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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 41-42 (1894) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
41-42 (1894)
Article
Beilage zu Nᵒ 41-42.
Date
1894-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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?r*V«BV -«rr Beilage zu Nr. %A(2 des ,)üd. Lamilien-Vlatts". Die ^udenriecherei: Brief« au» der Sommerfrische. Mtgetheilt von <8. Franke. Erster Brie». Lieber alter Junge! Du fällst aus den Wolken: Schon ein Brief? — da ist was passirt! — denkst Tu im ersten Schreck. Denn höchstenhast Tu dich aus ein paar magere Karten gespitzt, illustrirt, daß kaum mehr als ein „Gruß" daraus Platz hat, als ich Dir das Versprechen gab, „von mir hören zu lassen". Ich selbst hätte nichts Anderes gedacht. Ader — höhere Mächte! — Eine Unzahl kleiner ungebetener Gäste trieben mich vor Tags, aus meinem Marterbett. Ta sitz' ich nun zweitausend Fuß über dem Meere. . . und kritzle diese Zeilen an dich, alter Junge. — Zwar die Tinte. . . und die Feder. . . ich habe schon bessere gesehen! — Tu weißt mir das unleserliche Gekritzel aber doch Dank — und mir — na, aller menschlichen Voraussicht nach muß eS ja einmal Tag werden! Mein Wirth ist Bergmann. Ein mürrischer, worckarger Gesell. Eigentlich hat er ein gutmüthiges Gesicht; aber mir hat er noch nicht viel Liebenswürdigkeit gezeigt, eher feindseliges Mißtrauen, wie ein bissiger Hund, dem Einer, den er nicht mag, einen saftigen Knochen anbietet. . . Armes Volk! Das plackt sich, bei furchtbaren Entbehrungen, um sein armselig bischen Leben zu fristen — alte Bergleute giebt's kaum. Die Bergkrankheit wartet auf Jeden, früher oder später. Da ist'S wahrlich kein Wunder, wenn so ein Verkürzter scheel auf die Tagediebe blickt, die den Sommer lang seine stille Wald- Oase überschwemmen. Er meint wohl, das Schlaraffenleben, daS Spazierenschleudern, das Zeittodtschlagen geht bei den Stadtleuten so das ganze Jahr! — Nun, ich möcht' dem Manne nicht meine Nerven wünschen, jetzt, nach der Typhus- Epidemie, bei der ich monatelang keine Nacht durchgeschlafen habe. Ich war fertig — so fertig, daß ich Herzklopfen bekam, wenn an der Klingel gezogen wurde. Auf der Straße sah ich in jedem Bekannten, der mich grüßte, einen Patienten, der meuchlings meinen Rath wollte. . . meine Abreise war schon benähe eine Flucht. Wie oft Hab' ich meinen Beruf verwünscht! Jedem anderen M nschen gönnt man billiger, weise eine Erholungszeit. Der Arzt hat keine — nicht einmal daS segensreiche Gesetz der Sonntagsruhe kommt ihm zugute. Du merkst, ich werde ironisch . . . Das erste Zeichen wiedererwachender Individualität. Ein gutes Zeichen: denn so lange war ich nur — Heilmaschine. Gott sei Dank, daß ich hier oben sitze — wenn auch ^zerstochen und zernagt" . . . Aber ein paar Wochen kein Wagengerasscl,,kein Pferdebahngeklingel, kein Klagen über eingebildete Leiden, keine Capricen der Vornehmen, kein Kampf mit Dummheit, Aberglauben, Fraubasengeträtsch bei den kleinen Leuten! sUnd dazu diese Luft — die heilige Stille der Wälder! Ein paar Seen Hab' ich auch schon im Vorüberfahren entdeckt — so kleine, unbewegte Spiegel — ein Himmel in der Tiefe. . . Nein, hier bin ich, hier bleibe ich! Insektenpulver wird ja doch morgen auszutreiben sein. Man muß im Leben ja über so Vieles hinwegkommen, warum nicht auch über ein bischen — Schmutz und Armeleutegeruch? Ich bin ja doch den ganzen Tag draußen oder im Kurhause nebenan; wo ich alle Mahlzeiten einnehme; (denn hier brächt' ich ttotz alles Etoicismus keinen Bissen hinab.) Aber Mensch! schreist Du jetzt, hochroth vor Ungeduld, vaS in aller Welt treibt Dich — den Peinlich-Reinlichen, den Verwöhnten — in so eine Spelunke? . . . Die Roth, alter Junge. In dem ganzen