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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 31. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 31.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton. AuS dem Leben -IneS Autodidakten. «-N A. M. (Fortsetzung.) In später Skachtstunde, wenn Alle« rundum im tiefsten schlafe lag, stahl er sich von seinem Lager, aus dem er ungeduldig den heißersehnten Moment der Ruh« erwartet hatte. Da» Büchlein wurde dann hervorgel olt, mit andächtiger Scheu betrachtet und um die Enthüllung de» Mysterium» still und gläubig gerungen. Einzeln« Buchstaben waren ibni durch da« Lesen der Siamen aus den Schildern, die zugleich in deutschen und hebräischen Leitern bezeichnet waren, erinnerlich. Au» diesen setzte er sich die ersten Worte, den Titel de« Buche» zusammen: .Phädon von Mose» Mendelssohn", so hieß da» sonderbare Lehrbüchlein. — Langsam und unendlich mühevoll, ausgr scheucht durch den leisesten Ton iui Hause, athemlo» hin» auShorchend, so okt eine Kuye über die Dachrinne huschle, nicht selten beim Mondlicht arbeite»), wenn da» letzte Lichtstümpichen heruniergebrannt war, so ging e» vorwärt« bi» er, den Zusammenhang der Wort« mehr errathend al» erlernend, über die schwierige Ausgabe de» Bvchstabiren« sich hinweggeholsen halte. Run bot auch der Inhalt keine besondere Schwierigkeit mehr Da« Studiui» de« philosophischen Theite» der latmudischen Encyelopädie, die da» nahezu gesammte Wiffe»«- material kn« Oriente« u»isaßte. halte ihm da« Berständnib de, niodcrnen Philosophie vorbereitet und nre'entlich erleichtert. Nachdem er einmal einen Zug gethan au« dem frischen Born der abendländischen llßeitweiShei«, die ihm zugleich einen entzückenden Ausblick in die nebelhasle Ferne de« hellenischen Philosophenthum» gestaltete, da war für ihn kein Zucückirete», kein Stillstehen mehr möglich. Wie den Jüngling von Sai» trieb e« ihn unauihailsam vorwärt», mit dem llnterschiede allerding«, daß diesem „ungeduldig strebenden" kein brsreundeter Hierophant zur Seile stand und ihin vor der Pforte der Wahrheit ein durch die Pernunft gebotene» Hall znrief. Rein Wunder also, wenn in dem aus sich selbst Angewiesenen ein Hang zu inaßloser Schwärmerei sich entwickelte, die bald in religiösen T>rssinn, bald in da« andere Extrem hinabstürmeuden Atheismus auszuarten ^rohelc. Jedoch da« in der Veranlagung schon vorhandene harmonische Gleichmaaß der Seelenkräste und mehr noch, manch warnende« Belspici, da«"ec vor Äugen hatte, bildeten rin heilsame« Gegengewicht und schützten die gesunden Reime vor Ueberwucheruug schädlichen llnkrante«. Er sah so manchen, gleich ihm ernst strebenden Hitzkopf, der in schwärmerischer Uel>«rschwänglichkril und wortreichem Eifer unter die Standarte der Opposition sich begab, zuletzt doch in den Arnien des wüsten Zelorismu» Ruhe suchen vor den fortgesetzten Bersolgungen der bnchstabendüftelnden Pharisäer, mehr aber noch vor der eigene», keinen Halt gewährende» Unklarheit und Maßlosigkeit der Empsindung. Frühzeitig, so früh, dag e» unserer viellernenden und trotzdem oder deshalb spälleifen Jugend wie eine Mythe erscheinen müßte, lernte er daher die nachhaltige Schädlichkeit de» Ueberinaaße« kennen und meiden, und seinem ernsten Bemühen gelang e« bald, die überschäumendc Gefühlsbrandung ei izudämine» und da» regellose Denken unter da» heilsame Joch deS prüfenden Perstande« ^u beugen. Wie in der Theorie durch da« Studium Ranr«. so auch galt ihm hierfür in der Praxi» da« Kriterium der reinen Pernunft al» da» allein entscheidend«. I» seinem 18 Lebensjahre trat er zum ersten Male mit ttaer kleinen Flugschrift in die Oesfentlichkeit und erzielte eine ungeheure, nie erwartete Wirkung. Ob auch die orientalische Frühreife und Affimitirfähigkeit al» Zactoren der schnellen Eulturentwicklung des Einzelnen wie der Gesammtheit in Betracht kommen müffen, so blieb es, diese günstigen Borbedinungen eingerechnet, doch äußerst wunderbar, wie der kaum dem Knabenalter entwachsene Jüngling