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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 10. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 10.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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— 79 — Feuilleton. Verlöre« und gefmnde«. Line Lr-Ühiunau» der Zeit de« Sttjätzrt-e» Kriege». 0. Ach KaSpar, Ka-par vom Loch! Wer dürste Dich, den hochthronenden Seher, einen Trunkenbold schelten, wenn heute am 37. Juli de« Jahre« 1626 Deine Rase in bläulicherem Roch erglänzte alr je? Wer hätte behaupten dürfen, daß ein einziger der vom ehrbaren Stadttrompeter am heutigen Tage getrunkenen Schoppen zu viel war? Wa« nennest Du niedriger Erdenbewohner „zu viel" für eine«, dessen Wohnsitz Dich um Thurme-länge überragt? Unterlassen wir jede Spekulation über transcendental« Dinge und berichten wir in historischer Treue: Kaspar vom Loch, der am 26. Juli 1626 nicht betrunken war. hatte am 27. desselben Monat» und desselben Jahre« gerade genug, um diese« Zustande« verdächtig zu sein. Bom frühen Morgen an hatte er auf seinem hohen Posten gestanden und jede« auf dem Wege nach Rokittken au-ziehende Regiment der Schwe. den mit einem kühlen Schoppen begrüßt. Zwölf Regimenter waren vorbetgezogen und hätte der gerecht« Ka-par gegen die blauen Dragoner ungerechter sein sollen, wie gegen die gelten? konnte er de» schmücken Rormännern weniger Ehre anthun al» den gewichtigen Küraffiren? E« ist leicht vom niederen Standpunkte de« gemeinen Leben« au«. Jemandem zn verurtheilen, aber KaSpar« 1haten erheben sich über diesen Masstab, denn er stand so hoch wie Niemand in D. — auf dem Wartthurm de« Burglhore« — nec »oli cedii! Am vorhergehenden Tage war der rothhaartge Gerth in da» Lager der Polen vor Mewe gekommen und hatte dringend eine Unterredung mit dem Kronseldherrn gesordert. Koniecpolski war noch voll heftigen Grimme« üb-r den Unfall bei Falkenau und er dürstete danach, den Schweden in offener ^idschlacht gegenübe^zustehen; vielleicht auch mochte ihm die Hoffnung schmeichlerisch zuflüftern. er würde bei seinen Feinden Die al« Ulan verkleidete Jüdin wiederfinden. Rach alledem läßt e« sich ermeffen. mit welcher Freude er die von dem Wiesenbürger Gerth überbrachten, und durch da« dem jüdischen Wanderer geraubte Schreiben de« Pfarrer« an Gustav Adolf bestätigten Rachrichten aufnahm. Natürlich ließ r« Gerth an Schmähungen und Berläumdungen gegen seinen Seelsorger und Wohlthäter nicht fehlen und hell auf jubelte er im Borgenuß seiner teustischen Rache, al« der Befehl zum sofortigen Marsche aus D. gegeben wurde. Acht Kosaken-, zwei Heiducken-, neun Husarenabtheilungcn und ein Ulanenregiment waren in kürzester Zeit au» dem Wege, ihnen folgte der Kronfeldherr mit einer Sotnie Leibkosaken. von denen jeder den besonderen Austrag erhielt, aus jenen Ulanen zu fahnden, der krieg-gefangen bei Falkenau in die Hände der Schwede» gerathen war. Eine hohe Belohnung >oar aus seine Wiedereinbringung gesetzt, welche ein Jeder dieser halbasiatischen Steppensöhne zu gewinnen trachtete. Schon bei Rokittken brachten schwärmende Reiter die betrübende Nachricht, daß Gustav Adolf soeben in D. eiirgezogen sei und kaum hatte Kon»ecpol«ki bi« zum Anbruch de« folgenden Morgen« den Rest seiner Armee an sich gezogen, al« auch schon die Borhut der schwedischen Regimenter sichtbar wurde und mit polnischenPlänkler» in'« Handgemenge gerieth. Wiederum waren Gerth« Entwürfe zu Schande» geworden und neue, immer verzweifeltere Pläne durchjagten sein | rasende« Gehirn, leine schwarze Seele. „Ich werde die gleiß- »ertsche Psaffenbrut vernichten, wie ich jenen schwarzäugigen ' Rüben vernichtet habe, grinst« er im Selbstgespräch, und sollte ich selbst darüber zu Grund« gehen." Ahatz oo« Dobna, dessen Verhandlungen mit dem Schwedenkönia zu einem so günstigen Abschluß gelangt