Ort ist äugenblicklich jeder Winkel besetzt ... In «m paar Tagen hofft der Hotelwitth, ein junger, pfiffiger, forscher Kerl, der sich in die rtnttäglichc Besitzung hineingeheiratet hat, ein Zimnier freizukriegen. So mußt' ich einstweilen bei meinem Gnomen unterkriechen — er heißt Koppcr-Kupsermann — jedenfalls uralter BcrgSmannsadel. — Und denke nur nicht, daß mir's leicht gemacht wurde, dies Juwel von Wohnung zu erringen. Bewahre! Tie Ehestau Koppermann (eine wandelnde Vogelscheuche mit unheimlich großen düsteren Augen in dem fahlen, trockenen Gesicht) machte Umstände: so auf unbesttmmte Zeit . . . brummte sie und schnupperte mit ihren mißttauischen Blicken förmlich an mir herum — vorig Jahr hätte sie acht Wochen lang drei Personen gehabt... Wenn nun wieder so eine Familie käme, täglich gäb's ja jetzt Nachfragen . . . und's Zimmer wär' fort. . . „Tann in Gottes Namen nicht!" wollt ich schon heraus» fahren. Aber ein Blick durch's Fenster — die Abendsonne ging eben hinter den Wald — der ganze Himmel ein sanftes Leuchten, abgetönt vom fahlen Schwefelgelb zu silbernem Blaßblau — und die vereinzelten Hüttchen zwischen den weiten, sattgrünen Wiesen — zehn Wohnhäuser, mehr mögen's nicht sein . . . Grad kamen auch die Kühe nach Haus und eS klingelte hier und da, hell und dunkel, aber immer sanft und harmonisch ... t Ta sagt' ich der Donna Koppermann mi^ etwas in» grimmiger Freundlichkeit: wenn sie Gelegenheit ätte, bessere Miethcr zu bekommen, so sollte sie mir's nur ohne alles über» flüssige Zattgefühl gütigst vermelden. Einstweilen nähm' ich das Zimmer. Ter Preis? Ja, den verrath' ich Dir nicht. Tu bist ein viel zu guter Witth, um nicht über die handgreiflich« Unverschämtheit aus der Haut zu fahren. Mir aber ist Ruhe und Erholung so viel werth l Und so bin ich denn im Vollbesitz meines „Loscht", bezahle drei Betten und schlafe in keinem, habe die Nutznießung einer ganzen Menagerie gratis (genau genommen hat das Viehzeug mich) — und bin doch ein stoher, steier, glücklicher Mensch! Sobald es Tag wird — der graue Flor- Vorhang draußen beginnt sich schon aufzuhellen — ja eben hat ein Hahn gekräht — dann marschir' ich durch den Thau hinein in die würzige Morgensrische. Mittags lege ich mir mein Plaid unter den Kopf — irgendwo im tiefsten, heimlichsten Waldr — und dann schlaf' ich so köstlich, wie man nur im Freien schläft. Der beste Ersatz für die geraubte Nachtruhe! Uebrigcns einen Spaß muß ich Dir erzählen. Vor der Abreise ließ ich mir — der Hitze und meiner unerträglichen Kopfichmerzen wegen — meine Simsonsmähne und dito Bollbart abnehmen. Nur der Schnurrbart entging dem Schicksal der Vernichtung — den Göttern Dank! Denn — ich will Dir nur gestehen — als ich meine dunlle Haar» zier so in großen Partien zu Boden sinken sah, das Gefühl der Kälte an Haupt und Wangen spütte und, mit der Hand darüber stteisend, ein glattes Nichts an Stelle weicher Haarwellen fand — packte mich ein Schwindel, eine Leere, eine beißende Reue wie über einen großen Tummenjungenstreich. Ich Hab' ein paar Mal — besonders nach dem Genuß von Hummer oder Gänseleberpastete — den unheimlichen Traum gehabt, meine Kleider fielen Stück für Stück von mir und ich stände pudelnackend inmitten einer großen Gesellschaft. Aehnlich war mir jetzt zumuthe: ein Königreich für eine Kopfbedeckung! Und dazu, wie ich aufblicke, sieht mir aus dem Spiegel ein stemder Kerl entgegen ... ein Kerl, den ich in meinem Leben noch nicht gesehen habe und der mit allen möglichen Menschen mehr Aehnlichkeit hat, als mit mir, dem praktischen Arzt und Specialisten für Brustkrankbeiten, vr. med. Walter Jacobseu — eher z. B. mit dem Assessor Danziger... oder dem Rechtsanwalt Levy . . . oder... oder... weiß der Himmel,

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