urplötzlich, überNacht 243 — möchte man sagen, zum Philosophen und Schriftsteller wurde. Und mehr noch mußt« man darob erstaunen, wie der Welt« fremde, in einsamer Gtiste»region Lebende, nainhaste Mißstände und Gebrechen der damaligen Gesellschaft an der Wurzel zu fassen und mit praktische» Gewandheit vor aller Augen bloß zu legen verstand. Au« den ReminiScenzen seiner Kinderjahre war ihm di« despotische Gewalt der jede frei« Geistesregung erstickenden Fanatiker furchtbar gegenwärtig; der Hülferuf nach erlösender Reform war von macher Seite an sein Ohr gedrungen. Getragen von einen, am Feuer der Jugend gehärteten, auch für da« später« Alter wärmespendenden Idealismus, der al« fester Kern au« den nebeiha'te» Umhüllungen unreifer Schwärmerei sich losgelöst und b.hauplet, fühlte er sich berufen und auserwählt zum Werkzeug der Rache, wie zun, Friedenskünder einer besieren, auf den Trümmern der gegenwärtigen erbaueten Zeit. Mit wuchtigen Keulenschläge» ging er der Heuchelei und Lüge zu Leibe, mit der zweischneidigen Waste der ethischen Entrüstung und der beißenden Satyr« kennzeichnete er Schaden und Mißbräuche, die von Manchem schmerzlich empfunden, doch von Riemand bl» jetzt so herzhaft angegriffen und bloßgeiegt wurden. Aber nicht nur ließ er ein grelle» Schlaglicht fallen auf di« Wirren de» Kreises, in den seine Jugend gebannt war; er zeichnete auch in knappen Strichen den Weg vor, a»ff dem inan au« dem erdrückenden Mißverhältniß der zur Schau getragenen Augendiencrei und de» geheimen Widerwillen», auS dem Wust erniedrigender Doppelzüngigkeit sich lösen und die Feffeln sprengen sollte, die allcrwäit« deii freien Gedanlenflug heinnilen Da» Büchlein, von der kleinen Schaar der Gleichgefinnlen als Offenbarung begrüßt, siel wie eine platzende Bomb« in »a« Lager der Gegner, dort Bewunderung und Perhimmlung, hier Zorn und Haß entfesselnd und der Autor, der kaum die Straßen seiner Stadl kannte, sah sich plötzlich im Mittelpunkte einer hur und wieder flutheuden Bewegung. Di« im Finstern schleichende Jesuitrnineute, deren wüste« Treiben er gebrandmarkt, drohele »ut Acht und Baun, und die um »hu versammelten Treuen tonnte», als Minorität, überdies mit offenem Bifiei« fechtend» deii im Dunkeln abgeschoffenen Pfeilen der Uebermacht nicht iailge Stand halten. Magnus selbst bat feine Freunde sich nicht weiter zu expomren und ihm fern zu bleibe»; inußte er doch ferne eigene Ohnmacht gar zu bald erkennen. Al» er eine» Abend», auf dem Heimwege von einem einsamen Spaziergänge, angefallen und halb tobt geprügelt wurde, durchdrang ihn endlich die Gefahr diese» ungleichen Kampfe«, und er beschloß durch die Flucht sich der Wuth der Feinde zu entziehe». Zunächst wandte er sich »ach Wien, in der freilich etwa« sangnulischen Hoffnung, daselbst am ieichiefte» eine neue Existenz begründen zu können. Sein sehr einfacher t>la» ging dahin die nothivendigsten Subsistenzmittel durch Slunvengelen herdeizuschafsen, dann bei so erzielter, relativer Sorglosigkeit,, senrc zu Hause begonnenen Studien, in erweileriem Wirrung«» kreist, mit den durch die große Stadl gebotenen, reichhaltigen Behelfen, schnell zu Ende zu führen, um eventuell auf irgend eine Profeffnr Anspruch machen zu können. Er hatte keinen Freund, keinen Gönner, keinen Wegweiser in dem sinnverwirrenden Gelüinmel der Weitstavl, trotzdem verlor er, in seiner „genlhümtichen itnerfahrenhcit und kindlich-naiven Beurlheilung praktischer Zustände, durchaus nicht de» Mnth und glaubte nur klopfen zu müffen, um Einlaß zu ftnden. Die Zeitungsannoncen. die ihnr den erwünschten Leitfaden beim Suchen einer angemessenen Position an die Hand gaben, waren so erfüllt von allerlei ihm paffend dünkenden Anträgen, daß die immer steigende Zahl der notirlen Reflektanten, feine frohe Zuversicht immer mehr steigerte und er schließlich nur in Angst war, ivie die Anzahl der Unterricht«- nul denen der Tag.Sstunden in Einklang zu bringen sein würde. (Fortsetzung folgt.)

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