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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 30. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 30.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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135 — hundrrte. duldet bei drr legalen Nutznießung de« Erbgute« keinen willkürlichen Eingriff de« Einzelnen in ihr historisch verbürgte« Recht. Die von ihr sanctsimirt«, da« gelammte Wissen«matrrial nach festen Normen regelnde und beherrschende Echulmethode, findet rechtskräftigen Beistand und rüstige Förderung, — nicht aber da« freie, ungebundene, oft au t» «ftvt* los« WaUen de« außerhalb diese« Nahmen« nach Selbstständigkeit ringenden Geiste«. Und »och sollten wir nicht vergessen, daß wir schwerlich so bequem ans der festen Grundlage unserer modernen, sachwissenschaitlichen Bildung fußen würden, wenn wir nicht auf den Schulter» dekeine Schranken achtenden, in unermeßliche Gedankensernen schweifenden Grübler«, -u jenen lichten Höhen der Universalerkenntniß emporgehoben worden wären, von denen au« der Ueberblick de» ganzen Ardeit«gtbiete« und dessen Parcrllirung für die Einzelthättgkeit erst ermöglicht wurde. Und weil wir, die glücklicheren Epigonen, so sicher aus der breiten Heerstraße der gesammelten und verallgemeinten Bildung wandeln, wodurch Meilensteine und Warnung-taseln jeder Abirrung de« Denken« umstchtig vorgedeugt ist, sollten wir b in einsam.» Pfadfinder in der Wüste, dem mutdigen Pionier, der durch Dornen und Gestrüpp sich und un» den Weg bahnte, von der Dunkelheit zum Lichte, den gebührenden Danke-tribut nicht vorenthalten. So sei e« mir denn gestatte«, von der Schuld der Gesammtheit einen winzigen vruchtheil, nach dürftigem Vermögen, zu tilgen, indem ich die Aufmerksamkeit Einiger auf einen der wenigen, treuen Arbeiter lenke, die, noch heule, in der Werkstatt« de« Gedanken» still und rastlos sich mühen, deren vielbewegtr» innere-, aber thatcnarme« Außeuleden gemeinhin der Beachtung entgeht. * » » Wohl selten hat e« einen Menschen gegeben, der so aut- «inanderliegende Eigenschaften und Geistessunctionen in sich verband und dessen harmonisch gestaltete», über alle» Gemeine hoch emporragende« Wesen eine solch durchgrei'end« Verschmelzung innerer Gegensätze ermöglicht hätte. Ein Heller Kops von ungewöhnlicher Verstandesschärfe und unerbittlich logischer Eonsequen« iin Denken, war er dabei von einer naiven Gläubigkeit und rührenden Zutraulichkeit, die an da« reine Kinde «gemüth gemahnten. Streng und starr im Festhalten einmal erkannter Grundprinzipien, unbeugsam und selbst gewaltlhätig einschreitend, wo die ewigen Wahrheiten, «vo Recht und Gewissen beeinträchtigt schienen, behielt er doch nur die Hertule«keule sittlicher Entrüstung so lange in Händen, als c» absolut geboten war und kehrte, so schnell er nur konnte, zu seinem anderen „Ich" zurück, da« nie anders als milde und versöhnlich, freundlich und weich sich darstellte. Der Mann, der in Folge diese«, in seiner Natur begründeten DualiSmu« von Wenigen verstände», von Vielen hingegen geliebt «var, namentlich von Kindern, a» die ihn eine gewisse Seelenverwandschast band, hieß Nathan Magnu», war in einem kleinen Stäbchen Galizien'« geboren und gehörte dem Stamme Israel» an. B>« zu seinein lü. Jahre hatte er unermüdtich au« der Quelle talmudischer Forschung geschöpft und durch seine haarspaltenden Disputationen unter «einen Glaubensgenossen weit und breit, den Ruf de« jugendlichen Genie« sich erworben. Aon allen Seiten regnete e« AnerkennungS-Diplome und Ehkendezeuguttgen; Viele drängten sich heran, ui» bei den glücklichen Eitern den Wunderknaben al« Eidam zu erbitten. Da« frühe Alter konnte, nach damaliger Anschauung, krin Hin« derniß adgeden. so wählten denn dieselben, die e« vielmehr hoch an der Zeit fanden, dem Sohne die Gefährtin an die Seite zu geben, unter den vielen Aspirantinnen, eine von unzweifelhaft blaublütiger Abstammung, und wenn da« Mädchen keinr««veg« ron Aphroditen und ihren Grazien geküßt, überdie« drei Jahre älter war. al« der zarte, schivächlich« Knabe, so galt die ansehnlich« Ahnenreih« al« genügend« Entschädigung für diese kleinen Mängel. — Am Hochzeitstage, der unter dem Andrange zahllo« herbeiftrömender Gäste, mit rauschendem