waren, hotte beschlossen, nicht ohne seine geliebte Gertrud abzure»sen. Seif ncn Reitkrkdcht Kurt hatte er mit Briefen in die Heimath vorautzgesendei, um einen würdigen Empfang der jungen Hausfrau auf seinem Erbschloß zu Havelberg vorbereiten zu lassen. Dann nur er im Gefolge der Schweden mit hinautgeritten, um im Verein mit dem Gesandten der niederländischen Staaten jede Gelegenheit zu benutzen, Frieden-derhandlungen zwischen Schweden und Polen anzubahnen. Erst" nach vierjährigem Kampfe sollte sich da« Angestrebte erfüllen und erst am 26. September 1629 kam auf dem Felde zu Aktmark bei Stuhmdors ein sechsjähriger Wafferstillstand zum Abschluß, welcher D. im Besitz der Schweden ließ. Heute aber sollten alle Bemühungen noch nutzlo« sein und in den ersten Nachmittag-stunden erblickte Kaspar auf dem Thurme — ein gesunder Miltag«schlas hatte „da« Auge | D.'«" geschärft und gekräktigt — den Zusammenstoß beider | Heeressäulen: in den Wohnhäusern aber vernahm man mit ängstlichem Beben da« dumpie Grollen der metallenen and ledernen Kanonen. Bom Au-gang de« Kample« hing euch da» Schicksal der guten Stadt und ihrer Bewohner ab rnd auch die polnischgesinnten fürchteten, daß der Kronfeldherr die schnelle lieber gäbe an Gustav Adolf nicht vergeben und das« er sie dafür an ihrem Eigenthum bestrafen würde. E« war aber etwa uin die vierte Stunde diese« denkwürdigen Tage«, al« Gerth keuchend und staubbedeckt von den Wiesen her der Stadl zustürzte, an Gottfried Blumer, dem allezeit verblüfften Thorwart vorbei lies und so laut seine heisere Stimme e« vermochte Jedem, der e« hören wallte zurirs: „Sieg! Sieg! Die Polen haben gesiegt, da» Schwedenheer ist vernichtet, rette sich wer kann — oder der Pastor niag Euch schützen." setzte er höhnisch grinsend hinzu. Wie Ka-par» Trompete am ersten Tage unserer Erzählung, also wirkte die schnell wie ein Flugseuer sich ve.treitende Nachricht aus die angstgesolterte Bürgerschaft. Die Männer stürzten aus die Straße, um sich in Eile zu berathen die Polnischgesinnten nahmen eine drohende Miene an und die Mitglieder de« Rath« trafen ernstliche Borbereitungen, dem drohenden Strafgerichte KoniecpolSki'« durch die Flucht zu entgehen. Wie ein Donnerschlag aber au« heiteren Lüften trafen Nachricht, Lärm und Aufregung in ven Gaffen die ruhigen, heiter befriedigten Bewohner de« Pfarrhauses. Rüben war nach einem stärkend"» Schlafe am Geiste und am Körper wunderbar gek.äftigt, erwacht. Mit den Gebetriemen argethan, suchte er di« heiterstrahlende Sonne im Osten aus und immer heißer und inbrünstiger entströmten seinen Lippen die Worte de« Morgengebete-. Dann hatte er sich zu seinen freundlichen WirthSleuten begeben und ihnen seine Absicht kund gethan, in- Gefolge Dohna'« sich nach Deutschland zu begeben, un» von dort au« da« gastfreie Holland zu erreichen. Er habe zur Erfüllung seine» verhängnißvollen Schwure« Ucbermenschliche» ertragen, im klebrigen aber hoffe er aul die all verzeihende Lieb« und Gnade seine« Gotte«. Bi« zur Abreise Dohna'« wollte er sich nach Danzig begeben, um auch dort noch, wo ihin Glaubenrgenoffen und Landsleute verborgen leben, den Spuren Sara'« nachzuforlchen Ehrn Opitiu« und seine Tochter hatten diesem Plane beigestimmt, nur hatten sie darauf gedrungen, daß er bi« zur Rückkehr Dohna'» vom Schlachtfeld« bei ihnen verbleibe. Da« MittigSn ahl, au« Brod und Eiern bestehend, harte ihm Gertrud auf sein Stübchen gebracht und im Äotte«worte lesend, traf ihn der furchtbare Lärm, den die Botschaft Gerth« erregte. Opitiu» erblaßte, weniger in Angst um seine Person, al« au« tiefem, zärtlichen Mitleid mit seiner Tochter, du in tvdtlichem Schrecken laut auswernend zu Boden gesunken var. In diesem Augenblick wurde die Thür ausgeriffen und dagrinsende Antlitz de« rothhaarigen Better« sichtbar. (Fortsetzung folgt.)

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