Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 35. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 35.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/5369809-5935096-5938097--4714-5376990
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I eigerusene Arzt, di« Möglichkeit «inet bösartigen typhösen Arantbftt nicht ausschloß, daher, für jeden Fall die Entfernung der jüngeren Hausgenoffen, unermüdliche Pflege und Nachtwache dnageud anewpsahl. Der Graf, der nun auch von de« Lorgesalleue» in ftenntulg gesetzt wurde, wurde zwar von dem gefährlichen Zustand des Sohnes nicht genau unterrichtet, die unbestimmte Furcht hereinbrechenden Unglückes erfaßte aber mit um so größerer Gewalt seine Seele und beugte ihn dermaßen nieder, daß er nichts thu» konnte, als immer neue Voten naäi allen Richtungen um Aerzte und Wärter aussenden. Wie ihn aber die innere Roth zu jeder Handlanguna untauglich machte, so mochte auch der Knabe, in seinen heftigen Fieberphantasien, nur aus der Hand des Erziehers den erfrischenden Labetrunk und sonstige Hülseleistung empfangen und so mußte dieser, trotz aller Wärter, unabge lest autharren, so lange und länger als seine Kräfte reichte». Die heiße Zimmerlust, die ununterbrochene Schlaflosigkeit wirkten betäubend aus seine Sinne; oft erfaßte ein Schwindel seinen Kops, eine unnennbare Sehnsucht nach Lust und Sonnenlicht schnürte ihm da» Herz zusammen; die Furcht vor einer möglichen Vernachlässigung bannte ihn jedech am Siechbette und ausdauernd, wenn auch in einer Art lethargischen Zustande», erfüllte er seine cvmplicirten Pflichten in den ihn erdrückenden Mauern der Krankenstube. Täglich erschien da« junge Mädchen, um sich nach dem Befinden de» Bruder» zu erkundigen und mit flehendem Blicke ihre Dienste anzubieten, wurde aber stets, nach flüchtigem Berichte, mit unerbittlicher Strenge vor der verschlossenen Thür abgewiesen. Ein leises Pochen, eine ängstlich geflüsterte Frage, ein traurige», ungläubiges Kopfschütteln bei den immer hosfnungverheißenden Bulletins, die kurze Begegnung eines Momente» an der Thürspalte, — und doch waren diese flüchtigen Momente Lichtpunkte in der düsteren, schwülen Athmo»- rhäre de« einsam Dasitzenden. Bald ward ihm der Anblick der holdseligen, schlanken Gestalt, des feingeschnitten Ovales dieses vom zartesten Roth kaum angehauchten Gesichtchen», au« dem zwei hellbraune, große Augen freundlich herausleuchteten, diese silberhell vibrirende Stimme, zum wahren vedürsniß, und ihm selbst kaum bewußt, verfolgte er »»geduldig den Lchneckenlaus de» Stundenzeiger» bi» zu der Minute, die ihm ihre, im Stillen ersehnte Gegenwart bringen sollte. Auch sie hatte, nachdem sie anfangs mit schlecht unterdrückter Scheu, dem ernsten Mann mit der gedankenvollen, hohen Stirn und dem zumeist nach Innen gekehrten, dann niitunter plötzlich aufleuchtenden Blicke, enlgegengetreten war, sich allmählich an da» absonderliche Wesen de» Gelehrten gewöhnt, ja gewissermaßen sich ihm untergeordnet. Die unlenksame, muthwillige ivrrin de» Hause» fügte sich dem, trotz angeborener Sanftmuth, unbeugsamen Willen de» Lehrer», und blieb fern vom Krankenbette, wie er es zu Anfang geheischt hatte. Das hinderte mdeß nicht, daß sie hin und wieder gegen die ihr auferiegte, ungewohnte Tyrannei rebellirte und i» ihrer verzogniheit sich selbst ob ihrer Nachgiebigkeit schalt. .Wann werden Sie mir endlich gestatten," srug sie wieder einmal und ein allerliebste» Schmollgrübchen wurde dabei am ihrer rosigen Wange sichtbar, „wann werden Sie mir gestatte», diesen geheiligten Raum zu überschreite»? Es ist doch unerhört, daß wir von einem Fremden der Zutritt zu «einem Bruder verweigert wird, und daß wir es geduldig «tragen, wie dieser Fremde sich für uns langsani zu Tode »lagt. Sie sehen schon ganz übernächtig und krank au», und" fügte sie, mit hervorblechendem Unwillen hinzu, .da» muß ein Ende nehmen, ich will e» und werde es nicht länger dulden." — .Gestatten Sie mir nur noch die Frist eines einzigen Tages, liebes Fräulein," versetzte er ruhig, „und wenn di» morgen Alle» gut geht, dann will ich Ihnen nicht länger i« Wege sein." — Sie heftet« ihr forschendes Auge aus seine klare Stirn, auf der ruhige