Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 32.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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I *• ♦ t Ml - Feuilleton. flu# dem Lesen eines Autodidakten. «on A. M. (Fortsetzung.) I» der zuversichtlichsten Stimmung begab er sich zur ersten verzeichneten «dresie, da war der Herr de« Hause» »errelst, Rückkehr unbestimmt und die Frau nicht gewillt, allein einen Entschluß zu fassen; zweite Adresse war falsch angege. den, nicht »ln Lehrer, nur ein, Lehrerin wurde gesucht; dritte, wallt» man einen älteren Herren, der den wilden Rangen imponiren sollte; vierte, da mochte man keinen ernsten, nur „neu srSh'tch dretnschauenden Klingling, damit er Lust habe, ln den E>holung»stunden, nach dem Unterricht, »nt den Knaben j* turnen und zu spiele». Endlich war ein Hau« gesunden, wo seine Persönlichkeit nicht mißfiel und auch sonst nicht« der Ausnahme im Wege lag; der Herr ersuchte höflich, er möge de» nächsten Tag kommen und seine Schulzeugnisse mitbrtntttn. »Zeugnisse," stammelt, Magnu« verlegen, »dir habe ich nicht." .Und wir konnten Sie glauben" sagte der Herr zuvorkommend, aber mit mitleidigem Achselzucken, »dag icy einen Lehrer ohne Zeugnisse ausnehmen werdet Ich bin nur ein schlichter Kaukmann, der von den Wiflenschaste» keinen rechten Begriff hat. und Sie mögen vielleicht ein Gelehrter sein, so grob wie die« Zimmer, aber wer weih" — und lächelnd complimentirte er ihn zur Thür hinau«. De» armen Ma>rnu» 'SiegeSgewißheir batte einen starken Dänipser erhalte». Biele Tage mubte» i>erstreichen, ehe er» t>edeulend eingeschüchtert, an eine andere Thür zu poche» wagte. Uebrrall aber ivard ihm dieselbe ttereotype Frage nach Zengniffen, und überall dieselbe in allen möglichen Tonarten wiederholte Absertignng. Ermüdet, gegnält, cntmuthigt, wollte er zuletz! keinen Schritt mehr thun, saß er nundenlang im kleinen, im vierten Stock gelegenen Hinterstüb« chen de« od-euren Gasthose-, dumpf vor sich hinbrütend. Mit Schändern dachte er an die gar nicht mehr ferne Zeit, wo die kleine Baarschast, die trotz de» ei»geschränkt>slen Berbrauche«, sichtlich zufammenschmolz, gänzlich versiegt sein, und keine Möglichkeit vorhanden sein würde, die dräuende Lücke zu fül» len. Und au» der Heimath Hütte zu latschen, dagegen taumle »ch seine ganze Manne«würde. Magnu» und seine Frau waren nach ihrer Berheirathung in vollständiger, materieller Abhängigkeit von ihren Eltern gehalten. Ihre Mitgift ward im gemeinschaftlichen Geschäfte angelegt, ihre Wohnung im Hause derselben ihnen angewiesen und kaum über die nöthignen Aufgaben, für die laufenden TageSdedürsniffe, konnten sie nach Gutdünken verfügen. Im ersten Zornesrausche nun über kaS unerhörte, selbstständige Borgehen de» Eidam» hatte der Schwiegervater, ein redlicher aber dornirter Frömmler, energisch erklärt, sie au» dem Hause jagen zu wollen und ihnen tv>rlsächlich, unter dem Borwände der Unmündigkeit, jede Gelvunlerstützung entzogen. Al» Magnu» mit sehr geringer Wegz^yrung auf und davon war, wurde zwar der jungen Frau ein Asyl im väterlichen Haus« gewährt, doch die allmählich eingrtretene, versöhnlichere Stimmung durchaus nicht auf den Fernen, Abtrünnigen ausgedehnt Deffen Name durste im Hause nicht genannt, die llorrespondenz der Gatten nur im Geheimen gepflogen werden und da» ganze Sinnen und Trachte» de» Bater» ging dahin, vermittelst einer Scheidung, sein Ikind au» den Klauen de» Ungeheuer» zu befreien. An dem unbeugsamen Widerstand der Tochter, die um so treuer an den Abwesenden hing, je mehr sie ihn von allen Seiten angeseindet sah, brach zumeist der detpotisch« Wille de» Bater», dieser aber gab sein Bor haben deshalb nicht aus, betrieb e» vielmehr mit inuner größerer Gereiztheit, und so war der Kämpf« und Stürme kein Ende. Mag»«« hatte, nicht im Entferntesten eine Ahnung, wie viel die Berlaffene daheim um seinetwillen erduldete, er wußte nicht wie tlefwurzelnd der Groll im Gemüthe de« Manne» war, der tn seine« Schwiegersohn, dem vielgerühmten talmudisch t Gent», einst einen ragenden Pfeiler der rabbinischen Kaste zu sehen erwart,t«, und