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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 21. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 21.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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der Ritter v. Schönerer, besten politische« Auftreten »ir bisher mit Interest« gefolgt sind. Wie ist e» möglich, daß ei« Mann, der in politischer und religiöser Hivsicht sich zu den freisinnigsten Anschauungen bekennt, ein Vorkämpfer des Racenhaffes wird., Wie ist es zu «rkiärep. daß ein Liberaler das erste liberale Hrinzjp, daß kein Menzch für seine Geburt verantwortlich gemacht werden könne unv daß sich der Werth de« Menschen nur nach seinen Verdiensten bestimmt, in so. schroffer Weis« verleugnet? Wer findet des Räthsels Lösung? Oesterreichisch« Blätter können sich das Auftreten des Herrn v. Schönerer nur durch Zweifel an der normalen Geistesverfassung des radikalen Liberalen erklären. Und dies scheint uns in der That noch die plausibelste Lösung de« Problem« zu sein. Herr v. Schönerer ist seinen Berliner Genosten noch über. Während di« Berliner ant,semitischen Organe angesichts der schrecklichen Berfolgunge« in Rußland ihre brutalen Ausfälle eingestellt haben, hat der Wiener Ritter den Muth — sagen wir den traurigen Muth - im österreichischen Abgeordnetenhaus« »ine Petition, die sich gegen die Einwanderung der rufftschen Juden in Wien wendet, ntederzuiegen. Er plaidirt dafür, daß sie dem Sidungsprotokolle einoerleibt werbe mit der Motivirung, daß sie die Stimmung der christliche« Bevölkerung zum Ausdruck bringe. Und als sich lauter Widerspruch aus allen Seit.« de« Hauses bei dieser Aeußerung erhebt, corrigirt er sich dahin, daß sie di« Stimmung der noch nicht verjudeten christlichen Bevölkerung wiederspiegle. Daraus schallendes Geiächter im Hause, die einzig richtig« Antwort auf diese Antismiten-Farce und Ablehnung seine« Antrags mit allen gegen 20 Stimmen. Am nächste» Tage wieder daffelb« Schauspiel! Herr v Schönerer, der mit der einen schmählichen Riederlage, die er erlitten, sich nicht begnügen kann, überreicht wieder einige Petitionen von Wiener Bürgern, die 20 — sage 20 resp. 120 — Unterschrisie« tragen und wiederholt seinen Antrag. Und wieder erlebt er «in« schmähliche Riederlag,'. Was bezweckte eigentlich der kühne Ritter mit dem Schauspiel, das er zum Ergötzen seiner kleinen Gemeinde und zum Entsetzen aller sittlich denkenden und fühlenden Menschen aäfführte an einer Stätte, an der über die heiligsten Interessen de« Volke« entschieden wird? Wollte er der von den Lib, raten de« österreichischen Paria ment« in Au«sicht gestellten Interpellation bezüglich der Schritte, di« die österreichisch« Regierung gegen die russischen Judenverfolgungen zu »hun gedenkt, rin Paroli bringen? Wer kann di« Triebfedern des neuen, am antisemitischen Himmel aufgegangenen Sterne« ergründen? Doch e« ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in.den Himmel wachsen. Die Staatianwattschaft hat schon einmal — wenn wir un« recht erinnern — eine antisemitische Flugschrift de« Herrn v. Schönerer consiScirt und die österreichisch« Regierung ist entschloffen, di« antisemitische Bewegung im Keime zu ersticken. Wie undankbar ist doch dieser neue Her»». Herr v. Schönerer spielt sich gern al» Germane von reinstem Aaster auf. Run wir fragen ihn, wer ist denn in Oesterreich der treueste Vorkämpfer für deutsche Sitte und deutsche Wiffenschast? Wer vertritt denn da« Deutschthum in Böhmen? Di« Juden find es, die ihre deutsche Gesinnung unter schweren materiellen Opfern bethätigen. Und daß diese deutsch« Gesinnung den österreichischen Juden in Fleisch und Blut übergegangen ist, davon zeugt der Umstand, daß sie einen Dichter herbrachten, der in einem au» dem Herzen kommenden und zu Herren gehenden BoUsliede die Vorzüge und Ausgaben des deutschen Stamme» in Oesterreich schildert. Aber ei» echter Antisemit kennt die Tugend der Dankbarkeit nicht. Wie Herr l?r. Förster in Berlin seinen Dank dafür, daß «ine jüdische Famllie chm einst die Mittel zu einer Reis« nach Italien zur Stärkung seiner angegriffenen Gesundheit schenkte, dadurch bethätigte, daß er di« bekannt« Petition in Scene setzt«, so vergilt auch der