Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 5.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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— 39 — Salütschil Hier hat der Rabbiner eine Trauung vor» genommen, obschon der Bräutigam mit einem andern Mädchm (in Lemberg) verlobt war und da» Berlöbniß nicht gelöst wordm ist. Da» dürste zu interessantm Debatten und Prozessen Anlaß geben. London, 23. Januar. Dem .Jewish Ehronicle" zufolge ist der russischen Botschaft in London zur Beförderung nach St. Peter«durg eine von dem russisch-jüdischen Eomitö ver» faßte Bittschrift an den Zirm übergeben worden, worin die Aufmerksamkeit de» russischen Herrscher» aus die AuSfchreitungen gegen die Juden in seinem Reiche gelenkt und derselbe ersucht wird, wirksame Maßregeln zum Schutze de» Leben» und EigenthumS seiner i«rvelitischen Unterthanen anzuordnm und femer die Juden in bürgerlicher und politischer Hinsicht aus gleichen Fuß mit ihren christlichen Mitbürgern zu stellen Loodo», 24. Januar. Der „Time»" zufolge hat der russische Botschafter Fürst Lobanoff in Folge einer Weisung der russischen Regierung abgelehnt, die Bittschrift der englischen Israeliten zu Gunsten der russischen Juden an den Kaiser von Rußland in Petersburg zu übermitteln. Feuilleton, verloren und gefunden. Sin« Lrzihlung «u« der Zeit des »»jätzrige» Itriege«. (Fortsetzung.) Ahatz von Dohna, der kurfürstlich brandenburgische Land- Hofmeister aber schrieb an Gertrud, de» ehrbaren Pfarrherrn von Et. Georg in D. Opstiu» Tochter, wie folgt: .Herzallerliebster Schatz Geliebte und ehrbare Jungfrau Gertrud! Dieweil ich lange Zeiten keinen Epielmann Hab' angetrossen, auch keinen fahrendm Sänger oder Schüler, Hab' ich dm Singvögelein in den Lüften müssen austragen herzinnige Grüße an meinen blonden Schatz Gertrud. Da» aber sind ungetrue Boten allzumal und mir hat e» schirr da» Herz zergrämt. daß di« Jungfr.u könnte übel denkm von mir, da aber hat e« Gott gefügrt, daß ich könnt wohlthun einem armen Wanderer, der hier in Pillau kan» unter die Schwedischen und sollte gehangen werden als Spion, die Söldner aber trieben Muthwillen mit ihm. Mich aber hat er gedauert, daß einer so jung wollte sterben, der vielleicht daheim ein Liebe» hat, da» seiner wartet, also legte ich mich in'» Mittel und schaffte ihn, da er unschuldig war, frei. Dieweil nun sein Weg. wie er sagte, durch D. ihn führet, zum Lager des Kronfeldherrn, gab ich ihm diese» Brieflein mit an meinen süßen Schatz und versprach jener mit Wort und Hand, sothaneS Blatt abzugeben an die Jungfer Gertrud, de» OpitiuS Pfarrherrn einzig Töchterlein. Zur Zeit Hab ich weiiig schier zu melden. Wozu mich mein allergnädigster Kurfürst hat gesendet, da» Hab ich in Ehren und Geschicklichkeit bei der schwedischen Majestät auSgerichtel, aber zu meinem süße» Lieb hinreitcn, wie ich wohl möchte, da» werd ich noch lange nicht können, weil die Polen bei D. ein Lager bezogen und dort dem Schwedenkönig der. Weg verlegen wollen. Da mag ich zögern und au«halten, bi» da» ich weiß, daß Euch kein Leid» geschieht und bi» ich mein holdselig Bräutlein heim kann führen al« Ehegesponst an den kurfürstlichen Hof nach Brandenburg. Sintemalen ich nun lieber mit dem Degen zu thun Hab«, al» mit der Schreibeseder, schließe ich diesen Brief mit Verlaub und falte ein viele tausend herzliche Grüße an meine Jungfer Gertrud und Küsse, so kein Mensch kann zählen, dieweil auch Niemand wissen kann, wie sehr ich ihre Liebe trage in meinem Herzen. Auch dem ehrbaren Herrn Vater, dem hochwürdigen Pfarrherrn oermelde ich gehorsamen Gruß Ahatz von Dohna Sr. kurfürstlichen Gnaden in Brandenburg Landhofmeister. P. 3. Soll auch noch Sr. schwedischen