Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 8.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Die schmachvolle Agitation hat so Manchen aufgerüttelt. Die Aufgaben wachsen für eine Centralstelle, wie sie der Gemeiiidebund darstellt, mit rapider Schnelligkeit, die vetheiligung an der Arbeit liegt noch immer in den Händen weniger Opsermuthiger. Sticht 200 Gemeinden müsien sich verbinden, e« können und sollen 400 sein, nicht einige Wenige sollen Hand anlegrii, alle Richtungen müsien Mitarbeiten — nur Einigkeit macht stark. Mängel sind leicht zu verbeffern, wenn nur Vorschläge gemacht werden und die Geister sich rühren. In einem Ausrufe de» Gemeindebundes heißt e»: Der Gemeindebund hat die Einheit und Einmüthigkeit derReligionsgenosien zur Losung; sein Streben schließt keinen Glaubent genossen au», wie es keinen Andersgläubigen verletzt. Er will die Leistungsfähigkeit der einzelnen Gemeinden erhckben. ihren religiösen Gemeinsinn steigern, und erblickt in dem Frieden der Confesiionen, in der der Gleichberechtigung entsprechenden vollen Hingabe an das Vaterland, die Gemeinde und die Gefammtheit der Mitbürger die wesentlichste Grundlage für «ine gedeihliche Thätigkeit. Diese seine Ausgabe hat der Bund bisher mit voller Kraft erfüllt, alle Spaltungen wurden vermieden und so ist die Einigkeit nie getrübt worden. Was der Gemeindebund iür die Pflege und Förderung des Verwaltung«-. Bildung«- und Unterstützungswesen« der jüdischen Gemeinden nach innen und für die Repräsentation nach außen geleistet hat, wird unvergesien bleibe,«. Die national-patriotische Tendenz in Verbindung mit der Förderung unseres religiösen Gemeindeleben« tritt uns entgegen in der Thätigkeit des Bundes innerhalb der jüdischen GemeindeverfasiungSfrage, in der Arbeit für die Stellung unserer Gemeindebeamlen. Die deutsche Einheit ist da» Panier d<« D e u t s ch-J-raelit. Gemeindebundes. Da« .Bayrische Vaterland" hat niemals aufgehürt 3 Dinge fanatisch zu begeisern: DaS deutsche Reich, die Humanität und die Juden. Man vergleiche nun einmal dagegen die Adresie de» Gemeindebundes an S«. Majestät den deutschen Kaiser am 21. Juli 1878 und den Aufruf zur Feier der goldenen Hochzeit de« Kaiserpaares vom 13. Mai 187». Die Verlegung des Bundessitzes nach der Reich-Hauptstadt wird die bisherigen Tendenzen kräftigen, die moralischen Einwirkungen auf unsere GlaubeSgenoffen, wie in der Handwerksfrage, erleichtern. Allen aber Gelegenheit geben, jene« Wort zur Wahrheit auch für uns zu erheben: Einigkeit macht stark. Am 8. Februar starb Ber t hold Auerbach auf französischem Boden, in Eanne«. Die deutsche Station verlor durch seinen Tod einen chrer populärsten Dichter und weisesten Denker, der jüdische Stamm einen seiner besten und berühmtesten Söhne unserer Zeit. Es kann nicht die Aufgabe der folgenden Zellen in diesem den jüdischen Jnteresien allein gewidmeten Blatte sein, den Erzähler der .Dorfgeschichten* und den Herausgeber de« .Gevattermannes" zu charakterifiren, obwohl die Versuchung sehr nahe liegt, bei der Thatsach« länger zu verweilen, daß gerade ein Mann au« unserer Mitte bas deutsche Volksleben poettfch bearbeitete und Figuren au« demselben durch seine weitverbreiteten Dorfgeschichten populär und man möchte sagen unsterblich machte. Hier in diesem k Blatte könien nur die Beziehungen de« verewigten Dichter» r und Denke,» zu se.nem Stammgenoffen und zum Judenthum t beriihrt wir den. « Ich lernte ihn zum ersten Male bei Gelegenheit der > Schriststkll«rv«rsaiimlung in Leipzig im Jahre 1847 kennen, i Später ließ er sich in Leipzig nieder, wo er eine seiner bei rühmtesten Dorfg, schichten: .Die Frau Prosesiorin", die