Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 23.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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- Liepāja 1× ep/1000744
- Oran 1× ep/1048048
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— 179 — dort in Hände gtiunnmen, erürtet werden wird. Herr Siebbiner vr. Frank an» Köln ist von de« Hauptcomtt» in Amsterdam eingrladen worden in der Generalversammlung über die rnff. jüd. Angelegenheiten einen Vortrag,u halten. >>hla»d. Jetzt müffm nicht allein unsere Hasser, sondern auch unser« mattherzigen Bertheidiger verstummen, welch« halb und hrlb di« Juden al» einen Krebtschaden de« Lande» pretägaben. Run aber geht e» lustig weiter. Di« Deutschen fühlen sich chrer Haut nicht mehr sicher und wer e» irgend tann, schsttteit den Staub de» heil Rußland« von seinen Füßen. General Drenteln, Gouverneur von Kiew, macht drakonisch« Vorschläge, um Juden und Polen den vesitz, die Pacht und di« Verwaltung von Gütern und Eolouieen in den ehemal» polnischen Provinzen zu entreißen — und der südruffisch« Bauer verlangt eine Reuaustheilung de» Lande», welch« Forderung sie durch Verwüstung der Herrensitze, Waldbränd« und Mißhandlung der Gutlbefitzer unterstützen. >us Rußland. Die nach Lage der Ding« unwahrscheinlich« Meldung von dem bevorstehenden Abgang Jgnatieff'» wird in der Wiener „Polit. Korresp." hochosfiziö» vementirt. Zum Schutz« der Juden würden präventiv« Maßregeln getroffen, wie Großfürst Michael dem Bankier Günzburg versichert habe. Au» Charkow wird gemeldet, daß in den streifen der dortigen Kaufleute tut« Petition kursirt, welche eine günstige Entscheidung der Judrnfrage verlangt. Algier. Da» Eentralconsistorium hat Herrn Jsaac Bloch, vberrabiner von Oran, zu derselben Stelle hier gewählt. Russische Flüchtlinge. lieber den Ozean! Hinau«! in eine ungewisse Zukunft! Hinau»! nach der neuen Welt! . . . Da» ist tm östlichen .'rachbarreich«, im Laude de» weisen Ezaren da» Losung»wort für ein« ganze Klasse friedlicher Bewohner geworden. Und ob auch Ströme von Thränen fließen bei dem Abschied von der heimischen Scholle, glücklich preisen sich doch Alle, dt« mit heiler Haut und unverletzter Ehre hinau» gelangen au» dem Land« de» finstern Fanati»mu», der schrankenlosen Willkür. Ein langer Zug solch armer Emigranten pafftrte heut« in früher Morgenstunde die deutsche Reich«hauplstadt. Schon seit Wochen passiren hier den Hamburger Bahnhof Trupp« von russischen jüdischen Flüchtlingen, zu dreißig bi» hundert Personen fahre» sie von hier au« aus eigene stosten 4. Klasse nach Hamburg. Der heutige Tran»port war der erste Extrazug, den da« interitalionale Hils»komi»6 direkt von Vrodp au» hierher gehe» ließ. Gegen 6 Uhr Morgen« fuhr der Extrazug, au« 12 Personenwagen 3. Klasse und zwei Gepäckwagen bestehend, langsam in den Hamburger Bahnhof rin. 870 Erwachsen« mit 154 Kindern — darunter 68 Säugling« — rntstiegen ihn». Ein bunte», lebendige» Bild bot dies« Emigrantenschaar, welche über den Perron «ach den Wartesälen fluthete, wo da» hiesig« Hlls«komtt6 ihnen an langen improvisirten Tischen da» Frühstück, bestehend in schwarzem Kaffe« uub Schrippen, Ix« reitgestellt hatte. Welch« Fülle von Gestalten, von tnteressauten Typen? Männer in modischer Tracht, mit dem rlegaulen Aeußern de« Kleinstädter«, elend« Gestalten in zersetzt« Klriderreftr gehüllt, welche nothdürftig der um di« Taille geknotet« Strick zusammrnhtelt, Greise tm Kaftan, Jüngling« tm Svmmer-Ueberzteh«, nach ehemal« modernem Schnitt, herkulisch« Gestaltti» in hohen Stieseln und Letnwandkitteln, gebeugte, ängstlich blickend« schwächliche Männer in abgeschabt« Pelz« gehüllt,, jugendfrische blühend« Mädch«ngrstalt«n mit tiesdunklem Haar und feurigen schwarzen Augen, di« fdtfcw mit dem zarten weißen Teint konlrastirten, Greisinnen mit durchfurchten, gramvolle» Zügen, kräftige robuste Frauen mit blühenden Sangen, da» glattgescheitelt« blond« und braune Haar unter den