Majestät hoch« günstige Meinung über den Herrn Vater vermelden." Hast D>r, freundlicher Leser, liebe Leserin, im Zeitalter der Eisenbad,>rn, der Telefon» und der Telegrafen schon ein« uial hochausgejaüchzt in seliger Freude, wenn nach langem Schweigin der Postbote Dir von einer geliebten Person — sie mag lange, acht oder vierzehn Tage nicht geschrieben haben — ein Schreib«» bringt, dann wirst Du den Jubel verstehen und empfinden der im Jahre 1626 da» Herz der Pfarrtochter in D. erfüllte. Haben solche Gefühle noch nicht Dein Herz bewegt — dann bist Du wahrscheinlich erst 16 Jahre alt und kommen wird der Tag, wo Du au» eigen.»r Ersah« rang den Erzähler von der Pflicht befreien wirst, Gertrud» Freud« zu schildern. De: fremde Liebe-bote hatte sich, während Ehrn Opitiu» und seine Tochter lasen, in da» entfernteste Fenster gestellt und blid'le mit seraschweisendem Ausdruck e»npor zum blauen Sommerhimmel. Erst auf die Einladung de» Pfarrer», näher zu treten und mit einem kräftigen Imbiß den Dank für die freudige Botschaft entgegenzunehmen, seufzte er wie au» trüben Gedanke > erwachend und sprach: .Habt Dank edler Herr und Ihr holde Jungfrau, habt vielen Dank. E« ist lange schon nicht mehr freundlich zu mir gesprochen worden. Möge der allmächtige Gott jenen edlen Ritter, meinen Wohlthäter. recht bald in Eure Arme führen. Meine» Bleibens aber ist hier länger nicht, fort muß ich, fort von hier; Spei- und Trank bedarf ich nicht. Euch aber möchte e» bei allem Edelmuth gereuen, mich länger behlrbergt zu haben, mich — einen Juden." Einen Augenblick war Gertrud scheu zurückgewichen, einen Augenblick war Opitius verlegen zusammengesahren, aber bald hatte er sich gefaßt und sprach mit milder, sanft zu Herzen gehender Stimme: „Da sei Gatt davor, daß ich einen Menschen sollte seine» Glauben» wegen verachten, zerstreut ist Juda'» Stamm, verfolgt und geknechtet, aber so Einer von ihm unter den Schatten meine» Daches ist gekommen, will ich mich wühl erinnern, daß auch wir mit den Psalmen König Davids den Herrn preisen, und daß auch unsrr Heiland dem Pclke J-rael ist entsprossen." Der Jude hatte mit freudiger Verwunderung den Worten des christlichen Priester» gelauscht, wie eine tiefe Rührung überkam c» sein von herben Seelenschmerzen verfinsterte» aber männlich-schönc», ausdrucksvolle» Gesicht. So hatte er noch nie au» christlichem Munde reden gehört und während er den Peinigungen der rohen Soldateska in Pillau nur finsteren schweigenden Trotz entgegengesetzt hatte, rollten jetzt zwei große dicke Tbränen freudiger Erregung über die bleichen Wangen. .Der Gott Israel», der allmächtige Gott aller guten Menschen. segne Euch für diese» Wort, hochwürdiger Herr. Mich treibt ein eiserne» Geschick von dannen, einen Eid zu erfüllen, den ich einer Sterbenden geleistet. Ein Mann Eure» Glaubens hat mir den höchsten, herbsten Schmerz zugefügt, den e» auf Erden zu dulden giebt, aber Ihr und Graf Dohna habt mir de» Glauben an die Mensacheit wiedergegeben, noch einmal: Gott segne Euch dafür." Rüben — er war e» — schwieg. Gertrud blickte ihn voller Thellnahme thränenden Auge» an, auch der Pfarrer sah ernsten Blicke» zu Boden, plötzlich aber, wie von einer Feder geschnellt, sprang er von seinem Sessel empor: .Mann! Jude! Freund! wie Ihr heißt: Jacob, J-rael oder Junata», mir seid Ihr ein Jonatan, denn mir hat Euch Gott gesendet, seit Stunden sinne ich und zermartre mir den Kops, n>en ich wohl mit einer geheimen Botschaft senden könnte; Und nun Tochter schaffe Brod herbei, Eier und Bier — Fleisch ist dem Sohne J»rael« bei un» ei» Gräuel — vor Allem aber sorge, daß un» Niemand störe, ich habe mit diesem Manne Wichtige« zu reden." (Fortsetzung folgt.)