Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 2. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 2.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/5369809-5935096-5938059--4421-5376730
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton. Verloren und gefunden.*) Eine Erzählung aut der Zeit #rt 3<)j<l)tijfn Jttifgc«. 1. In btt ärmlichen Hüllt eutti fltintn schmutzige» Städtchen» in Polen trglänzlt htlltt Kerzcnschein. Ach, ti war kein Freudenfest, zu welchem diese Lichter angezünbet waren; mehrere Frauen umslanben d » Sterbebett der alten Debora, die mit der letzten Kraft de» entschwindenden Lebenzu einem über ihr Lager gebeugten Jüngling also sprach: „Gedenke Rüben, daß ich Dich nach dem Tode Deiner Eltern in mein .Hau» genommen, datz ich Dich gepflegt und ernährt, erzogen und geliebt habe. Sara, meine leibliche Tochter, war meinem Herzen nicht näher, al» Du e» gewesen. Run aber gehe ich hinweg — Du wirst den Weg durch das Leben schon finden — Sara aber hat dann Niemanden auf Erden, denn Dich allein. Schwöre mir hier — v-r Zeugen — daß Du sie nicht verlafien, daß Du nicht aufhören wirst, sie zu beschützen — damit ich Ruhe habe im Grabe und jenseits." Rüben» Gesicht war lhränenüberströmt, aber mit lauter Stimme und erhobener Rechten sprach er: „Da» schwöre ich beim Gotte Israel»!" „Höre Israel der Herr, Dein Gott ist einzig — einig!" riefen die lichterhaltenden Frauen im Ehor, denn die alte Debora hatte ihren letzten Athemzug gethan. Zu dieser Stunde sprengten zwei reisige Knechte de» Grasen KoniecpolSki mit verhängten Zügeln dem Schlöffe Wyfzegrad z». Einer der Reiter umschlang mit eiserne,» Arme ein jurge» Mädchen, welche» fich mit der Kraft der Verzweiflung gegen den Entführer sträubte. Kein Schrei ertönte, ein dichte» Tuch umhüllte den unteren Theil de» schöncn Antlitze», n»d je verzweifelter da» Mädchen fich geberdete, desto roher lachten die wüsten Gesellen, desto rasender wurde der Galopp der Renner. Die Entführt.', vom Todienbetle der Mutter Geraubte, war Sara, die Tochter Debora'», die zu schützen Rübe» geschworen hatte beim Gotte Israel».--— — — » * * Es war im Jahre 1626 „de» Heils." Aber kein Heil war in Deutschland zu finden »>» diese Zeit. Schc» s it 8 Jahren suchten sich Katholische und Refornirrte, Oesterreicher und Bayern, Kaiserliche und Geächtete, Böhmen und Schmalkaldener, Friedlander und Tillyancr und welche ^iamen sie auch führen mochten, in der Verwüstung des deutschen Vaterlandes zu überbieten. Wa» in der vorliergehenden Zeit auf dem Gebiete de» Geistes geschaffen und gefunden wurde, die schöne Blüthe des Humanismus, ging gar jämmerlich unter im wüste» Krieaerlärm, im grellen Schein angezündeter Städte und Dörser. Nicht mebr wurde zwischen den gelehrtesten und scharsfinnigsten Köpfen diSvutirt über Bibel und Talmud, über Scholastiker und Klassiker, über Abendmahl in der einen oder anderen Forni, über Tran»substanzation und Prädestination — rohe Söldnerbausen entschieden diese heiligen Fragen mit Mord, Brand und Todschlag. Die nieisten und rohesten Soldaten bildeten die überzeugendslen Gründe, selten aber mochten die entmenschten Heere»hausen wiffen, wofür sie sich eigentlich schlugen. Der höchste Sold war der heiligste Glaubensartikel, und wo der Dienst „Tanz und Spiel und Mädel» die Menge" gewährte, da befand sich auch de» Mannes Ueberzeugnng. „Dreißigjähriger Krieg von 1018 bi» 1648“, menioriren jetzt unsere Quartaner und' ahnen kaum, welch entsetzliche» Elend damals heimisch war in den gesegneten deutschen Gauen. Im Juli de» Jahre» 1086 waren in der Gaststube de» Großlrämer» Lorenzen in D. eine stattliche Anzahl evangelischer Bürger versammelt. Auch der würdige Pastor Opitiu» befand fich dort, und e» schien, daß' die Zusammenkunft auf seine Einladung geschehen war, den« theil» mit ängstlichen, •) Nachdruck »erboten, Urbrrtetzunglrecht Vorbehalten. theil» mit neugierigen Mienen blickten Alle von ihren großen