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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 21. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 21.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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8m. Dem polnischen Dichter Ldam Mickiewiq ist ans' Betreibe« de» Herrn Samuel Alatri vor S Jahren durch ten Municipalrath eine Gedenktafel an dem 1848 von ihm bewohnten Hanf« errichtet worden. M. hatte damal» eine pol. nisch« Legion in Italien gebildet und bewies viele Spmpatie« für die Juden. Jetzt hat der Rabbiner MofeS AScarelle .da« Buch der polnischen Ration und der polnischen Pilger" eine» der berühmtesten Wecke Mickiewicz'» — in» Hebräische übersetzt, und den Reinertrag für da» M. Denkmal in Arakau bestimmt. R>». E» ist ein alter Gebrauch, daß am Sonnabend vor Ostern bei der Einsegnung de- Weihwasser» in der Latcrankirche ein Jude und eine Jüdin die Taufe empfangen, bei denen dann stet» Mitglieder der römischen Aristokratie Pathea stehen. In diesem Jahre hatte kich zum Uebertritt in da» Ehristenthum rin armer jüdischer Kaufmann mit seiner Gattin und drei Kindern gemeldet und e» wurde d e Handlung dietmol besonder» feierlich vollzogen. Die Taufe nahm Kardinal Ehigi vor. der in einer Ansprache besonder» daraus hin» wie», daß die Reubekehrten au» reiner Liebe zur Lehre Ehristi noch an ihrem Osterfeste ihren Glauben abgeschworen hätten, um so ol» Christen an der Auserstehung-feier theilnehmen zu können. Die Täufling« wurden dann in ihren weißen Gewändern in den päpstlichen Palast geb acht, wo ihnen ein Aardiual im Aufträge de» Papste» einige Schmucksachen und dann auch einen großen Geldbetrag überreichte. Im Lauf« dieser Woche werden diese Reugelausten zum Fußkusse bei dem Papste vorgelassen werden. T»»i», 9. April. Die Griechen haben die längst vergessene Unsitte, eine al» Jüdin gekleidete Pupp« an» Ostersonntage durch die Straßen zu schleifen und am Kirchhofe zu verbrennen, wieder her vorgesucht. Da» französische Regime hat diese beleidigende Demonstration geduldet. (Arch. i»r.) Waist zu thun? Et» veitrag z»r Löl»»g der ruff. Jndellsrage. Non «inein ruflilchen Nus«»nd»r«r. Rehme man z. B. die Periode dt« römischen Kaistl» reiche». Die Römer kümmerten sich damal» um die Religion ihrer Nachbaren »och weit weniger al» die aufgeklärtesten Nationen der Neuzeit. Denn wenn bet letztern der Haß gegen einen Fremden seiner Relig iön wegen jetzt schwächer wurde, so war bei erster» dieser Haß gar nicht vorhanden. Die Römer selbst setzten in ihr Pantheon auch andere fremde Götter gerne hinein. Hier sind also Bedingungen, welche damal« eine Verschmelzung wenn nicht mehr, so wenigsten» doch eben so wie jetzt möglich machten. Und in der Thal, nie verschmolzen sich so gern Besiegte mit Besiegern, nie löste sich eine Minderheit ln eine Mehrheit so leicht auf, wie zu den Zeiten de» römischen Kaiserreiche». Aber noch eine wichtige Bedingung war damal» vorhanden, deren Anwesenheit eine Verschmelzung der Juden mit den Ansässigen sehr leicht machte und deren Abwesenheit eine Perschmelzung jetzt unmöglich macht. Zwischen der Religion der Römer und oer der Nutzen war keine solche steinerne Wand Vorhand en wie zwischen der jüdischen und christlichen Religion. Biele Juden wurden damal» Heiden au» deniselben Grunde, au» welchem sie jetzt Christen sein würden und viele Römer wurden damalau» demselben Grunde Juden, au» welchem sie Christen wurden. Da eben hatten die Asiimilatoren Grund zu sagen: »Rach zwei bi« drei Jahrhunderten verschwindet da» jüdische Volk; denn auch der Sprache seiner Nation ist leicht zu entsagen» weil die» unvermerkt geschieht. Der Mensch spricht »»erst seine Muttersprache, nachher erlernt er die fremde und spricht beide Sprachen, hernach fängt er allmählich an die fremde Sprache öfter al« seine Muttersprache zu sprechen, di» er endlich seine Muttersprache ganz vergißt. Die nachkommenden Anhänger der jüdische« Religion werden also durchau» nicht im Stande fein, sagen zu können, ob sie von den ursprünglichen Hebräern oder von den in'» Judenthum übergegangenen Römern abstammen, eben sr wie di« nachkommenden Römer nicht im Stand« sein würden, idr« Abkunft von den ursprünglichen Römern und nicht von den in'« Heidenthum übergegangenen Hebräern zu bewrisen. Und so würde nach zwei bi» drei Jahrhunderien da» h.