Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 7.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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56 — Feuilleton. verloren und gefnnde«. Sin« ErzLhlung ,u» d«r Zeit de« ZOjLtzrigen «riege«. (Fortsetzung.) Diese« Hau», in welchem einst (1396—1402) ein Vorfahr« de« erhabenen deutschen Kaiserhauses, Friedrich, Graf v. ollern, als - Ordensvogt residirte, in welchem ferner eine ierde der Wissenschaft Johann Reinhold Förster da« Licht der Welt erblickt hat und in welchem Euch jetzt — sic transit glorin — die braunen Kinder der Havana und die nicht minder braunen heimischer TabackScultur feilgeboten werden, zeichnet sich wenig von seinen 'Nachbarhäusern au», aber damal« war e» ein gar stattlicher Bau, wohl geeignet den Heldenköuig zu beherbergen. Rn den Stufen der Freitreppe standen Bürgermeister und Rath in Amistracht, eine Deputation der Bollbürger im Festkleid« und der lutherisch« Pastor Opiriu« mit einem vor Freud« und Aufregung strahlenden Gesichte. Schnell und gewandt stieg der König vom Pferde, mit huldvoller Miene nahm er die Versicherung der Ergebenheit von Seiten de« Käthe« und der Bürgerschaft entgegen, sodann aber hieb er den Bürgermeister und den Pastor näher treten und sprach mit lauter, iveithin vernehmlicher Stimme: „Eure Rechte will ich achten und Eure Privilegien will ich schätzen, renn ich bin gekommen, Unrecht zu verhüten und sofern e« geschehen nach Kräften zu sühnen. Demgemäß werdet Ihr Bürgermeister von mir in Gnaden angewiesen, die hiesige lutherische Gemeind« und deren gegenwärtigen Pastor in den Besitz der Kreuzkirche zu setzen. Schon morgen will ich dem lutherischen Gotte«vie»st dort beiwohnen und somit Gott besohlen! Ihr aber hochwürdiger Herr — der König wendete sich lächelnd zu Opitiu« — werdet, wie bisher, der Heerde ein getreuer Hirte sein. Im Uebrigen werde ich Euch öfter zu sehen wohl die Gelegenheit haben, denn wisset, ich bin Euch wohl gewogen." Schweigend und gesenkten .Hauptes hatten Bürgermeister und Rath, stolz und freudigen Blicke» hatte Opitiu» de« König« harten Spruch vernommen. Denn hart war er für die Katholtscheu, da« von ihnen erbaut« und lang d.seffen« Gotteshaus den Ketzern au-liefern zu müsien; aber da» war eine berechtigte Eigenthümlichkeit jener schönen Zeit, in welcher durch den sogenannten Rel»gion»krieg die Begriffe von Recht und Eigenlhum. von Sitte und Gesetz gänzlich au« dem Bewußtsein der Menschen geschwunden waren, wo die eiserne Gewalt da« Tribunal geworden war, vor welchem alle Bejmhungen oer Gesellschaft geordnet und entschieden wurden. Es giedt keine schmachvollere Zeiten in der Geschichte der Völker al« die sogenannten Religionskriege, keine elendere Epoche in der Geschichte Deutschland», al« der dreißigjährige Krieg. Und trotzdem fehlt e« auch in unserem Jahrhundert nicht an Leuten, deneu nur d»e Macht, nicht der Wille fehlt, „um de« Glauben« willen" Krtzerblut leichten Herz n» zu vergießen. D«e Flusterniß der Geister ist auch heute noch nicht ganz gewichen. — — — — — — — — Während de» Einzüge« der Schweden in D. hatte ein siet-zehnjätzrig«« $ftj mit stürmischem Klopsen auf jeden Schritt getauscht, der sich dem Pfarrhaus« zu nähern schien. Gertrud Opltiu« war züchtig dem Volksgedränge fern geblieben, aber mit drennendeu ISauqen zählte st« die Minuten, di« ihr Barer hetmkehrt« von ► m Empfang de« Schwedenkünig», bi» er hetinkehne und mit sich brächte den heißgeliebten, langersehnten Brämlgam. Opitiu« kam, aber Ahatz von Dohna war nicht mit ihm. — Und Folgende« war di» Ursache. Rübe« hott« einig« Sluudeu im geheim«, Zwiegespräch «1t dem Pfarrer zu,«, bracht, von den ausgestellten reroalten hatte er «inen Theil verzehrt, dann, nachdem er noch einige Zeit geruht hatte, war er still und ohne Aufsehen zu erregen weggegangen. In der Dämmerung hatte er dem Korporal Blumer einen Schein vor» gezeigt, der die Erlaubniß enthielt, die