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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 48 (1894) · p. Seite 189

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
48 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 189 (sequence 3)
Language
German
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die Gemüther zu verblenden. Ich fasse die Sache etwas .nüchterner auf und möchte fragen, ob denn alles Geld und Gilt, das man den Juden abnehmen will, plötzlich aus der Welt verschwinden wird? Sicherlich nicht. Es wird nur den Besitz wechseln und in andere Taschen fließen. Nun sind die Antisemiten unsere Gesinnungsgenossen, sie stehen uns Ochsen näher als die Juden. Das bestreite ich ja nicht. Aber wir wissen-nur zu gut, daß unter ihnen gar viele Hungerleider sind, denn nicht jedeni trägt dies Gewerbe soviel ein, daß er davon in Ucberfluß lebe» könne. Wie manche brave Antisrmitcnsamilicn darben vielleicht zu Hause, obschon die Männer sich ab und zu bei einem Banquette an eincin gute» Braten drlectiren. Bekommen aber die Antisemiten, woraus doch wohl das Ganze gemünzt ist, alles Geld der Juden, und kann jeder seiner Familie einen fetten Bissen, sozusagen einen »Ochsen im Topfe" bieten, erweist sich nicht alsdann die so belobte Maßregel für uns als illusorisch, indem der Fleischkonsum .... Ochse Nr. U <>hm in» Won sollend): Diese Befürchtung hege ich nicht. Ich bin nicht der Ansicht, daß e« dadurch aus dem Familientisch der Antisemiten besser auSsehen werde. Eie werden das Geld eher versaus . . Der Vorsitzende gäuin): Nur keinen unparlamentarischen Ausdruck. Tie Menschen mögen sich in ihren Parlamenten dazu hinreißcn lassen. Wir aber müssen auf Ochsenehre halten. Ochse Nr. l0: Ich will mich in Erörterungen nicht einlassen, ob die ausgestellten Brweisziffern richtig oder unrichtig find. Es kann uns dies auch am Ende gleichgiltig -Irin. Darüber sind sich aber alle Herren Redner mehr oder - weniger klar, daß wir an den Antisemiten eine kräftige Stütze .habe». Darm» halte ich die heutige Debatte für sehr nützlich. Die Bvrtheile, die solche öffentliche Versammlungen ^bringe», haben siäi wiederum im besten Lichte gezeigt. Wir ^hatten bei »mm» Zusammen treten nur die Absicht, uns mit ^der eigentlichen Ochsenfrage zu beschäftigen und doch sind vir durch de» (Gedankenaustausch zu einem Substrat von orschungen und Schlüssen gelangt, die noch von weit größerer atung sind, als das, was wir anfangs im Sinne hatten. Thierangelegenheit hat uns auf die Antisemiten gemacht; jetzt wird Niemand mehr verwundert fragen: was wir mit diesen zu thun haben? Ja, meine Herren, ich wage die nuptnng aufzustellen, daß das Heil aller Ochsen von den »tisemitcn allein z» erwarten sei! Mein Blick reicht aber Zweiter, und ich »ersteige mich zu der Hoffnung, daß wir durch Arin Schutz- und Trutzbündniß mit den Antisemiten die ganze ^Menschliche Herrschaft stürze» und ein einiges, einziges Reich zvon Ochsen Herstellen können. Lassen Sie mich Ihnen meinen i auseinandcrietzcn. Ich bin Schullehrer und habe viel Erziehungsurd Bildungsmethoden nachgedacht. Meine lldien brachten es mit sich, daß ich mich, des Vergleiches gen. auch mit den geistigen Erzeugnissen der Menschen verzu machen suchte. Man soll ja am besten von seinen inde» lernen. Allein das Meiste, das ich von ihnen las, and ich geradezu geschmacklos, so gar nicht nach unserm Geiste; i wollte auch vieles nicht so recht in meinen Kopf hinein Da spielte mir jedoch der. Zufall auch einige antisemitische ' Schriften in die Hand, und da erst, meine Herren, fühlte ich mich so wohl, so heimisch, fühlte mich wie unter Verwandten, da erst fand ich Geist von u ns erm Geiste. — Und nun stieg ln mir der Gedanke ans: O, wenn doch alle Menschen zu Mttisemitcn gemacht werden könnten! Würden sie uns nicht; geistig näher gerückt werden? Würden sie uns alsdann noch ^' ' ' gegenüberstehen? — Es ist hier vorgebracht worden, die Antisemiten sich deshalb