Entschloffenheit ausgeprägt «ar, und mihmuthig ihre braunen Locken schüttelnd, entfernte sie sich ohne »eiteren Widerspruch. Eine lange, qualvolle Stacht ging ihrem Ende entgegen. I ,75 — Klapsenden Herzens, in tödtlicher Angst hatte Magnus den Kampf zwischen Leben und Tod beobachtet, dem sein Zögling zu unterliegen drohte. Die Fitttge de« herannahenden Todesengel» schwirrten bleiern über dem schmerzonden Haupte de» Kindes, doch der Wille zum Leben war zu mächtig in dem kleinen, zerrütteten Organismus, — er überwand und die Krise war glücklich Überstande». Am nächsten Morgen, als Alle» vorüber war. erfuhren erst die Hausgenoffen da« furchtbare Berhängniß. dem sie entronnen waren, und «in dankbarer Blick au« thränenseuchtem Auge lohnte dem treuen Wächter die opfervolle Hingabe. Bei der jetzt langsam fortschreitenden ReconvaleSzenz, während welcher die Geschwister stundenlang im Zimmer de» Patienten weilen dursten, zog Magnu» bescheiden sich zurück, um den überströmenden Herzenserguß der Wiederoereinigten nicht zu heminen, und woh! auch, um in den wieder aufgenommenen Studien eine Zuflucht zu suchen vor der Gefühlrerregung der letzten Tage So saß er einst in der Dämmerung, sinnend über seine Folianten gebeugt, als er ein leise» Pochen zu vernehmen glaubte und wie er ausblickte, im Thürrahmen, übergoffr» von den Strahlen der sinkenden Sonne, de« Grasen schöne« Töchterlein, die liebliche Eise, stehen sah. Ihr schnelle» Auge schweifte neugierig in der von Büchern und allerlei Studienreqnisüen erfüllten Zelle dc» Gelehrten umher n»d blieb dann an ihm selbst hasten, der zu ehrerbietigem Gruße sich schleunigst erhoben hatte. Der erstaunt fragende Ausdruck seine» Gesichte» erinnerte sie, daß eine Erklärung ihre» Erscheinen» geboten sei: .Mein Bruder." stamnielte sie verlegen, „Hugo ersuchte mich, — doch nein," rief sie, sich unterbrechend, .e« wäre unwürdig einen Borwand für den wirklichen Grund aurzugeben. Ich komme au» eigenem Antrieb" fuhr sie schnell fort, indem ein flammende» Roth ihre Wange bi» an die Haarwurzel färbte, .ich möchte wiffen, warum, — warum Sie un» meiden? Was haben wir Ihnen gethan, daß Sie die schwere Bürde der Dankbarkeit un» auserleglen und dem Ausdrucke derselben sich beharrlich entziehen?" — „Ich, ich dachte zu stören," stotterte er verwirrt Sie schüttelte traurig ihr Lockenköpsche». .Da» ist nicht wahr, kann nicht wahr sein. Sie müssen doch fühlen, wie werth sie un» Allen geworden, welche» Band sie an un» knüpft. Doch nicht Bescheidenheit ist e», die sich der Kundgebung der Freundschaft entzieht, es ist Stolz, unbändiger Stolz, der nur geben, nicht empfangen kann, nicht einmal DankeSworte au» vollein Herzen. Ueberdie»," fügte sie schalkhaft lächelnd hinzu, „schauen Sie au» olympischer Höhe gleichgültig aus unser kleinliche» AlltagStreibeu und nur die Pflicht dem Kranken gegenüber, a cht Bedürsniß nach Anschluß an die Gesunden, konnte Sie vermögen, au« Ihrer höheren Region für kurze Zeit zu ihnen herabzusteigen." — „O wäre e« wahr, könnte ich doch gleichgültig sein," brach es gewaltsam au« ihm hervor. Else schien den Au-ruf überhört zu haben." „Aber auch die Gesuitden," fuhr sie mit schüchternem Augenausschlag fort, „bedürfen Ihrer Pflege und Niemand mehr, al» die zu ihnen spricht. E» drängt mich, e« Ihnen zu sagen, tva» ich längst al» stillen Wunsch mit mir herningetragen. Schon lange verfolge ich mit Bewunderung, und daß ich r» Ihnen nur gestehe, mit geheimen Neid, den Bildungsgang meiner Brüder, und sehe die feste Hand, die ihnen denselben vorzeichnet und ihren kleinen Gedanken die Richtung und ein große» Ziel gicbt. Wa» Wunder, daß ich, die ich ihrer so bedarf, tmch derselben Leitung Berlangen trage. Lassen Sie mich Theii nehmen an den Unterricht, und Sie sollen in mir eine, ob auch ganz unwissende. wenn brennender Wissensdurst aber in Betracht kommt, doch nicht unwürdige Schülerin finven." — Der Erzieher zwang fein pochende» Herz zur Ruhe und sagte in gehaltenem Tone: „Wenn Ihr Wunsch, mein Fräulein, mit der Ansicht Ihre» Herrn Pater« in Einklang stehet, so bin ich bereit. Ihnen mein dürftige» Können zur Perfügung zu stellen. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.