Stadt unbelästigt verlassen zu dürfen. Wenn er, wie es ursprünglich seine Absicht war, zum Lager de« Kronseldherrn seine Schritte hätte lenken wollen, dann hätte er den Weg durch die städtischen Wiesen an der Wohnung de» Wiesenbürger« Gert vorbei, «„schlagen müsen. Kaum war er jedoch au« der äußeren Stadtumwallung herau«getreten, al» er sich dem U>er der Weichsel zuwaridle und solange dem Flußlauf verfolgte, bi» er da» Dorf Klein-Schlanz erreichte. Hirr glaubte er seine Ueberfadrt sicher und unbemerkt auf einem der lose angebundenen Schifferkahne bewerkstelligen zu können Sein Herz pochte. Wie ein« Fügung Gotte« war ihm de« Pfarrer» Auftrag erschienen. sollt, er ja zum Werkzeuge dienen. KoniecpolSky zu deniüthigen, war ihui ja die Möglichkeit gegeben, seinen grimmigsten Feind aus Erden vernichten zu können. Trotz de» Siege«, welchen Opitiu» in der Rathsversammlung errungen hatte, trug er sich mit schwerer Sorge. Konnte Gustav Adolf nicht früh genug von der gegenwärtigen Stimmung in D. benachrichtigt und zum schnellsten Marsche auf die Stadt bewogen werden, so lag die Gefahr, daß bei der Annährung des Kronfeldherrn der polnische Einfluß lm Rathe wieder steigen und der Pfarrer sein offenes Eintreten für die Schweden hart büßen kö inte. Da erschien Rüben in seinem Hause und sofort beschloß er, sich de« von Nieinand beargwöhnten Jüng. ling« zu einer Botschaft an Gustav Adolf zu bedienen; auch Rüben willigte mit Freuden ein, nachdem er erfahre» hatte, wie sehr da« Gelingen seine« Austrage« dem Entführer Sara'» zu Schaden gereichen konnte. In zitternder Aufregung bog er sich nieder, um einen stachen loszubinden, hatte er da« jenseitige User eist erreicht, dann war er in Sicherheit, denn unterbalb Marienburg» streiften schon die schwedischen Vorposten. Schon hatte er ein Ruder ergriffen um mit demselden in den Kahn zu springen, al» er einen fürchterlichen Schlag aus den Hinterkops erhielt, der ihn bewußtlo« hinstreckte. Ein schallenee« Hohngelächter unterbrach die Stille de« milden Abends und wie ein Raubthier auf seine Beute stürzte sich de: rothhaarige Gert über das Opfer feiner teuflischen Bosheit. Seit den, Auftritte mit Opitiu» in der RathSverfammlung kochte urbandige Wuth und heiße Rachbegier in seiner Brust. Wie ein Marder den Taubenschlag, umkreiste er da« Piarrdau» und al« er den gefangenen Fremdling in oaffelbe cintreten und bi« zum Abend verweilen sah, erkannte er in ihm, mit dem Instinkte verzehrender Eifersucht einen Boten Dohna'« an Gertrud. Geduldig lag er all die Stunden hindurch aui die Lauer, al« aber Rüben in der Dämmerung mit erheiterten Angesicht und von den Pastor-leuten dr» zur Thür geleitet da« Hau» verließ, war e« ihm zur Gewißheit geworden, dai, dieser Fremd« den Verkehr der Liebenden zu vermitteln üb.-rnommen habe. Hätte er noch ahnen können, daß der Jüngling gar der Träger einer Botschaft an den bitter gehaßten Echwedentöntg sei, dann hätte fern boshafte« Herz noch freudiger aufgejubelt. Er war entschlossen, selbst vor einem Morde nicht zurückzuweichen, wenn e« galt, sich in den Besitz de» bet dem Fremden oermuthetrn Briefe« zu setzen. Sofort war er in sein Hau» geeilt, hatte sich mit einem schweren eisendeschlagenem Stock« bewaffnet und war dem arglosen Rüben unermüdlich nachgeschltchen. In der flachen Weichsclnlederung begünstigte zahlreich«» Weldengesträuch die Verfolgung, denn sobald Stuben sich umschaute, konnte Gert in dem Gebüsch sich verbergen. Schon begann der Bluthund zu ermüden und Zweifel stiege» in ihm auf, ab er auch auf richtiger Fährte sei, al« er da« Bestreben de« Fremden dem« kte da» jenseitige Ufer zu gewinnen. Rüben in offener Feindseligkeit «ntgegenzutreten, war Gert zu -eia«, al« der aralos« Jüngling ober sich de, mühet« einen Ftichrrkahn loszumnden, schlich sein Verfolger dicht an ihn heran und versetzte ihm jenen verhäuguißvollen Keulenschlag. d«r den Bewußtlosen in seine Macht gab. (Fortsetzung folgt.)