angebliche Vorkämpfer des Deutschthum« in Oesterreich den Jude« ihr« treu« Bundesgenaflenschaft in dem Kampfe für deutsche Sultur mit einer ordinären Hetz«. Wie bescheiden sind doch dt« Herren Anttsemtten! Wie tadeln fi« di« an^ebllH« Frechheit der Juden, die, wenn fi« vorhanden wäre, sich wenigsten» psychologisch al» da« Extrem begreifen ließe, in welche« die erzwungene Nachgiebigkeit einer Jahrtausende lang Unterdrückten Rar« umscblägt, wenn die ^drückenden Fesseln gestist «erden. Sehsn die Herren aber nicht mit dem valM in ihr« Ajtzen den Splitter in anderer Augen? Karl HillchsteiNd, der gefftreiche Literaturhistoriker, hat e» wenigsten» gesagt und «ir haben keinen Grund, an der Richttgkeit feines Au«spruch« zu zweifeln. Wir glauben auch, daß er nicht blo« die preußischen Antisemiten, auf die es ursprünglich gemünzt war. begreift, sondern daß er auch da« treffendst« Verdikt über die österreichischen Antisemiten fällt. Ii—t. Berichte und Correspoudeaze«. Deutsch»««*. vresls», 1». Mai. (Or. Sorr.) Er ist schon ziemlich lange her, daß die Leser der ,J«r. Wochenschrift" einen der übliche., autführlicheren Bericht« von hier nicht gelesen haben. Schuld daran ist weniger die Sauviseiigkeit Ihre« Correspondenten, al» die Thatsnche, daß im Allgemeinen in den hiesigen Berhältniffrn seit der letzten Corresponvenz eine nennen-werth« Aenderung nicht eingetreten ist. Die Signatur der allerjüngsten Zeit ist rege Thätigke t für di« russischjüdischen Au»wanderer, für welche allenthalben lebhaft« Sympathie herrscht und zu deren Gunsten so ziemlich alle» aus den Beinen ist. wa» ein,» jüdischen Runen trägt. E» bedarf allerding» nicht gerade de« sprüchwörtlichen „jüdischen" Herzen«, um von tiefem, unsäglichem Mitgefühl ergriffen zu werden beim Anblick de« namenlosen Elend», in dem die Unglücklichen sich befinden, die seit Jahresfrist etwa dreimal wöchentlich in Schaaren von 200—300 Personen hier in einem von der Direktion der Oberschlesischen Eisenbahn eigen« zu diesem Zweck «ingeräumten Schuppen kurze Rast aus ihrer Fahrt nach dem Exil inachen Eine Anz rhl opferwilliger Frauen, untrrstützt von einigen Männern, sorgt für die Verpflegung der Rastende» und für ihr« Bekleidung mit dem Rothdiirftigsten, so weit der Borrath an alten, ihnen von Seile» de« Publikum« zur Verfügung gestellten Kleider« und Wäsche reicht. Und alle« wird mit begeistertem Dank angenommen, der mitunter in lebhafter bester gemeinter al» gesprochener Red« sich Luft macht. Bi« vor wenigen Tagen war e» all,in da» genannte Eomitä, welch » in der hochherzigsten Weis« sich der Aufgabe widmete, in der geschilderten W.ife Gastfreundschaft zu üben. Die dazu nöthigen Gelder wurde» durch Sanimlungen unter der Hand aufgebracht. Da» hat sich jedoch seit ca. 8 Tagen geändert. Eine vom Geh. Eommercienralh Friedenthal und Geh. San.-Rath Grätzer einderufene, zahlreich besucht« Versammlung, in welcher Rabbiner Or. Jotii durch keine ge» wohnte glänzend« Beredsamkeit die Hörer begeisterte, beschloß, durch Ausnahme größerer Sammlungen da» Unterstützung«werk zu fördern und zu regeln. Sine stattliche Anzahl jüdischer Männer au« allen Kreisen und Ständen, hat sich nicht blo» zu Zahlungen, sondern wa» noch mehr sagen will, zu Sammlungen in den Häusern erboten. Obgleich mit letzteren noch nicht begonnen worden ist, haben gestern die Zeichnungen bereit» die Höhe von 50,000 Mark erreicht. Man darf mit Fug die doppelte Ziffer ai» Endergebniß erwarten. Auch dir Ehristen fangen an, sich an dem Unlerstützung»werk zu betheiligen. Letzten Sonntag hat unter dem Vorsitz de» Oberbürgermeister» eine Versammlung angesehener Männer christlichen Glauben» zu demselben Behuf stattgefunden. Da» Resultat der Versammlung ist eia öffentlicher Ausruf an die bewährte Mildthätigkeit der Breslauer, ohne Unterschied de« Glauben«. Unterzeichnet find außer hervorragenden christlichen Bürgern auch einige auf Beschluß der Rathhau« Versammlung cooptirte Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Jndesten fällt es auf, daß unter de« Aufruf die Namen der bekanntesten chiistltchea Finanzcupaci« täten — auch mancher Liberalen — durch Abwesenheit glänzen. Der Erfolg bleibt abzuwartea. Ihr Eorrespoadent

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