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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 41-42 (1894) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
41-42 (1894)
Article
Beilage zu Nᵒ 41-42.
Date
1894-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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wie ich auf all' meine jüdischen Bekanntschaften kam ... gute, tüchtige, brave Leute, gegen die ich gar nichts habe, mit denen ich aber nicht gerne verwechselt werden möchte. Wir stehen nun 'Mal in dem Bann gewisser Borurtheile . . . man weiß nicht, wie's kommt — es liegt förmlich in der Luft — nun, wir haben ja oft genug darüber debattirt. Du warst wie immer der Gemäßigtere, der Tolerantere, — ich, mit meinem cholerischen Temperament, fegte unser Vaterland lieber rein von allen ftemden Elementen. . . Der Friseur, der noch mit: .Pulver gefällig? Brillantire gefällig?" diensteifrig um mich herumschwänzelte, erlaubte sich zuletzt lächelnd die Bemerkung: .Nicht wiedeezucrkennrn, Heir Doctor! Wahrhaftig!" Es thut mir leid — aber ich Hab' ihn böse angehaucht, den armen Jungen, der mir eine unangenehme Wahrheit bestätigte. Tie Erfahrung hat ihm seitdem glänzend Recht gegeben. Zuerst bei dem Droschkenkutscher, der mit meinem Gepäck — ich war auf dem Weg nach dem Bahnhof, als ich noch schnell die Enthaarungsprocedur mit mir vornehmen ließ — vor der Thür des Friseurs auf mich wartete. Verteufelt peinliche Situation, als der biedere Onkel standhaft erklärte, ein anderer Herr hätte ihn bestellt. Ein Herr mit Bollbart. Und nur diesen führe er und diesem nur liefere er daanvettraute Gepäck aus. Stelle Dir die Scene vor: ich, auf der Sttaße einem wahren Thomas an Verstocktheit meine Jdentttät mit dem.Herrn im Vollbatt" zu beweisen suchend! Ein Kreis von Gaffern ringsum, der jedes derbe Witzwort des Rosselenkers mit lautem Beifallslachen begleitete! In der Ferne ein Schutzmann, der den Hals reckte und hinüberwittette, bereit, mit der Sttenge des Gesetzes einzuschreiten, sobald der Augenblick gekommen. Und die Minuten kostbar — der Zug wartete nicht! Mein genialer Gedanke durch die passenden Kofferschlüssel und Angabe des Inhalts den Zweifler von meinem Besitzrecht an den Gepäckstücken zu überzeuge, half mir endlich aus der Klemme. In Schweiß gebadtt, kaum miuder als der arme Braune, der nach dem unverhofften Aufenthalt seine letzten Kräfte einsetzte, erreichte ich noch rechtzeitig den Bahnhof. Und hier: Fortsetzung der Komödie der Jnungen. Ein Mensch, den ich nie gesehen, ebenso kahlgeschoren und dunkeläugig wie ich, stürzt auf mich zu, schüttelt mir die Hand: „Älso Sie fahren heut' auch, Rosenbaum?" — Weg ist er. Rosenbaum? — Bin ich Rosenbaum? Ein zufälliger Blick in den Spiegel des Wattesaales sagt: ja, du könntest dafür passiren. Mein inneres Bewußtsein, das Bewußtsein meines reinen Stammbaums — (meine Vorfahren waren alle Beamte und Geistliche gewesen, meine Mutter war eine Aristokratin, Großmutter die Tochter eines hochbcrühmten Kanzelredners) — jeder Tropfen meines unvermischten Germanenblutes empötte sich gegen den Namen Roscnbaum. Ich lockette meine Brieftasche, um die Visstenkatten zur Hand zu haben, falls noch Jemand den Verdacht äußern sollte.. . Ta ist der Geheimrath Beneke, von dem ich mich gestern noch so herzlich verabschiedet. Ich schwenke den Hut, nicke, winke — erreichen könnt' ich ihn nicht in dem Gewühl. — Er sieht mich mißtrauisch an, grüßt kalt, ftemd, zurückhaltend. Ich merke: der kennt dich nicht. Und so geht's mir noch mit eia paar anderen Bekannten. Ich lache denn doch in mich hinein. Mein Inkognito fängt an, mich zu amüsiren. Hätt' ich mich absichtlich zu dem Zwecke