutlichkeit vor seine Seele getreten. Er mußte fort von hier, fort, so schnell al« die Füße ihn tragen mochten. Anfang« niandte er sich fröstelnd von diesen Gedanken ab; e« hätte Zeit, morgen. übermorgen, ein ander Mal. Doch er kam iminer wieder, li:ß sich zuletzt gar nicht mehr abweisrn und immer bestimmter klang e« in ihm: »Du darfst die Ruhe diese« Hause« nicht stören, die Heiligkeit de« Herdc» auch nur mit einem Hauch beflecken, an dem Dir großmüthig ein Aspl geboten wurde. Ungesäumt mußt Du die Stätte verlaffen, wo Dir zum ersten Mal ein reine« Glück erblühet« l (Forts, folgt.)

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