Pomp« begangen wurde, sah der Bräutigam seiner Braut zum ersten Mal in'« Antlitz. Dt« beiderseitigen Eltern hatten, ohne ihre Kinder zu befragen, oder sie auch nur zu benachrichtigen, alle vorbereitenden Vereinbarungen getroffen u rd da« Verlübniß, der Zeitersparntß halber, per procuram gefeiert. — Da» sonderbar« Band für'« Leben war somit geschlungen. Da« verweichlichte Muttersöhnchen, welche« seiner Kränklichkeit wegen, bi« zum Hochzeitstage gepflegt und gehätschelt war, sah sich jetzt plötzlich, ganz unvorbereitet, den Anforderungen der eigenen Häu»lichkeit gegenübergestellt, einer Häutlichkeit. die unter solchen Au-picien gegründet, wenlg Au-sicht auf verständniß und Behagen erössnete. Die junge Frau hatte keine Ahnung von der eigenartigen Individualität de» Manne«, an den sie geknüpft war; fein reiche- Janenlebov war für sie ein mit sieben Siegeln verschlossene« Buch und in ihrer ahnungslosen, glücklichen Unwissenheit, konnte sie nicht einmal danach streben, die Kluft au-zusüllen, die ihr unsichtbar, sie von ihm trennte. Sie wußte nichtvon ihm al« daß er unbeholfen und linkisch allen praktischen Erfordernissen gegenüberstand, und da sie selbst tüchtig und rührig gewöhnt war überall, selbst bei der Geschäft-leitung mit anzngreisen, überdie«. schon vermöge de- Altersunterschiede», eine gereifter« Erfahruilg besaß, so säumte sie nicht, da- Steuer in ihrem kleinen Hau«wesen in die Hand und auch den Theil der TH2tigkrit aus sich zu nehmen, der sonst zur Berus-svhäre d-t Manne« gehört. Ohne Widerrede fügte er sich in die seltsame, von all^r Seiten al» nothwendig erachtete Hausordnung, froh, von einem ArbeitSfelde verdrängt zu sein, da« seinem geistigen Gesichtswinkel durchaus fern lag. Dagegen aber stürzte er sich mit wahrer Leidenschaft aus ein andere», ihm nicht ininder fremde« Gebiet, auk da» ihn Neigung, j, innere Nöthigung ua» abiveiSbar hinivie«. Aus einzelnen Bemerkungen, scheu und flüchtig nu«gestreueten und noch flüchtiger ausgelesencn Nedebrocken, hatte sich di« Ueberzeugung in ihm festgesetzt, daß hinter der chinesische» Mauer der conoentionellen, orthodox-jüdischen AnschanungSmris«. eine andere Welt vorhanden sei. wo in anderin Sprachen gedacht, gefühlt, geliebt und gehaßt wurde, — eine dunkle Ahnung sagte ihm, daß in dieser anderen Welt unermeßliche Schätzt von Kenntnissen und WeiSheit-lehrrn aufgrspeichert lägen und eine unbezwingiiche Lehrsucht trieb ihn an, den Zauberstab zu finden, vermittelst dessen er zur Hebung der verborgenen Schätze schreiten könnte. Der Zaubecstab «var für ihn zunächst das Erlernen der deutschen Buchstaben. Wie sollte er aber dieser nothivendiqen Handhabe, die er dem kleinste» Nornialschüler neivcte, sich bemächtigen, wenn die Lectüre deutscher für profan geltender Bücher, in dem Kreise, in dem er lebte, al« arge Sünde verpönt war k Gleich dem berüchtigsltn Khalisen, der zur Ehre Allah'« die Alexandrinische Bibliothek verbrannte, weil, wie er sagte, die Bücher, die dasselbe au«sagten, wa« im Koran enthalten, überflüssig und die etwa» andere« »»«sagten doch eo ip»u überflüssig seien, so verhielten sich die Fanatiker, in deren Umgebung der junge Magnu» auswuch», zu allem Wissen, da« au« einer anderen Quelle al« aus der allein beglaubigte» dc» Talnuch ihnen zufließen mochte. Um in da» Dunkel ihrer lichtscheuen Existenz keinen Strahl dringe», in die dumpfe Athmotphäre ihrer streng gehüteten Exclnsivität leinen krischen Luftzug von Außen Herkommen zu lassen, verstopfen sie ängstlich alle Kanäle, die ihnen die gefürchteten, profanen Wissenschaften, zusühren könnte», und bewachten mit ArguSaugen ihre Jugend, damit e« Keinem etwa gelüste, au« de» Pforten de« Allerheiligsten loSzubrechen. Mir Mühe und Noly, unter unsägliche« Aufwand von Scharfsinn und Findigkeit, gelang e« trotz alledem Einigen die Wachsamkeit ihrer geistigen Kerkermeister zu hintergehen und verstohlen von der verbotenen Fr icht der Erkenntnlß zu naschen. Zu diesen Wenigen gehörte Magnu». I Ein Buch mit deutschen Lettern war durch Zufall in seinen j Belitz gelangt und sofort stand der Entschluß in ihm fest, e« nicht eher au« Händen zu legen, bi« er di« ihm ganz unverj ständlich« Hieroglyphensprache entziffert haben würde. (Fortsetzung folgt.)

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