geschoren, eine Welle ungeschoren zu bleiben — von Krankheitsgesprächen, Patientenklagen und plötzlichen Uebersällen — ich hätte mit dem Erfolg zufrieden sein können ... Aber — da ist der erste Sonnenstrahl! Leichte Nebel strigm von den Wiesen auf. In der Feldflasche ist noch ein Stärkungstrunk. Der hält ein Weilchen vor — so lange, bis ich im Witthshaus um dev Kaffee bitten kann. Also vorwärts! Im Morgenlicht gefällt mir selbst meine Bude. Die birkenen Möbel sind neu, Gardinen, Deckchen, auch das Bettzeug weiß. Am Ende find meine rebellischen Nerven mehr schuld an der schlaflosen Nacht, als die klernen braunen Bettgenossen. Na, leb' wohl. Schreib' einmal Deinem W. Jacobsen. Stenographirte Postkarte. Ein Abenteuer! Mittagsruhe im Walde. Seliges Jn- Richts-Verdämmern. Programmmäßig bis auf'S Erwachen. Donnerwetter! Mein Kopf! Eine Beule, faustgroß. Ich mll einem Schrei empor, fasse das Wurfgeschoß, einen Tannenzapfen, schwer, die reine Spitzkugel. Ein Bengelchen, so sechs Jahr vielleicht, mit Wadenstrümpfen, die die Beine bis zum Knie fteilassen, weißem Matroscnanzug, giebt eben Fersengeld. Ich hinterher, spaßeshalber. Da taucht aus dem Unterholz eine Dame auf — ein erschrockenes, blasses, hilfloses Gefichtchen, das sich unter meinem Blick langsam mit Roth überzieht. „Oh pardon, Monsieur!" stammelt sie. Dabei sieht sie so reizend zerknirscht aus. Ich beeile mich, ihr die beruhigendsten Versicherungen zu geben, daß ich tut Leib und Leben unversehtt bin. „Berner ist so unfolgsam," sagt sie mit stauzöfischem Accent. „Ich hatte es ihm so sehr verboten. Aber er that es doch. Verzeihen Sie!" Und schnell wandte sie sich ab, faßte ein kleines Mädchen, das neben ihr gestanden und mich mit großen, neugierigen Augen angestartt hatte, bei der Hand, und folgte dem Attentäter . . . Gestern Abend schon war sie mir ausgefallen. Im Hotel, beim Souper. Sie saß mir gegenüber an der langen Tafel, ganz allein, ganz für sich, als hätte sie nichts gemein mit der schwatzenden Gesellschaft. Wie ich. Leicht schließe ich mich ja nicht an. — Und so etwas rehattig Scheues, Graziöses, Flüchtiges hatte sie. Die Bewegungen leicht und ziettich. Eins, zwei, drei, hatte sie ihren The« getrunken, verbeugte sie sich, und ohne ein Wott gesprochen zu haben, war sie verschwunden. Ich hatte ihr einmal das Salz gereicht und einmal die Butter. Denn sie hätte den Braten nüchtern und das Brod ttocken gegessen, um ihre Nachbarn nicht behelligen zu müssen. Sie dankte mir, fast ohne aufzusehen! Ich hatte mir über io viel schüchterne Zurückhaltung den Kopf zerbrochen. Nun war mir Alles klar: eine Fremde, des Deutschm vielleicht nicht recht mächtig — einsam, abhängig am Ende — Das Letzte ist sicher. Die Kinder sind nicht ihre eigenen. Sie ist viel zu jung, viel zu schlank, viel zu mädchenhaft. . . Ohne Zweifel so ein armes Gouvernantchea, das sich mit anderer Leute Rangen plagen muß. Und dazu ist sie viel zu schade. Nächstens mehr. Walter. Postkarte. Dank, Alter! Dein Brief hat sich ein paar Tage herumgetrieben. Hier find nämlich paradiesische Zustände. Der PosthilfSbote kommt aus dem benachbarten Z. zweimal am Tage herüber. Er schüttet die Briefe auf den Tisch im Kurhause und Jeder sucht sich den ihm zugehörigen auS. Da ich nichts wußte von diesem rührend naiven Verfahren — überdies nirgends angemeldet bin (mein Witth meinte, daS, sei hier oben nicht uöthig! — Ich vermuthe, daß er sich Dom] Schreiben drücken wollte!), so machte Deine Epistel mehret« I Irrfahrten, bis sie endlich an mich gelangte. Antwort^ morgen. W. (Fortsetzung folgt.) AercmUoortl. tzsedacteur M. ßtahmer jtxni Leiktuer t Xrrwfl,

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