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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 1. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 1.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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elle« und moralische« Elend drückt sie nieder. Fanatikern und P!ü»derung«lustigen sind sie schutzlos preiSgegebetl. In der Stadt Tunis wohnen 45,00», barnnter 30,000 Anne die in einem schaurigen Ghetto leben. Di« Eittenverderbniß unter ihnen hat nicht ihre« Gleichen in der Geschichte unsere« Stamme«. Der altgewohnte Despotismus, da« Elend und die Unkenntniß auch der gewöhnlichsten Moralgesetze icheinen die Ursachen der erschreckenden Erniedrigung zu sein. Hebung de« Gotte-dienste«, Wohlthätigkeit«kassen und Asyle ul« Schulen Ulr d'e Mädchen müssen als ReltungSmittel schnellmöglichst in« Leben gerufen werden! Feuilleton. «esusa. Bon Dr. »d. 0 «Kinr f Kein religiöser Symbol de« Judenthum» erfreut sich einer solchen Popularität und Verbreitung, wie jene« kleine, zu« sammengerollte, von einer Kapsel umschlossene Stück Pergament, welche« da« israelitische Gotterbekennlnih in hebräischer Sprache enthält, an den Thüren israelitischer Wohnungen befestigt wirv und unter dem Namen „Mesusa" bekannt ist. Besonder« sind e« dir jüdischen Frauen oyne Unterschied de« Alter« und dr» Gesicht«au«druck», w.lche mit grober Pietät diese« Symbol behandeln und anbringen. Die« geschieht nicht immer au« reiner Religiosität, sondern sehr häufig mit einem Anflug von Mystik. Man betrachtet nämlich die Mesusa al« eine Art Amulett, dessen Näh« alle Mephisto'« scheuen und da» vor alle» Unholden und Unfällen behütet. So traf ich einmal eine jüdische Mutter mit Vorbereitungen bischärtigt, um gegen Ende de« Monats Mai vor dem Lärm der Großstadt sich zu flüchten und eine der zahlreichen Sonin erfrischen in der Näh« Wiens zu beziehen. »Hier sehen Sie," sprach sie zu mir, „eine große Anzahl „Mesusa'»*, die ich mit auf'« Land nehme. O, ich bin zwar nicht orthodox, aber sehr religio« gestimmt. Wo ich wohne, müssen a» allen Thüren meiner Wohnung diese kleinen schönen „Mesusa'«" glänzen; ja. an den Thüren der Zimmer, wo meine kleinen Kinder schlafen, sogar zwei, recht« und link«." „Wann verlassen Sie denn die Stadt's" fragte ich die besorgte Mutter. „Nächsten Samstag," antwortete sie. „Warum denn gerade am Sabbath," erlaubte ich niir zu fragen; „warum wollen Sie durch Ein» und Außpacken, durch Aus- und Einräumcn sich den Sabbath» frieden stören?" „Aber mein Herr," versetzte die Dame, „wie können Sie al« ein Mann der Ausklärung mir zumuthen, daß ich den Sabbath in derselben Mise wie meine Großmutter feiere. Ich trage keine'Haube, wie meine selige Großmutter, und begeh« den Sonntag festlich im Kreise meiner Familie Und da ich nächsten Sonntag bereit« die würzige Luft meine« Garten« einathmen will, so bin ich genöthigt, Samstag von meiner Etadtwohnung mich zu trennen und die kleine Reise aus'« Land zu machen." „Und warum nicht Freitag?" erlaubte ich mir weiter zu fragen. „Freitag? um« Himmelswillen, „Freitag", wo denken Sie hin? Wer wird Freitag etwa« Rem« unternehmen und eine Veränderung in seiner Lebensweise treffen! Rein, Freitag ist ei» ominöser Tag; da laß ich mir kein neue« Kleid bringen, da gebe ich keine Gesellschaft, da taffe ich Alle« beim Alten. Nimmer zöge ich Freitag« aus'« Land." „Nun denn, Madame," erkühnte ich mich zu bemerken, „der Sabbath paßt nicht niehr für die Enkelin einer frommen Großmutter, die Scheu vor dem Freitag aber harmonirt mit der allernruesten Aufklärung." Und so fuhr unsere ausgeklärte Dame am nächsten Sabbath, eine niedliche Schachtel voll Mesusa'« unter dem Arme tragend, »ach ihrer eleganten Laiidwohnung. Eine ausgezeichnete Opernsängerin jüdischen Bekenntnisse« lebte der feste» Ueberzeugung. daß sie einen Theil ihrer Triumphe aus der Bühne einer kleinen „Mesusa" in einer goldenen Kapsel, die sie um ihren Hal» oder auch um ihren Arm trug, zu danken habe. Die Mesusa war ihr Talisman, der ihrer Stimme den Schmelz, ihrer Bewegungen die Grazie, ihrem