-bräische Volk sich verloren haben und statt besten bliebe blo» die jüdisch« Religion. Jetzt aber sind diese Bedingungen nicht mehr da. Zwischen den« jetzigen Christenthum und Judenthum steht eine steinerne Wand, nicht vom Fanatismus der Völker, sondern von der allgemeinen ReligionSgleichgültigkeit aufgerichtet. Jetzt nimmt man eine fremde Rel.gion nicht au» Ueberzeugung, sondern blo» au» LebenSvortheil an. E» gehen viele Juden zum Christenthum über, weil e» vortheilhaft ist. Cbm so gehen viele Christen zum JSlam über, weil e» Nutzen dringt. Zum Judenthum aber wird jetzt wenig übergegangen, weil e» gar keinen Bottheil bringt. Biele Juden gehen zum Christenthum über, aber die Zahl der Juden wird darum nicht weniger und diejenigen, welche de» Bortheils wegen von der Religion ihre» Bolle» sich öffentlich nicht tossagen wollen werden immer gedenken, daß ihre Eltern nicht von jener, sondern von dieser Seite herkamen. Und überall, sei e» in Frankreich, England oder in Amerika, gedenken die Jud.n sehr wohl ihrer Abkunft ungeachtet deffen, daß seit ihrer Cmancipation in jenen Ländern nicht blo» ein Geschlecht vergangen ist. Und sie werden ihrer Geschichte noch gedenken, auch wenn die Cmancipation bi» an die entfern» sten Sümpfe Sibirien» vorgrdrungen sein wird. III. Nicht die beispiellose Hartnäckigkeit de» jüdischen Bolle» hat also seine abnormale Lage und seine zwanzig Jahrhundert hindurch dauernden Leiden herrvorgeruten. Wo ist also die Ursache diewr Leide»? Die Berfechter der Idee einer Rückkehr nach Palästina würden sagen: „Wir sind au» unserem Baterlande vertrieben, jede» Bolk würde aus fremdem Boden nicht minder al» dl« Juden leiden; kehren wir nun nach Palästina zurück, dann sind wir geretttt " So sprechen Leute die ihre,» Bolle wirklich hingegeben sind Sie nehme» nicht zu Sophismen ihre Zuflucht. Eie ireifen direct ans jene Erscheinung hin, welche die Leiden unsere« Bolle» hervorrief und sagen: „Wir wollen die Juden in denjenigen Zunand zurückversetzen, in dem sie sich vor dieser verhängnißvollen Erscheinung befanden!" Diese Erscheinung aber ist eine verwickelte. Sie.enthält in sich einige zufällige, unwesentliche Faktoren, die für unser Bolk nicht blo» unschädlich, sondern ihm sogar nützlich sind. Di« Leiden der Ju:>en beginnen von dem Momente an. da sie den Tempel, die patriarchalischen Sitten, die Sprache, den Staat, da« Land ihrer Ahnen und »och viele» Andere verloren haben." Ist e» aber unumgänglich »othwendig, ihnen Alle» zurückzugeben, um ihren Leiden ein Ziel zu setzen? Da», glaube ich, werden auch die eifrigsten Palästinenser nicht sa« gen In der verwickelten, verhängnißvollen Erscheinung, die unsere Leide» bedingt, hebt sich besonderrein wesentlicher Factor hervor, den zu entfernen wir un» bemühen müssen. E« gab Leute, die um die Herstellung de» Tempel«, um die Wiederauflebung der hebräischen Sprache und um liele» Andere sich alle mögliche Mühe geben. Diese Fragen aber sind jetzt noch vorzeitig und wir werden auf sie einstn>eilen nur da« antworten, daß nicht der Verlust der Sprache und de» Tempel» unsere Leiden hervorgerusen haben. Nicht ein einzige» Bolk spricht jetzt dir Sprache, di« e» vor zwei und einem Halden Jahrtausend sprach und doch leidet kein «inztgr» Bolk deßwegen. Gehen wir jedoch direct zur Frage über Palästina über, die mit unserer Cardtnalfrage in enger Verbindung steht. Der Verlust Palästina'» steht in so enger Verbindung mit dem Anfänge unsere» Wanderleben», daß e« eine ganze Menge von Leuten giebt, welche glauben, daß dieser Lerlust die Hruptursach« unserer Krankheit ist, diese schlagen daher di« Rückkehr nach Palästina al» da« einzige und radikalste Heilmittel vor. (Fortsetzung folgt.)

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