Humpen Braunl'ier hinweg auf Ehren Opitiu», dem wohlbeleibten lutherischen Psarrherrn In woblgesügter Rede fing dieser dann auch an. über die Unbill zu sprechen, welche die lutherische Gemeinde schon seil langer Zeit erleide, wie die Resormirten absichtlich vom Rathe au-geschloffen würden, wie man Auflagen und Krieg-steuern besonder» stark den Evangelischen auflaste, und wie endlich gleich nach der Thronbesteigung de» König» Sigi-mund HI. die Kirche zur Kreuzerhöhung den Lutherischen genommen und den Katholischen übergeben worden sei. Mit immer lauterem und drohenderem Tone fuhr Opitiu» in seinem Sermon fort; imnier scheuer und ängstlicher wurden die Mfinen seiner Hörer, die wohl wußten, daß der hohe Rath e» gar übel vermerken würde, wenn er erführe, welch bitterer Tadel über ihn gefällt worden. , „In diesem Trübsal", fuhr Opitiu» ungehindert fort, t „sendet Euch der Herr seine Guide. Ein Georg, der den Drachen zertritt, nähert sich, den Mauern. Euch aber ersuche ich, ihn mit offenen Armen zu empfangen. Bearbeitet Eure Vettern und Freunde, versammelt Euch in den Gewerk«- und Gastfinben, und ivenn Eurer Viele ihren Willen kund geben, wird der Rath e» nicht wagen, dem herannahenden Befreier die Thore zu verschließe»." Ehre» Opitiu» stand in zu hohem Ansehen bei seiner Herde, al» daß er auf lauten Widerspruch hätte rechnen können. Um so bestürzter wurden Alle, al» sich der Wiesenbürger Gerl erhob und nach einem gewaltigen Zuge au« seinem Humpen au»rief: „Schön gesprochen, Herr Pastor, aber nicht, wie e» einem getreuen Unterthan Seiner katholischen Majestät geziemt. Den, König Sigismund haben wir geschworen, und der Hobe Ratb würde e» Hochwürden schwer entgelten lassen, wenn er erführe, wie schlecht die Herbe von ibrem Hirten beralhen wird " Gar mächtig schwoll die Zornesader am der hohen Stirn de» ivürdigen Ovitius. Durcheinander schwirrten die mißbilligenden und beschwichtigenven Stimmen der versammelten Bürger. aber Alle« übertönend brach der Pfarrer los: „So recht! Du heilloser Eumpan, jetzt zeige nur, Teufel, Deinen Fuß! Weil ich da» Täubchen, meine Gertrud, nicht Deinen Krallen habe überliefern wollen, hörst Du am mit Scharwenzeln und Katzenbuckeln. Geb doch hin und klage »nch an. da« aber wiffe, ehe will ich in Kellen geschmiedet im Thurm verschmachten, ehe ich dem rothhaarigen Schuldenmacher mein Kind hinget»«!" Da» war nun freilich unbestritten wahr. Johann Ehrt» stia» Gert hatte feuerrothe» Haar, und von den Wiesen, auf denen er wobnle, gehörte nicht e.n Grashalm mehr sein eigen; jeden Tag tonnte er gewärtig sein, vom Büttel au» Hof und Hau» verjagt zu werden. Da» verhinderte ihn aber nicht, mit schaumbedecktcnl Munde und wuthentstelltenr Gesichte der Thüre zuzustürzen und mit giftiger, heiserer Stimme Opitiu» zuzurufen: .Da», warte Du! Du verd— Pfaff, da« will ich Dir gedenken!" Gerl eilte racheschnaubend zur RathSstude. Dort aber begegnete er einer seltsamen Verwirrung. Gerade al» der wohlbestallte Sladttrompeter und Thurmwächter Kaspar vom Loch den letzten Löffel einer beträchtlichen Schüffel Sauerkraut in aller Behaglichkeit den Weg alle» übrigen Sauerkrautes hatte gehen lasten wollen, erblickte er durch da» kchinale Lugfenster seine» erhabenen Wohnsitzes aus dem Thurme des Ratbhause» in D. einige Tausend Schritte jenseit» de» Walles ein Fähnlein fremder Krieger. Ka-par wollte seinen Augen nicht trauen, vorsichtshalber stärkte er sich noch einmal mit der Neige eine» vor ihm stehenden Bierkruge», dann aber erwachte sein eingeborene» Pflichtgefühl in ganzer Stärke. E»tsagung«vcll ließ er den letzten Löffel Sauerkraut» liegen, wie er stand und ging — er ging aber der großen Hitze wegen nur im Hemde - stürzte er zur Wand, ergriff da» große Hüfthorn, eilte damit auf die offene Gallerte de» Thurme« und blie» in lauten, mächtigen Tönen Schrecken und Verwirrung auf' da» friedliche D. herab. (Forts, folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.