Spiele die Geschmridigkeit verlieh. Da geschah e» einmal, daß sie beim Umkleiden ihren kleinen liebe» Iali«man vermißte. Sie erbleichte, zitterte am ganzen Körper und erklärt« unter Schluchzen, daß e« ihr unmöglich sei, ihr Spiel an diesem Abnrd fortzusetzen. „Wa« fehlt Ihnen denn?" fragte der bestürzte Direktor der Oper, „ich will fofort den Theaterarzt holen lasse,-." „Ach nein," stammelte die aukgeregte Sängerin, „da hilft kein Arzt, keine Apotheke und keine Medici»: mir fehlt mein Talitman, ohne welchen ich keinen Ton h-rvc.bringrn kann." Zum Glücke bemerkte der verzweifelnde Direktor ein kleine« Ding auf dem Boden schimmern, hob e« aus und zeigte e« seiner Primadonna. Ein Schrei der Freute entrang sich ihrer Kehle und im jubelnden Tone rief sie au«: „Da« ist meine „Mesusa", und mm werde ich, nachdem ich sie wieder tragen kann, nitt verdoppelter Verve meine Rolle sortsitz'n" — und noch nie soll Sophie König so kraft- und klangvoll gesungen haben, wie an diesem Abend, nachdem ihr pergamentener Schutzgeist vor jeder falschen Note und schwankenden Cadcnzen sie wieder behütet hatte. Kurz nach der Publikation de» intercoiifessionellen Gesetze« in Oesterreich, da« den Rück- und Uebertritt zum Judentbum gi stattrt, kam ein alter Mann zu mir mit der Bitte, ihn, nachdem er seit dem Jahre l84r, gelaust war, wieder in den Krri» br« Judenttium« zurückznnehmen. Ich knüpfte eine Unterredung mit ihm an, um zu erfahren, wa« ihn denn zur Taufe veranlaßt habe. und wie er während der Zeit seine« Neophytenthum« gelebt habe. Im Laufe de« Gespräche« sagte er mir mit warmer und energischer B etonung: „O, ich habe nie aufgehört. mich al« Jude zu fühlen; und habe auch immer eine „Mesusa" bei mir getragen. Hier sehen Sie sie!" „Mein Herr," erwiderte ich ihm, „da« ist e« eben, n>«riii Sie gefehlt haben; da« Judenthum trägt man nichts versteckt in der Tasche, sondern wie einen Trauring gleichsam vor den Augen der ganzen Welt." E« gibt leider auch viele uug taufte Juden in unserer Zeit, die ihr jüdische« GlaubenSbekenntniß zusamm engerollt und verborgen mit sich führen. Diese« Taschenjudenthum, welche« der jüdische Täufling zivanzig Jahre so geräuschlos bekannt hatte, daß kein Auge eines Späher« e« wchrnehmen konnte, erinnerte mich an den EonstitutionaliSmu« eine« Sektion« Chef« im österreichische» Finanzministerium. Al« nämlich in der neuen Aera Schmerling«, unsere« theuren Freunde«, .vor dem un« Gott behüten n.öge, da« konstitutionelle Leben in Oesterreich wieder zu er nachen begann, candidirte unser Sektion« Ehef um da« Mandat eine« Abgeordneten in Wien mit der öffentlichen Betheuerung. ei: sei ste:r konstitutionell gesinnt gewesen, nur habe er bi« jetzt die konstitutionelle Fahne zusammengerollt in der Tasche hrrumgetragen. Auch die Goldarbeiterkunst hat sich der „Mesusa" bemächtigt. E« wird nämlich auf einem kleinen und sehr dünnen Stück Pergament da« hebräische Schma-Bekenatniß geschrieben und i» eine kleinc, zierlich gearbeitete goldene Kapsel gelegt, an d.'ren Spitze ein kleine« rundes Vergrößerungsglas, durch n-elche« man die bebräsichen Buchstaben lesen kann, angebracht ist. Di se niedlichen „Mesusa s", welche al« eine Miniatur- Ausgabe de« Judenthum» betrachtet werden, werden an Uhrkrtten, Armbändern undHal«schnüren al« Anhängsel getragen, und sind zum Leidwesen vieler Herren und Damen nicht leicht zu bekommen. So erhielt ich erst vor Kurzem ein Schreiben au» Holland, in den> ich gefragt wurde, ob diese auf de» kleinsten Maßstab reducirten „Mesusa'«" tu Wien zu kaufen seien. Ich mußte die Frage verneinen, da hier kein Goldar weiter zu finden ist, der mit diesem modernen conses, onellen Industriezweig sich beschäftigt: Unsere jüdischen Goldwaarenfabrikanteu verkaufen wohl Kelche und Erucifixe, aber keine „Mesusa'»." Vielleicht findet ein Leser diese« Blatte» sich angeregt, diese keinen niedlichen Symbole eine« Judenthum», da« nur mit Hülse eine« kleinen Mikroskop« zu erkennen ist, in den Handel za bringen und so zum Apostel de« modernen Miniatur-Judentijum« zu werden.

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