von 1 der Birch-tJieiffer dramatisirt wurde, für Brockhau« schrieb, i kam dann in folg nden Jahren von Dresden, wo er sich wohnlich nievert elaffen hatte, oft nach Leipzig, so daß ich sehr häusig niil ihm m rkehrte Auch in Wien hielt er sich nach dem deulsch srarzösische l Krieg mehrere Wochen auf. und sowohl in Leipzig als hier kam er in mein Hau» und faß an meinem Tische, und da er sehr gesprächig und mittheilsam war, so konnte ich gar Manche« aus seinem Munde hören, wa» mich heute in den Staus setzt, einen Beitrag zu seiner Charakteristik vom jüdischen Gesichtspunkte au« zu liefern. Berthold Amrdach war bekanntlich Anfangzum Rabbiner bestimmt uni hatte daher auch während seiner Studienzeit mit der Bibel dem Talmud und der späteren jüdische» Literatur sich beschäftigt. Während nun viele moderne deutsch» Schriftsteller de» jüdischen Stamme«, die in ihrer Jugend hebräischen Studie , oblagen, jede Pietät für da-, wa« ihren jugendlichen Geist au-süllte, außer Acht laffen, entweder nicht gern von diesem Theile der goldenen Jugendzeü reoen oder über Judenthum , nd Talmud sich moquiren, kam er mit besonderer Vorliebe >»f diese Partie seine« Leben« zurück und setzte einen Stolz darein, daß er die Bibel in der Ursprache nicht blos verstard, sondern auch größtentheils au-wendig > wußte. So mußt« ich einmal i» Leipzig eine hebräische Bibel j ausschlugen und ihr mehrere Stellen aus derselben fragen, die > er auch auk dem Gedächtmß mit freudiger Betonung recitirte.! Er sagte mir auch, daß man nach seinem Tod« ein Werk über § da« N. T. von ihm in seinen hinterlaffenen Papieren finden würde. Cb er di sen schriftstellerischen Plan je au-geführl habe, kann ich natürlich nicht beantworten. Ueberall, bei jeder Gelegenheit und an jedem Orte, gab er sich ganz und voll al« Sohn seine« Volke-, ja ost in demonstrativer Weis«. Er I war ein geriandter und gefälliger mündlicher Erzähler von jüdischen Anekdoten, und wie er mir bemerkte, benutzte er jede passende Beranlaffung. solche in christlichen Gesellschaften vorzutragen Einmal besuchte er den Bürgermeister Koch von Leipzig, einen der Licepräsidenten de« deutschen Parlamente» in der Piulrkirche zu Frankfurt a. M., und al« er in desien Zimmer eiulrat, b'gan» er, »och am Eingänge stehend, mit den Worten: .Bonrst will ich eine jüdische Anekdote erzählen." Allerdings rar Bl! rgermeister Koch ein durch und durch vor« urtheilsfreiei Man», in desien Salon« ich auch init einem anderen Vic'Präsidenten des deutschen Parlamente«, mit Dr. Gabriel Riejier, zuj ammentraf Die ersten Romane Auerbach'- behandelten jüdisch« Stoffe: Spinoza und Ephrc.im Kuh, und mit besonderer Genugthuung berührte er den Pinkt, daß er in seinem Romane Spinoza einchschirierhe Stell; deost in räthselhaften Worten sich auSdrückenven Bibelcon mentatorS Abraham Jbn Esra erläutert hatte. Aber auch in seinen späteren Schriften befolgte er, wie er mir einst mündlich mittheilte, den Grundsatz, talmudische Sprüche und Sentenzen den handelnden Personen in feinen Erzählungen in den Mund zu Itgca oder wo er konnte ein apologetisches Wort für da« jüdische Schristthum und für seine Glaubensgenossen eilzuschalten. In seinem Buche: „Tausend Gedanken eine» CollaboratorS" finden sich mehrere Belege dafür und iä> will oeSwegrn einige solcher Gedanken herausheben. Pom Sabbuth z. B. sagte er, eine talmudische Stelle benutzend: .Wenn ,us der ganzen Erde einmal ein einziger Sabbuch in »ollkom neuer Weihe gehalten wird, dann kommt der Mesiia«, sagen ist Juden. Da« ist ein fies sinnbildlicher Ausspruch. Wenn die Menschheit nur Einen Tag zu weihevollem Frieden un!> liebevoller Erkenntniß gebracht «erden