zu Thierbeschützern aufwerfen, sie damit einen Trumpf gegen die Juden auSspielen den. Man denkt, wenn Menschen gegen chre Mitmenschen tben können, wie sollen sie für Thiere ein aufrichtiges i fühle»? Wie aber, meine Herren, wenn jene Menschen |<. ihrer GeisteSbeschasieuheit sich grade u»S näher fühlen? Müssen sie denn, weil sie zufälligerweise mit zwei Beinen zur Welt gekommen sind, deshalb zu den Menschen haltest, trotzdem sie ihrem Verstände nach anderswohin gehören? Lesen Sie, meine Herren, einmal ihre Schriften und Sie werden sich überzeugen, daß in denselben auch nicht ein Funke von dem sogenannten Menschenverstand zu finden ist. WaS aber folgt daraus? Daraus folgt mit logischer Nothwendigkeit, daß wir mit den Antisemiten, die sich augenscheinlich die Brrochsung der Menschheit zum Ziele gesetzt, durch Dick und Dünn gehe» müssen. Eine natürlichere Allianz als mit ihnen wüßte ich für uns nicht. Demnach (nutet mein Antrag, daß wir nicht allein bezüglich des SchächwrrbotcS zu den Antisemiten halten, sondern daß wir ihr ganzes politisches Programm zu dem unsrigen machen und Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen sollen. — Nachdem auch diese Rede mit tauteni Beifallsgebrüll altsgenommen wurde und sich nicmaud mehr zum Worte meldete, gelangte der Antrag zur Abstimmung und wurde mit großer Majorität zum Beschlüsse erhoben. Gegen das Schächtverbvt stimmte dlv« der Samtätsraih und der Belrinärarz». Die Versammlung zerstreute sich in gehobener Stimmung unter Adsingung folgender Strophe eines Nationalliedes: L« leben hoch die rechten Lchsen, Und die mit ihnen geistvenoandl, Die mit den Juden kämpfen, boxen, Al» reine Arier wohlbekannt. Der Abtrünnige. Novelle vo» A. Langer. II. Eine Woche später drängte in Wien das Volk nach dem Rathhause, wo rin Streithandel eigener Art verhandelt werden sollte. Es mar der Studiosus Diether Schlagnitweit, der geckenhaft angcthan in Sammtwams und Federhut die Richter vertraulich grüßte, da so mancher Vetter und Ohm. ja sogar sein eigner Vater unter ihnen saß; er trat als Kläger auf; der Beklagte aber mar niemand Anderer, als der Jude Ephraim Reubl von Nußdorf, den man in Ketten, von Wachen umgebe», he^beiführte; daS Gezisch und Gespötte deS Pöbels empfing den Juden, der todtenbleich und demüthig vol den Richtern sich neigte und auf dem Armensünderstuhr Platz nahm. Ter Schreiber des Gerichtes erhob sich, und las die Anklage vor. Sie lautete dahin, daß der Junker Diether Schlagnitweit, des Herrn Erasmus Schlagnitwcit Sohn, adeliger Altbürger und Mitglied der hohen erleuchteten Universität. in einer augenblicklichen Verlegenheit von dem Eigenjuden Ephraim Reubl zu Nußdorf dreihundert Goldgulden geborgt, dafür unmäßige Zinsen bezahlt und den köstlicheu Schmuck seiner Schwester sammt daran haftenden Perlen und Edelgesteine zum Pfände gesetzt. Nach wenig Wochen aber sei der Herr Studiosus schon im Stande gewesen, die Schuld heimzuzahlen und habe deshalb seinen Knecht Hanns Gundelfinger abgeschickt, um diesbcsagte 300 Goldgulden an den Juden Ephraim Reubl nach Raßdorf zu bringen. Dieselben seien in einem leinenen Säckel gewesen und da der Junker sich vor dem Knechte nicht bloßstellen wollte, so habe er ihm aufgetragen, von dem Juden nur »das Bewußte" zu verlangen; der Jude habe die dreihundert Gulden im leinenen Säckel angenommen, und dem Knechte HannS Gundelfinger auf sein Begehr nach dem Beivußten einen goldnen Ring von eines Goldguldens Werth übergebe»; mit diesem sei der Knecht nach Hause gekehrt zu seinem nicht wenig überraschten Herrn, wrlcher sogleich denselben von neuem gegen Roßdorf gesendet, den Schmuck der Schwester zu fordern. Da aber der Jude sich unwissend gestellt und den Schmuck empfangen zu haben geläugnet, außerdem auch ein groß Gezetter angehoben, so habe der sehr edle Herr Diether Schlagnitweit die Anklage bei« Rache gemacht und die Aussage mit seinem adeligen

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