über di« Köpfe gezogenen Tüchern halb »erborgen, Frauen in KatunLeidern, in Pelzen, in verschoffenen Prinzeßroben, tu bunten und weißen Jacken. Dazwischen die Kinder. halbwüchsige Knaben und Mädchen, schwankende kleine Menschenkinder, di« über ihre eignen kleinen müden Betuchen . stolperten, keck um sich schauend« angehend« Weltbürger, in ungeheuren Waflerstiesela und Kaftan«, schreiende Säuglinge, die kaum zur Welt gekommen waren, um sofort heimathlo» und flüchtig mit den Eltern hinauigestoßen zu werden au» dem Vaterland. Unter den Emigranten war da» hohe Lebentalter nur t urch eine gering« Anzahl von Personen vertteten, bei den Männern war zumeist da» Alter von SV bi» 40 Jahren vorherrschend, die Frauen befanden sich zumeist in dem Alter von IS bi» 28 Jahren. Di« meisten der Flilchtlinge entstammen dem Südwesten Rußland», Odeffa, Kiew und Kienew hatten starke Kontingente gestellt, e« waren außerdem hauptsächlich vertreten Zytomir, Mohilew, Elisabethgrad, Ostrog-Kaminitz» P»dol«k, Libau. Die arbeitenden Klassen und da» Hand««lk waren vorwiegend vertreten: Tagelöhner, Ackerbauer, Eigarrenarbriter, Erdarbeiter, Schuhmacher, Meffinggießer, Klempner, Schneider, Eigarettenmacher. Tischler. Sattler, Stellmacher, Schmiede, Schlosser, Siähteriunen, Blumennacherinnen, Schneiderinnen. Ein Musikant, ein Student, zwei Pharmazeuten und einige Gut«pächter bildeten gewiffermaßen die Nobleffe dieser blutarmen Schaar, deren ganze» Hab und Gut da» Bündel und die zahlreiche Familie (bi» zu 12 Köpfen stark) bildete. Di« offizielle Liste, welche in den jstinden der Eouiitä- Mitglieder sich befand, die von Brodp aud den Zug begleiteten, gab auch über die Vermögenslage der Emigranten Aufschluß. In einer Rubrik hinter den Ramen stand hier und da — in Summa sehr selten — bemerkt: „hat noch 36 Rubel", „besitzt 60 Rubel", „hat Werthsachen für ungefähr 60 Gulden." (Fortsetzung folgt.) Ein klugerussische- Kindt Ein Berliner Bankier, deffen Gattin au» Lemberg gebürtigt, ist von einem Besuch au» der galizilchen Hauptstadt zurückgekehrt und erzählt von den grauenvollen und erschütternden Eindrücken, welche die Leiden der ruffischen Flüchtlinge auf ihn geübt haben. Unter anderen rührenden Zügen, von denen er berichtet, möge die Geschichte »ine« sechsjährigen Kinde« hier Platz finden. Der kleine Knabe war mit seiner Mutter, welch« die jüngeren Geschwister tragen mußte, im buchstäblichen Sinne de» Worte« nackt nach Lemberg gekommen. Wie Tausend« der Fiüchtltnge, hat auch diese Familie sich lagelang von ein paar Biffe» Brod, di« gutmüthige Bauern ihnen verabfolgt hatten, ernähien müffe», und die schwiegerelterliche Faulitte de» Berliner Herr», der jene Mittheilungen macht, hatte die Unglücklichen ausgenommen; da der kleine sechsjährige Knabe mit seinen blitzenden Augen nicht nur ein bildhübsche», sondern auch ein überau» klage» Kind ist, beschloß dir Familie, den Kleinen an Kindesstatt anzunehmen. Die Mutter war hoch erfreut, um so mehr, al« sie noch Geld für ihre Weiterreise und ihr« Ansieielung in Amerika bekomnien sollte und überdte« ihren Knabe t trefflich versorgt wußte. Aber al« die Stund« de» Abschiede kam, erklärt« sie, ihr bräche da« Herz, wenn sie sich von >>em Kind« trennen sollte, und trotzdem st« «iuseh«, «» wäre deffen tz«U, könne sie nicht sortgehen ohne den Kleinen. Der Knabe erfuhr von diesem Seelenkampf der Mutter nlcht», aber die Lemberger Familie einigte sich mit der Frau darüber, da» Kind selbst befragen zu wollen. Man stellte dem Sech»jähri«gen dt« Mühen de« Wetterwandern« und die Vorzüge «ine» dauernden Aufenthalt» in Lemberg in dem wohlhabenden Haus« vor, — er aber erwiedert ein seinem russisch jüdisch, n Jargon: „Per lieber Gott hat mich einer armen Mamme gegeben, warum soll ich zu reichen Eltern gehen?" Di« Mutter schloß «einend da» K»nd an ihr Herz und gegenwärtig befindet sich di« Fasnilte, reich beschänkt von ihren Lemderger Wohlthätern, auf der Reis« nach Amerika.