nun tn seinen schönsten Hoffnungen antroffen, um sein« besten Illusionen geprellt war. Er wußte von alledem nicht«, aber einige dunkle Andeutungen, vereinzelte Stoßseufzer in den seltenen, im gedrücktesten Tone gehaltenrn Priesen seiner Frau genügten, um de» unerschütterlichen Entschluß tn thin hervorzubringen. lieber Stein« an der Straß« zu klopfen, al« den Unduldsame» daheim um eine Unterstützung anjugehrn. So sah er angstvoll und thatlo« in eine trostlose Zukunft«- perspective, bereu düsterer Hintergrund von keinem Hoffnung«- schimmec erhellt war. Rur mechanisch, einer Gewohnheit mehr, dem einen inneren Thätigkeii«drange folgend, griff er manchmal zur Zeitung, um da« Annonceiibatt zu durchfliegen und dann wieder traurig von sich zu werfe». Da siel sein Auge einmal auf eine Anzeige. Ein Proseffor, dem seine Perus«- studien kein« Zeit zur Beaufsichtigung der eigenen Kinder lasse, wünscht einen bescheidenen, junge» Mann mit geringen Ansprüchen al» Lorrepetitor derselbe». Da« >v»r eine Aursicht, ei» Rothanker. Wer sonst, wenn nicht ein Professor, selbst ein Gelehrter, konnte mit sichrrem Blick den Werth und Umfang seiner Kenntniffe ermessen, und an dem, im Grunde nur konventionellen Mangel, der gehörig documentire» Bestätigung derselben krinrn weiteren Anstoß nehmend „Er wird prüfe», dachte Magnus, den besonderen Umständen, die de» Abgang von Zeugniffen erklären, Rechnung tragen und alles ander« ergiebt sich von selbst." Wieder einmal erwachte die Hoffnung in dem umnachteten Gemüthe und schleunigst machte er sich ans den Weg. Ein kleine«, elegante- Gebäude mit in den Warte» führender Frontseite, wurde ihn al» die Behausung de» Prosessor« bezeichnet. Die maffive Eich.mthür drehte sich, wie van selbst, in ihren Angel», nachdem er den blanke» Meffiugknopf gedrückt und er trat in ein stille-, einfach aber behäbig eingerichtete» Hau». Da- Studierzimmer, wohin er gewiesen wurde, bot den Anblick vollständigen Eomsort'«, an dem Schreibtisch im iveich gepolsterten Sorgenstuhte saß der Proseffor ciusig schreibend. Beim Eintreten de» Angemeldete» legte er die Feder bei Seite, stülpte eilfertig die Brille aus dakurzsichtige Auge und mit schnellem Blick ihn mnslernd, begann er ohne jede Einleitung, ein scharie» Berhar über die Methode, da» Unterrichtssystem devermeintlichen Lehrer». Atheinlo« stand der Arme in diesem Kreuz- und Quersrner von Fragen da, ohne auch nur eine einzige paffende Antwort zu sinden, denn wa» wußte er in der Thal von den Schnürlcib - Regeln und dem Prokrustebett der Melbode. — „So bezeichnen Sie mir doch in großen Strichen Ihre Ansichten über den Unterricht überhaupt, wenn Sie in'» Einzelne nicht gehen mögen," ries der Proseffor ungeduldig aus sein Blatt schauend. Ru» ergriff Magnu» die Gelegenheit und seine ganze Kraft zusammenraffend, entwickelte er in kurzer Rede, mit wenigen prägnanten Beziehungen, seine Iaeen über den Bildungsgang der Zeit im Allgemeinen, über die durch denselben bedingte wie ihn bedingende Erziehung, und mit fester Hand zeichnete er di« Grenze» vor. innerhalb deren der reichhaltige Blldung-stoff zu verarbeiten und in geioiffen, der Individualität und nicht den> vorgeschriedenen Alter, entsprechenden Dosen den Schülern zu verabfolgen wäre. Stumm und abwesend saß der Proseffor da, nur hin und wieder ein erstaunter Blick aus den eisrig Redenden bekundete die innere Eoncenlration der Gedankens.— Es entstand eine lang« Pause. Endlich ergriff der Proseffor da« Wort. „Sie sind ein merkwürdiger Mensch, und sollten Sie es zu etwa« bringen, — auch ein gefährlicher Mensch. Aber Sie werden e» hier bei un« zu nicht« dringen, und darin liegt ein Trost. Unsere ganze Lehrmethode, unsere eng gegliederte Klaffendizziplin käme in« Schwanken, wenn Leute ihre« Schlage« on'« Ruder gelangen und Bresche schießen wollten in unsere fest gefügten Kathedermauern. Zitnächst, haben Sie Zeugnisse?" — „Rein!" — „Run mir käme ei sonst nicht daraus an, aber Sie kann nian so nicht nehmen. Eie find ein gefährlicher Neuerer," schloß der Proseffor ausstehend und ^den Erschrockenen bi« an die Thür geleitend. (Förts. folgt.)